. Diese Widersinnigkeit erstreckte sich über alle Gegenstände des Geschmacks. Ein Leierspieler wurde in Abdera nur dann für vortrefflich gehalten, wenn er die saiten so zu rühren wusste, dass man eine Flöte zu hören glaubte; und eine Sängerin, um bewundert zu werden, musste gurgeln und trillern wie eine Nachtigall. Die Abderiten hatten keinen Begriff davon, dass die Musik nur in so fern Musik ist, als sie das Herz rührt: sie waren wohl zufrieden, wenn nur ihre Ohren gekützelt, oder wenigstens mit nichtssagenden, aber vollen und oft abwechselnden Harmonien gestopft wurden. Mit einem Worte, bei aller ihrer Schwärmerei für die Künste hatten die Abderiten keinen Geschmack; und es ahnete ihnen gar nicht, dass das Schöne aus einem höhern grund schön sei, als weil es ihnen so beliebte.
Dieses alles ungeachtet, konnte natur, Zufall und gutes Glück mit zusammengesetzten Kräften wohl einmal so viel zuwege bringen, dass ein geborner Abderite Menschenverstand bekam. Aber wenigstens muss man gestehen, wenn sich so etwas begab, so hatte Abdera nichts dabei geholfen. Denn ein Abderit war ordentlicher Weise nur in so fern klug, als er kein Abderit war; – ein Umstand, der uns ohne Mühe begreifen lässt, warum die Abderiten von demjenigen unter ihren Mitbürgern, der ihnen in den Augen der Welt am meisten Ehre machte, immer am wenigsten hielten. Dies war keine ihrer gewöhnlichen Widersinnigkeiten. Sie hatten eine Ursache dazu, die so natürlich ist, dass es unbillig wäre, sie ihnen zum Vorwurf zu machen.
Diese Ursache war nicht (wie einige sich einbilden), weil sie z.E. den Naturforscher Demokritus – lange zuvor, eh er ein grosser Mann war – mit dem Kreisel spielen, oder auf einem Grasplatze Burzelbäume machen gesehen hatten. –
Auch nicht: weil sie aus Neid oder Eifersucht nicht leiden konnten, dass einer aus ihrem Mittel klüger sein sollte als sie. Denn – bei der untrüglichen Aufschrift der Pforte des delphischen Tempels! – dies zu denken hatte kein einziger Abderit Weisheit genug, oder er würde von dem Augenblick an kein Abderit mehr gewesen sein.
Der wahre Grund, meine Freunde, warum die Abderiten aus ihrem Mitbürger Demokritus nicht viel machten, war dieser: weil sie ihn für – keinen weisen Mann hielten.
"Warum das nicht?"
Weil sie nicht konnten.
"Und warum konnten sie nicht?"
Weil sie sich alsdann selbst für Dummköpfe hätten halten müssen. Und dies zu tun waren sie gleichwohl nicht widersinnisch genug.
Auch hätten sie eben so leicht auf dem kopf tanzen, oder den Mond mit den Zähnen fassen, oder den Zirkel quadrieren können, als einen Menschen, der in Allem ihr Gegenfüssler war, für einen weisen Mann zu halten. Dies folgt aus einer Eigenschaft der menschlichen natur, die schon zu Adams zeiten bemerkt worden sein muss, und gleichwohl, da Helvetius daraus folgerte – was daraus folgt, vielen ganz neu vorkam; die seit dieser Zeit niemanden mehr neu ist, und dennoch im Leben alle Augenblicke Vergessen wird.
Drittes Kapitel
Was Demokritus für ein Mann war
Seine Reisen
Er kommt nach Abdera zurück
Was er mitbringt, und wie er aufgenommen wird
Ein Examen, das sie mit ihm vornehmen, welches
zugleich eine probe einer abderitischen
Conversation ist
Demokritus – ich denke nicht, dass es Sie gereuen wird, den Mann näher kennen zu lernen –
Demokritus war ungefähr zwanzig Jahre alt, als er seinen Vater, einen der reichsten Bürger von Abdera, erbte. Anstatt nun darauf zu denken, wie er seinen Reichtum erhalten oder vermehren, oder auf die angenehmste oder lächerlichste Art durchbringen wollte, entschloss sich der junge Mensch, solchen zum Mittel – der Vervollkommnung seiner Seele zu machen.
"Aber was sagten die Abderiten zum Entschlusse des jungen Demokritus?"
Die guten Leute hatten sich nie träumen lassen, dass die Seele ein anderes Interesse habe, als der Magen, der Bauch und die übrigen integranten Teile des sichtbaren Menschen. Also mag ihnen freilich diese Grille ihres Landsmannes wunderlich genug vorgekommen sein. Allein, dies war nun gerade was er sich am wenigsten anfechten liess. Er ging seinen Weg fort, und brachte viele Jahre mit gelehrten Reisen durch alle festen Länder und Inseln zu, die man damals bereisen konnte. Denn wer zu seiner Zeit weise werden wollte, musste mit eignen Augen sehen. Es gab noch keine Buchdruckereien, keine Journale, Biblioteken, Magazine, Encyklopädien, Realwörterbücher, und wie alle die Werkzeuge heissen, mit deren hülfe man jetzt, ohne zu wissen wie, ein Philosoph, ein Kunstrichter, ein Autor, ein Alleswisser wird. Damals war die Weisheit so teuer, und noch teurer als – die schöne Lais. Nicht jedermann konnte nach Korint reisen. Die Anzahl der Weisen war sehr klein; aber die es waren, waren es auch desto mehr.
Demokritus reisete nicht bloss um der Menschen Sitten und Verfassungen zu beschauen, wie Ulysses; nicht bloss um Priester und Geisterseher aufzusuchen, wie Plato; oder um Tempel, Statuen, Gemälde und Altertümer zu begucken, wie Pausanias; oder um Pflanzen und Tiere abzuzeichnen und unter Classen zu bringen, wie Doctor Solander: sondern er reisete, um natur und Kunst in allen ihren Wirkungen und Ursachen, den Menschen in seiner Nackteit und in allen seinen Einkleidungen und Verkleidungen, roh und bearbeitet, bemalt und unbemalt, ganz und verstümmelt, und die übrigen Dinge in allen ihren Beziehungen auf den Menschen, kennen zu lernen. Die Raupen in Aetiopien (sagte Demokritus,