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, die dem Meister Ehre machten? Finden Sie z.E. den Einfall, wie die Nereiden eingeführt worden, nicht ungemein glücklich?"

Der Fremde schien des Abderiten satt zu sein: Ich finde, versetzte er mit einiger Ungeduld, dass die Abderiten glücklich sind, an allen diesen Dingen so viel Freude zu haben.

"Mein Herr, sagte der junge Geelschnabel in einem spöttelnden Tone, gestehen Sie nur, dass das Stück die Ehre und das Glück nicht gehabt hat, Ihren Beifall zu erhalten."

Was ist Ihnen an meinem Beifall gelegen? Die Majora entscheiden.

"Da haben Sie Recht. Aber ich möchte doch um Wunders willen hören, was Sie denn gegen unsre Musik oder gegen unsre Schauspieler einwenden könnten?"

Könnten? sagte der Fremde etwas schnell, hielt aber gleich wieder an sichVerzeihen Sie mir, ich mag niemand sein Vergnügen abdisputieren. Das Stück, wie es da gespielt worden, hat zu Abdera allgemein gefallen; was wollen Sie mehr? –

"Nicht so allgemein, da es Ihnen nicht gefallen hat!"

Ich bin ein Fremder

"Fremd oder nicht, Ihre Gründe möchte' ich hören! Hi, hi, hi! Ihre Gründe, mein Herr, Ihre Gründe! die werden doch wenigstens keine Fremde sein! Hi, hi, hi, hi!"

Dem Fremden fing die Geduld an auszugehen. Junger Herr, sagte er, ich habe für meine Komödie bezahlt; denn ich habe geklatscht wie ein andrer. Lassen Sie's damit gut sein! Ich bin im Begriff wieder abzureisen. Ich habe meine Geschäfte.

"Ei, ei, sagte ein andrer abderitischer junger Mensch, der dem Gespräch zugehört hatte, Sie werden uns ja nicht schon verlassen wollen? Sie scheinen ein grosser Kenner zu sein; Sie haben unsre Neugier, unsre Lehrbegierde (er sagte dies mit einem dummnaseweisen Hohnlächeln) gereizt; wir lassen Sie wahrlich nicht gehen, bis Sie uns gesagt haben, was Sie an dem heutigen Singspiel zu tadeln finden. Ich will nichts von den Worten sagen; ich bin kein Kenner; aber die Musik, dächt ich, war doch unvergleichlich?"

Das müssten am Ende doch wohl die Worte entscheiden, wie Sie's nennen, sagte der Fremde.

"Wie meinen Sie das? Ich denke Musik ist Musik, und man braucht nur Ohren zu haben, um zu hören, was schön ist."

Ich gebe Ihnen zu, wenn Sie wollen, erwiderte jener, dass schöne Stellen in dieser Musik sind; es mag überhaupt eine gelehrte, nach allen Regeln der Kunst zugeschnittene, schulgerechte, artikelmässige Musik sein: ich habe dagegen nichts; ich sage nur, dass es keine Musik zur Andromeda des Euripides ist!

"Sie meinen, dass die Worte besser ausgedrückt sein sollten?" O! die Worte sind zuweilen nur zu sehr ausgedrückt; aber im Ganzen, meine Herren, im Ganzen ist der Ton des Dichters verfehlt. Der Charakter der Personen, die Wahrheit der Affecten und Empfindungen, das eigene Schickliche der Situationendas, was die Musik sein kann und sein muss, um Sprache der natur, Sprache der leidenschaft zu seinwas sie sein muss, damit der Dichter auf ihr wie in seinem Elemente schwimme, und emporgetragen, nicht ersäuft werdedas alles ist durchaus verfehlt kurz, das Ganze taugt nichts! da haben Sie meine beichte in drei Worten!

"Das Ganze, schrien die beiden Abderiten, das Ganze taugt nichts? Nun, das ist viel gesagt! Wir möchten wohl hören, wie Sie das beweisen wollten?"

Die Lebhaftigkeit, womit unsre beiden Verfechter ihres vaterländischen Geschmacks dem graubärtigen Fremden zusetzten, hatte bereits verschiedne andre Abderiten herbeigezogen; jedermann wurde aufmerksam auf einen Streit, der die Ehre ihres Nationalteaters zu betreffen schien. Alles drängte sich hinzu; und der Fremde, wiewohl er ein langer stattlicher Mann war, fand für nötig, sich an einen Pfeiler zurückzuziehen, um wenigstens den rücken frei zu behalten.

Wie ich das beweisen Wollte? erwiderte er ganz gelassen: ich werde es nicht beweisen! Wem Sie das Stück gelesen, die Aufführung gesehen, die Musik gehört haben, und können noch verlangen, dass ich Ihnen mein Urteil davon beweisen soll: so würde' ich Zeit und Atem verlieren, wenn ich mich weiter mit Ihnen einliesse.

"Der Herr ist, wie ich höre, ein wenig schwer zu befriedigen, sagte ein Ratsherr, der sich ins Gespräch mischen wollte, und dem die beiden jungen Abderiten aus Respect Platz machten. Wir haben doch hier in Abdera auch Ohren! Man lässt zwar jedem seine Freiheit; aber gleichwohl –"

"Wie? was? was gibts da? schrie der kurze dicke Ratsherr, der auch herbei gewatschelt kam; hat der Herr da etwas wider das Stück einzuwenden? Das möchte' ich hören! ha, ha, ha! Eins der besten Stücke, mein Treu! die seit langem aufs Teater gekommen sind! Viel Action! Viel – ä – ä – was ich sage! Ein schön Stück! Und schöne Moral!"

Meine Herren, sagte der Fremde, ich habe Geschäfte. Ich kam hieher, um ein wenig auszurasten; ich habe geklatscht, wie's der Landesgebrauch mit sich bringt, und wäre still und friedlich wieder meines Weges gegangen, wenn mich diese jungen Herren hier nicht auf die zudringlichste Art genötigt hätten, ihnen meine Meinung zu sagen.

"Sie haben auch