dieser Vorzug erwarb ihm den hochtrabenden Zunamen Hyperbolus: denn von Haus aus nannte er sich Hegesias. Der Grund, warum dieser Mensch ein so besonderes Glück bei den Abderiten machte, war der natürlichste von der Welt – nämlich eben der, weswegen er und seine Werke an jedem andern Orte der Welt als in Abdera ausgepfiffen worden wären. Er war unter allen ihren Dichtern derjenige, in welchem der eigentliche Geist von Abdera, mit allen seinen Idiotismen und Abweichungen von den schönern Formen, Proportionen und Lineamenten der Menschheit, am leibhaftesten wohnte – derjenige, mit dem alle übrigen am meisten sympatisierten – der immer alles just so machte, wie sie es auch gemacht haben würden – ihnen immer das Wort aus dem mund nahm – immer das eigentliche Pünktchen traf, wo sie gekützelt sein wollten – mit einem Wort, der Dichter nach ihrem Sinn und Herzen; und das nicht etwa in Kraft eines ausserordentlichen Scharfsinns, oder als ob er sich ein besonderes Studium daraus gemacht hätte, sondern lediglich, weil er unter allen seinen Brüdern im Marsyas am meisten – Abderit war. Bei ihm durfte man sich darauf verlassen, dass der Gesichtspunkt, woraus er eine Sache ansah, immer der schiefste war, woraus sie angesehen werden konnte; dass er zwischen zwei Dingen allemal die Ähnlichkeit just fand, wo ihr wesentlichster Unterschied lag; dass er je und allezeit feierlich aussehen würde, wo ein vernünftiger Mensch lacht, und lachen würde, wo es nur einem Abderiten einfallen kann zu lachen, u.s.w. Ein Mann, der des abderitischen Genius so voll war, konnte natürlicher Weise in Abdera alles sein, was er wollte. Auch war er ihr Anakreon, ihr Alcäus, ihr Pindar, ihr Aeschylus, ihr Aristophanes, und seit kurzem arbeitete er an einem grossen Nationalheldengedicht in acht und vierzig Gesängen, die Abderiade genannt – zu grosser Freude des ganzen abderitischen volkes! "Denn, sagten sie, ein Homer ist das einzige, was uns noch abgeht: und wenn Hyperbolus mit seiner Abderiade fertig sein wird, so haben wir Ilias und Odyssee in einem Stücke beisammen; und dann lass die andern Griechen kommen, und uns noch über die Achseln ansehen, wenn sie das Herz haben! Sie sollen uns dann einen Mann stellen, dem wir nicht einen aus unserm Mittel gegenüber stellen wollen!" –
Indessen war doch die Tragödie das eigentliche Fach des Hyperbolus. Er hatte deren hundert und zwanzig (vermutlich auch gross und klein in einander gerechnet) verfertiget – ein Umstand, der ihm bei einem volk, das in allen Dingen nur auf Anzahl und körperlichen Umfang sah, allein schon einen ausserordentlichen Vorzug geben musste. Denn von allen seinen Nebenbuhlern hatte es keiner auch nur auf das Drittel dieser Zahl bringen können. Ungeachtet ihn die Abderiten wegen des Bombasts seiner Schreibart ihren Aeschylus zu nennen pflegten, so wusste er sich selbst doch nicht wenig mit seiner Originalität. Man weise mir, sprach er, einen Charakter, einen Gedanken, ein Sentiment, einen Ausdruck, in allen meinen Werken, den ich aus einem andern genommen hätte! – oder aus der natur, setzte Demokritus hinzu – "O! (rief Hyperbolus) was das betrifft, das kann ich Ihnen zugeben, ohne dass ich viel dabei verliere. natur! natur! die Herren klappern immer mit ihrer natur, und wissen am Ende nicht was sie wollen. Die gemeine natur – und die meinen Sie doch – gehört in die Komödie, ins Possenspiel, in die Tlapsödie, wenn Sie wollen! Aber die Tragödie muss über die natur gehen, oder ich gebe nicht eine hohle Nuss darum." Von den seinigen galt dies im vollesten Mass. So wie seine Personen hatte nie kein Mensch ausgesehen, nie kein Mensch gefühlt, gedacht, gesprochen noch gehandelt. Aber das wollten die Abderiten eben – und daher kam es auch, dass sie unter allen auswärtigen Dichtern am wenigsten aus dem Sophokles machten. "Wenn ich aufrichtig sagen soll, wie ich denke", sagte einst Hyperbolus in einer vornehmen Gesellschaft, wo über diese Materie auf gut Abderitisch raisonniert wurde – "ich habe nie begreifen können, was an dem Oedipus oder an der Elektra des Sophokles, insonderheit was an seinem Philoktet so ausserordentliches sein soll: Für einen Nachfolger eines so erhabnen Dichters wie Aeschylus, fällt er wahrlich gewaltig ab! Nun ja, attische Urbanität, die streit' ich ihm nicht ab! Urbanität so viel Sie wollen! Aber der Feuerstrom, die wetterleuchtenden Gedanken, die Donnerschläge, der hinreissende Wirbelwind – kurz, die Riesenstärke, der Adlersflug, der Löwengrimm, der Sturm und Drang, der den wahren tragischen Dichter macht, wo ist der?" – Das nenn' ich wie ein Meister von der Sache sprechen, sagte einer von der Gesellschaft – O! über solche Dinge verlassen Sie sich auf das Urteil des Hyperbolus (rief ein andrer); wenn er das nicht verstehen sollte! – Er hat 120 Tragödien gemacht, flüsterte eine Abderitin einem Fremden ins Ohr; 's ist der erste Teaterdichter von Abdera!
Indessen hatte es doch unter allen seinen Nebenbuhlern, Schülern und Caudatarien ihrer zweenen geglückt, ihn auf dem tragischen Tron, auf den ihm der allgemeine Beifall hinauf geschwungen, wanken zu machen – Dem einen durch ein Stück, worin der Held gleich in der ersten Scene des ersten Acts seinen Vater ermordet, im zweiten seine leibliche Schwester heiratet, im dritten entdeckt, dass er sie mit seiner Mutter gezeugt hatte, im