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und zur Unzeit, einmischte, und immer damit willkommen war. Sie mochte zu tun haben was sie wollte, zu lachen oder zu weinen, zu klagen oder zu zürnen, zu hoffen oder zu fürchten: immer fand sie gelegenheit, ihre Nachtigallen anzubringen, und war immer gewiss, beklatscht zu werden, wenn sie gleich die besten Stellen damit verdorben hätte.

Von den übrigen Personen, die den Perseus als den ersten Liebhaber, den Agenor, vormaligen Liebhaber der Andromeda, den Vater, die Mutter, und einen Priester des Neptuns vorstellten, finden wir nicht viel mehr zu sagen, als dass man im Einzelnen zwar viel an ihnen auszustellen hatte, im Ganzen aber sehr wohl mit ihnen zufrieden war. Perseus war ein schöngewachsner Mensch, und hatte ein grosses Talent für einenabderitischen Pickelhering. Der vorerwähnte Cyklops, im Satyrenspiele dieses Namens von Euripides, war seine Meisterrolle. Er spielt den Perseus gar schön, sagten die Abderitinnen; nur Schade dass ihm zuweilen unvermerkt der Cyklops dazwischen kommt. Cassiopea, ein kleines zieraffichtes Ding, voller angemasster Grazien, hatte keinen einzigen natürlichen Ton; aber sie galt alles bei der Gemahlin des zweiten Archon, hatte eine gar drollichte Manier, kleine Liedchen zu singen, undtat ihr Bestes. Der Priester des Neptuns brüllte einen ungeheuren Matrosenbass; und Agenorsang so elend, als einem zweiten Liebhaber zusteht. Er sang zwar auch nicht besser, wenn er den ersten machte; aber weil er sehr gut tanzte, so hatte er eine Art von Privilegium erhalten, desto schlechter singen zu dürfen. Er tanzt sehr schön, war immer die Antwort der Abderiten, wenn jemand anmerkte, dass sein Krächzen unerträglich sei; indessen tanzte Agenor nur selten, und sang hingegen in allen Singspielen und Operetten.

Um die Schönheit dieser Andromeda ganz zu übersehen, muss man sich noch zwei Chöre, einen von Nereiden, und einen von den Gespielinnen der Andromeda, einbilden, beide aus verkleideten Schuljungen bestehend, die sich so ungebärdig dazu anschickten, dass die Abderiten (zu ihrem grossen Troste) genug und satt zu lachen bekamen. Besonders tat der Chor der Nereiden, durch die Erfindungen, die der Nomophylax dabei angebracht hatte, die schnurrigste wirkung von der Welt. Die Nereiden erschienen mit halbem Leib aus dem wasser hervorragend, mit falschen gelben Haaren, und mit mächtigen falschen Brüsten, die von ferne recht natürlich wieausgestopfte Ballons und also sich selbst vollkommen gleich sahen. Die Symphonie, unter welcher diese Meerwunder herangeschwommen kamen, war eine Nachahmung des berühmten Wreckeckeck Koax Koax in den Fröschen des Aristophanes; und, um die Illusion vollkommner zu machen, hatte Herr Gryllus verschiedene Kühhörner angebracht, die von Zeit zu Zeit einfielen, um die auf ihren Schneckenmuscheln blasenden Tritonen nachzuahmen.

Von den Decorationen wollen wir, beliebter Kürze halben, weiter nichts sagen, als dass sievon den Abderiten sehr schön befunden wurden. Insonderheit bewunderte man einen Sonnenuntergang, den sie vermittelst eines mit langen Schwefelhölzern besteckten Windmühlenrades zuwege brachten; welches einen guten Effect getan hätte, sagten sie, wenn es nur ein wenig schneller umgetrieben worden wäre. Bei der Art, wie Perseus mit seinen Mercurstiefeln aufs Teater angeflogen kam, hätten die Kenner wohl wünschen mögen, dass man die Stricke, in denen er hing, luftfarbig angestrichen hätte, damit sie nicht so gar deutlich in die Augen gefallen wären.

Sechstes Kapitel

Sonderbares Nachspiel, das die Abderiten mit einem

unbekannten Fremden spielten, und dessen höchst

unvermutete Entwicklung

Sobald das Stück geendigt war, und das betäubende Klatschen ein wenig nachliess, fragte man einander, wie gewöhnlich: Nun, wie hat Ihnen das Stück gefallen? und erhielt überall die gewöhnliche Antwort. Einer von den jungen Herren, der für einen vorzüglichen Kenner passierte, richtete die grosse Frage auch an einen etwas bejahrten Fremden, der in einer der mittlern Reihen sass, und dem Ansehen nach kein gemeiner Mann zu sein schien. Der Fremde, der sichs vielleicht schon gemerkt hatte, was man zu Abdera auf eine solche Frage antworten musste, war so ziemlich bald mit seinem Sehr wohl heraus; aber weil seine Miene diesen Beifall etwas verdächtig machte, und sogar eine unfreiwillige, wie wohl ganz schwache Bewegung der Achseln, womit er ihn begleitete, für ein Achselzucken ausgedeutet werden konnte: so liess ihn der junge abderitische Herr nicht so wohlfeil durch wischen. "Es scheint, sagte er, das Stück hat Ihnen nicht gefallen' Es passiert doch für eine der besten Piecen vom Euripides!" Das Stück mag nicht übel sein, erwiderte der Fremde. –

"So haben Sie vielleicht an der Musik etwas auszusetzen?" –

An der Musik, – O! was die Musik betrifft, die ist eine Musik wie man sie nur zu Abdera hört. –

"Sie sind sehr höflich! In der Tat, unser Nomophylax ist ein grosser Mann in seiner Art." –

Ganz gewiss! –

"So sind Sie vermutlich mit den Schauspielern nicht zufrieden?" –

Ich bin mit der ganzen Welt zufrieden. –

"Ich dächte doch, die Andromeda hätte ihre Rolle scharmant gemacht?" –

O! sehr scharmant! –

"Sie tut einen grossen Effect: nicht wahr?" –

Das werden Sie am besten wissen; ich bin dazu nicht mehr jung genug. –

"Wenigstens werden Sie doch gestehen, dass Perseus ein grosser Acteur ist?" –

In der Tat, ein hübscher wohlgewachsner Mensch! –

"Und die Chöre? das waren doch Chöre