, Anspruch machte, ein grosser Musikverständiger und der erste Componist seiner Zeit zu sein – ein Anspruch, wogegen die gefälligen Abderiten um so weniger einzuwenden hatten, weil er ein sehr popularer Herr war, und weil seine ganze Compositionskunst in einer kleinen Anzahl melodischer Formen oder Leisten bestund, welche zu allen Arten von Texten passen mussten, und daher nichts leichter war, als seine Melodien zu singen und auswendig zu lernen.
Die Eigenschaft, auf die sich Herr Gryllus am meisten zu gut tat, war seine Behendigkeit im Componieren. "Nun wie gefällt Ihnen meine Iphigenia, Hekuba, Alcestis, oder was es sonsten war, he?" – O, ganz vortrefflich, Herr Nomophylax! – "Gelt! da ist doch ein reiner Satz! fliessende Melodie! hä, hä, hä! Und wie lange denken Sie dass ich daran gemacht habe? – Zählen Sie nach! Heute haben wir den 13 ten – – Den vierten Morgens um 5 Uhr Sie wissen ich bin früh – setzt' ich mich an mein Pult und fing an – und gestern punct 10 Uhr Vormittags macht' ich den letzten Strich! – Nun zählen Sie nach, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, – macht, wie Sie sehen, nicht volle 9 Tage, und darunter 2 Ratstage, und zwei oder drei wo ich zu gast gebeten war; andre Geschäfte nicht gerechnet – Hm! was sagen Sie? Heisst das nicht fix gearbeitet? Ich sag es eben nicht um mich zu rühmen; aber das getraue ich mir, wenn es eine Wette gälte, dass mir kein Componist im ganzen europäischen und asiatischen Griechenland bälder mit einem Stücke fertig werden soll als ich! Es ist nichts! Aber es ist doch so eine eigne Gabe die ich habe, hä, hä, hä!" – Wir hoffen unsre Leser sehen den Mann nun vor sich, und wenn sie einige Anlage zur Musik haben, so muss ihnen sein, sie hätten ihm bereits seine ganze Iphigenia, Hekuba und Alcestis herunterorgeln gehört.
Nun hatte dieser grosse Mann noch nebenher die kleine Schwachheit, dass er keine Musik gut finden konnte als – seine eigene. Keiner von den besten Componisten zu Aten, Teben, Korint u.s.w. konnte' es ihm zu Dank machen. Den berühmten Damon selbst, dessen gefällige, geistreiche und immer zum Herzen sprechende Art zu componieren, ausserhalb Abdera, alles, was eine Seele hatte, bezauberte, nannte er unter seinen Vertrauten nur den Bänkelsängercomponisten. Bei dieser Art zu denken, und vermöge der unendlichen Leichtigkeit, womit er seinen musikalischen Laich von sich gab, hatte er nun binnen wenig Jahren zu mehr als 60 Stücken von berühmten und unberühmten ateniensischen Schauspieldichtern die Musik gemacht – denn die abderitischen Nationalproducte überliess er meistens seinen Schülern und Nachahmern, und begnügte sich bloss mit der Revision ihrer Arbeit. Freilich fiel seine Wahl, wie man denken kann, nicht immer auf die besten Stücke; die Hälfte wenigstens waren bombastische Carricaturnachahmungen des Aeschylus, oder abgeschmackte Possenspiele, Jahrmarktstücke, die von ihren Verfassern selbst bloss für die Belustigung des untersten Pöbels bestimmt waren. Aber genug, der Nomophylax, ein Haupt der Stadt, hatte sie componiert; sie wurden also unendlich beklatscht und wenn sie denn auch bei der öftern Wiederholung mitunter gähnen und hojahnen machten, dass die Kinnladen hätten auseinander gehen mögen, so versicherte man einander doch beim Herausgehen sehr tröstlich: es sei gar ein schönes Stück und gar eine schöne Musik gewesen!
Und so vereinigte sich denn alles nicht nur gegen die Arten und Stufen des Schönen, sondern gegen den inneren unterschied des Vortrefflichen und Schlechten selbst, bei diesen griechenzenden Traciern, jene mechanische Kaltsinnigkeit hervorzubringen, wodurch sie sich als durch einen festen Nationalcharakterzug von allen übrigen policierten Völkern des Erdhodens auszeichneten; eine Kaltsinnigkeit, die dadurch desto sonderbarer wurde, weil sie ihnen demungeachtet die Fähigkeit liess, zuweilen von dem wirklich Schönen auf eine gar seltsame Art afficiert zu werden – wie man in kurzem aus einem merkwürdigen Beispiel ersehen soll.
Drittes Kapitel
Beiträge zur abderitischen Litterargeschichte
Nachrichten von ihren ersten teatralischen
Dichtern, Hyperbolus, Paraspasmus, Antiphilus und
Tlaps
Bei aller dieser anscheinenden Gleichgültigkeit, Toleranz, Apatie, Hidypatie, oder wie man's nehmen will, müssen wir uns die Abderiten gleichwohl nicht als Leute ohne allen Geschmack einbilden. Denn ihre fünf Sinnen hatten sie richtig und vollgezählt; und wiewohl ihnen, unter den angegebnen Umständen, Alles gut genug schmeckte: so deuchte sie doch, dieses oder jenes schmecke ihnen besser als ein andres; und so hatten sie denn ihre Lieblingsstücke und Lieblingsdichter so gut als andre Leute. Damals, als ihnen der kleine Verdruss mit dem Arzt Hippokrates zustiess, waren unter einer ziemlichen Anzahl von Teaterdichtern, welche Handwerk davon machten – die Freiwilligen nicht gerechnet – vornehmlich zwei im Besitz der höchsten Gunst des abderitischen Publicums. Der eine machte Tragödien und eine Art Stücke, die man jetzt komische Opern nennt; der andere, Namens Tlaps, eine Art von Mitteldingen, wobei einem weder wohl noch weh geschah, wovon er der erste Erfinder war, und die deswegen nach seinem Namen Tlapsödien genennet wurden.
Der erste war eben der Hyperbolus, dessen schon zu Anfang dieser eben so wahrhaften als wahrscheinlichen geschichte als des berühmtesten unter den abderitischen Dichtern erwähnt worden ist. Er hatte sich zwar auch in den übrigen Gattungen hervorgetan; die ausserordentliche Parteilichkeit seiner Landsleute für ihn hatte ihm in allen den Preis zuerkannt; und eben