natur mich. Es ist immer ein Beweis seines guten Willens, und der verdient alle meine Dankbarkeit.
Dieses Compliment tat einen grossen Effect; denn die Abderiten hatten's gar zu gerne, wenn man fein höflich mit ihnen sprach. "Es muss doch wohl Euripides selber sein", murmelte einer dem andern ins Ohr, und der dicke Ratsherr selbst bemerkte, bei nochmaliger Vergleichung der Büste mit dem Fremden, dass die Bärte einander vollkommen ähnlich sähen.
Zu gutem Glücke kam der Archon Onolaus und sein Neffe Onobulus dazu, der den Euripides zu Aten hundertmal gesehen, und öfters gesprochen hatte. Die Freude des jungen Onobulus über eine so unverhoffte Zusammenkunft, und seine positive Bejahung, dass der Fremde wirklich der berühmte Euripides sei, hieb den Knoten auf einmal durch; und die Abderiten versicherten nun einer den andern: sie hätten's ihm gleich beim ersten blick angesehen.
Der Nomophylax, wie er sah, dass Euripides gegen seine Büste Recht behielt, machte sich seitwärts davon. – Ein verdammter Streich! brummelte er zwischen den Zähnen vor sich her: wozu brauchte er aber auch so hinterm Berge zu halten? Wenn er wusste, dass er Euripides war, warum liess er sich mir nicht präsentieren? Da hätte alles einen ganz andern Schwung bekommen!
Der Archon Onolaus, der in solchen Fällen gemeiniglich die Honneurs der Stadt Abdera zu machen pflegte, lud den Dichter mit grosser Höflichkeit ein, das Gastrecht bei ihm zu nehmen, und bat sich zugleich von dem politischen und dicken Ratsherrn die Ehre auf den Abend aus; welches beide mit vielem Vergnügen annahmen.
"dachte ich's nicht gleich? (sagte der dicke Ratsherr zu einem der Umstehenden;) der leibhaftige Euripides! Bart, Nase, Stirn, Ohrenläppchen, Augenbraunen, alles auf ein Haar! Man kann nichts gleichers sehen! Wo doch wohl der Nomophylax seine Sinne hatte? Aber, – ja – ja, er mochte wohl ein bisschen – Hm! Sie verstehen mich? – Cantores amant humores – Ha, ha, ha, ha! Basta! Desto besser, dass wir den Euripides bei uns haben! Was ich sage, ein feiner Mann, beim Jupiter! und der uns viel Spass machen soll! Ha, ha, ha!"
Siebentes Kapitel
Wie Euripides nach Abdera gekommen, nebst
einigen Geheimnachrichten von dem hof zu Pella
So möglich es an sich selbst war, dass sich Euripides zu Abdera befinden konnte, und eben so gut in dem Augenblick, wo der Nomophylax Gryllus auf ihn provocierte, als in jedem andern und so gewohnt man dergleichen unvermuteter Erscheinungen auf dem Teater ist: so begreifen wir doch wohl, dass es eine andre Bewandtnis hat, wenn sich eine solche Erscheinung im Parterre ereignet; und es ist solchenfalls der Majestät der Geschichte55 gemäss, den Leser zu verständigen, wie es damit zugegangen. Wir wollen alles, was wir davon wissen, getreulich berichten; und sollte dem scharfsinnigen Leser dem ungeachtet noch einiger Zweifel übrig bleiben: so müsste es nur die allgemeine Frage betreffen, die sich bei jeder Begebenheit unter und über dem mond aufwerfen lässt: nämlich, warum z.E. just von einer Mücke, und just von dieser individuellen Mücke, just in dieser Secunde – dieser zehnten Minute – dieser sechsten Nachmittagsstunde, dieses 10 ten Augusts – dieses 1778 Jahres gemeiner Zeitrechnung, just diese nämliche Frau oder fräulein von *** nicht ins Gesicht, nicht in den Nakken, Ellnbogen, Busen, nicht auf die Hand, noch in die Ferse, u.s.w. sondern gerade vier Daumen hoch über der linken Kniescheibe gestochen worden u.s.w. – und da bekennen wir ohne Scheu, dass wir auf dieses Warum nichts zu antworten wissen. Fragt die Götter – könnten wir allenfalls mit einem grossen mann sagen; aber weil dieses offenbar eine – heroische Antwort wäre, so halten wirs für anständiger, die Sache lediglich auf sich beruhen zu lassen.
Also – was wir wissen. Der König Archelaus in Macedonien, ein grosser Liebhaber der schönen Künste und der – schönen Geister (wie man damals gewisse verzärtelte Kinder der natur nicht nannte, und wie man heutigs Tages einen Jeden nennt, von dem man nicht sagen kann, was er ist) – dieser König Archelaus war auf den Einfall gekommen, ein eigenes Hofschauspiel zu halben; und vermöge einer Zusammenkettung von Umständen, Ursachen, Mitteln und Zwecken, woran niemanden mehr viel gelegen sein kann, hatte er den Euripides unter sehr vorteilhaften Bedingungen vermocht, mit einer truppe ausgesuchter Schauspieler, Virtuosen, Baumeister, Maler und Machinisten, kurz mit allem, was zu einem vollständigen Teaterwesen gehört, nach Pella an sein Hoflager zu kommen, und die Direction über die neue Hofschaubühne zu übernehmen. Auf dieser Reise war jetzt Euripides mit seiner ganzen Gesellschaft begriffen; und wiewohl der Weg über Abdera weder der einzige noch der kürzeste war, so hatte er ihn doch genommem, weil er Lust hatte, eine wegen des Witzes ihrer Einwohner so berühmte Republik mit eignen Augen zu sehen. Wie es aber gekommen, dass er an dem nämlichen Tage eingetroffen, da der Nomophylax seine Andromeda zum erstenmale gab; davon können wir, wie gesagt, keine Rechenschaft geben. Dergleichen Apropo's tragen sich häufiger zu als man denkt; und es ist wenigstens kein grösseres Mirakel, als dass z.E. der junge Herr von ** eben im Begriff war, seine Beinkleider hinaufzuziehen, als unvermutet seine Nähterin ins Zimmer trat,