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Dinge wieder ins gehörige Gleichgewicht kamen. Die Abderiten, die, nach ziemlich allgemeiner menschlicher Weise, Anfangs für jede Gattung eine ausschliessende Neigung fassten, fanden endlich, dass es nur desto besser sei, wenn sie dem Überdruss durch Abwechslung und Mannigfaltigkeit wehren konnten. Die Tragödien, gemeine, grissgrammische und pantomimische, die Komödien, Operetten und Possenspiele kamen wieder in Umlauf; der Nomophylax componierte die Tragödien des Euripides; und Hyperbolus (zumal da ihn das Project, abderitischer Homer zu werden, im kopf stak,) liess sichs, weil's doch nicht zu ändern war, am Ende gerne gefallen, die höchste Gunst des abderitischen Parterre mit Tlapsen zu teilen; zumal, da dieser durch die Heirat mit der Nichte eines Oberzunftmeisters seit kurzem eine wichtige person geworden war.

Viertes Kapitel

Merkwürdiges Beispiel von der guten

Staatswirtschaft der Abderiten

Beschluss der Digression über ihr Teaterwesen

Ehe wir von dieser Abschweifung zum Verfolg unsrer geschichte zurückkehren, möchte vonnöten sein, dem geneigten Leser einen kleinen Zweifel zu benehmen, der ihm während vorstehender kurzen Abschattung des abderitischen Schauspielwesens aufgestossen sein möchte.

Es ist nicht wohl zu begreifen, wird man sagen, wie das Aerarium von Abdera, dessen Einkünfte eben nicht so gar beträchtlich sein konnten, eine so ansehnliche Nebenausgabe, wie ein tägliches Schauspiel mit allen seinen Artikeln ist, in die Länge habe bestreiten können; gesetzt auch, dass die Dichter ohne Sold noch Lohn, aus purem Patriotismus, oder um die blosse Ehre, gedient hätten. Wofern aber dies letztere war, wird man kaum glaublich finden, dass es so manchen Teaterdichter von Profession in Abdera gegeben, und dass der grosse Hyperbolus, mit allem seinem Patriotismus und Eigennutz, es bis auf dramatische Stücke sollte getrieben haben.

Um nun den günstigen Leser nicht ohne Not aufzuhalten, wollen wir ihm nur gleich unverhohlen gestehendass ihre Teaterdichter keineswegs umsonst arbeiteten (denn das grosse Gesetz: "dem Ochsen, der da drischt, sollst du nicht das Maul verbinden!" ist ein Naturgesetz, dessen allgemeine Verbindlichkeit auch sogar die Abderiten fühlten), und dass, vermöge einer besonderen Finanzoperation, das Stadtärarium durch das Teater eigentlich keine neue Ausgabe zu bestreiten hatte, sondern dieser Aufwand grösstenteils an andern nötigern und nützlichern Artikeln erspart wurde.

Die Sache verhielt sich so. So bald die gönner des Teaters sahen, dass die Abderiten Feuer gefasst, und Schauspiele zum Bedürfnis für sie geworden, ermangelten sie nicht, dem Volk durch die Zunftmeister vorstellen zu lassen: dass das Aerarium einem so grossen Zuwachs von Ausgaben ohne neue Einnahmequellen oder Erziehung andrer Ausgaben nicht gewachsen sei. Dies veranlasste denn, dass eine Commission niedergesetzt wurde, welche, nach mehr als sechzig zahlbaren Sessionen, endlich einen Entwurf einer Einrichtung des gemeinen abderitischen Teaterwesens vor Rat legte, den man so gründlich und wohlausgesonnen befand, dass er stracks in einer allgemeinen Versammlung der Bürgerschaft zu einem Fundamentalgesetz der Stadt Abdera gestempelt wurde.

Wir würden uns ein Vergnügen daraus machen, dieses abderitische Meisterstück auch vor unsre Leser zu legen, wenn wir ihnen Geduld genug zutrauen dürften, es zu lesen. Sollte aber irgend ein gemeines Wesen in oder ausser dem heil. röm. Reiche die Mitteilung desselben wünschen: so ist man erbötig, solche auf beschehene Requisition, gegen blosse Erstattung der Schreibauslagen unentgeltlich zu communicieren. Alles, was wir hier davon sagen können, ist: dass, vermöge dieser Einrichtung, sine aggravio Publici hinlängliche Fonds ausgemacht wurden, die Abderiten wöchentlich viermal mit Schauspielen zu tractieren; sowohl Dichter, Schauspieler und Orchester, als die Herren Deputierten und den Nomophylax condigne zu remunerieren; und überdies noch die beiden untersten Classen der Zuschauer bei jeder Vorstellung viritim mit einem Pfennigbrot und zwo trocknen Feigen zu gratificieren. Der einzige Fehler dieser schönen Einrichtung war, dass die Herren von der Commission sich in Berechnung der Einnahme und Ausgabe (wegen deren Richtigkeit man sich auf ihre bekannte Dexterität verliess) um 28000 Drachmen (ungefähr drittalb tausend Taler unsers Geldes) verrechnet hatten, die das Aerarium mehr bezahlen musste, als die angewiesenen Fonds betrugen. Das war nun freilich kein ganz gleichgültiger Rechnungsverstoss! Indessen waren die Herren von Abdera gewohnt, so glattweg und bona fide bei ihrem Aerario zu Werke zu gehen, dass etliche Jahre verstrichen, bis man gewahr wurde, woran es liege, dass alle Jahre 2500 Taler in ihrem Stadtseckel zu wenig waren. Wie man es endlich mit vieler Mühe heraus gebracht hatte, fanden die Häupter für nötig, die Sache vor das gesamte Volk zu bringen, undpro forma auf Einziehung der Schaubühne anzutragen. Allein die Abderiten gebärdeten sich zu diesem Vorschlag, als ob man ihnen wasser und Feuer nehmen wolle. Kurz, es wurde ein Plebiscitum errichtet, dass die jährlich abgängigen drittalb Talente aus dem gemeinen Schatz, der im Tempel der Latona niedergelegt war, genommen werden sollten; und derjenige, der sich künftig unterfangen würde, auf Abschaffung der Schaubühne anzutragen, sollte für einen Feind der Stadt Abdera angesehen werden.

Die Abderiten glaubten nun, ihre Sache recht klug gemacht zu haben, und pflegten gegen Fremde sich viel darauf zu gut zu tun, dass ihre Schaubühne jährlich 80 Talente (80,000 Taler) und gleichwohl der Bürgerschaft von Abdera keinen heller koste. "Es kommt alles auf eine gute Einrichtung an, sagten sie. Aber dafür haben wir auch ein Nationalteater, wie kein andres in der Welt sein muss!" – Das ist eine grosse Wahrheit, sagte Demokritus; solche Dichter, solche Schauspieler, solche Musik, und wöchentlich viermal, für