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Per genium, dextramque, Deosque Penates,
sich aller unnachbarlichen und unfreundlichen Anwendungen zu entalten, und alles was folgt, so wie dies ganze Buch, in keiner andern Gemütsverfassung zu lesen, als womit sie irgend eine andre alte oder neue unparteiische Geschichtserzählung lesen würden.
Zweites Kapitel
Nähere Nachrichten von dem
abderitischen Nationalteater
Geschmack der Abderiten
Charakter des Nomophylax Gryllus
Als die Abderiten beschlossen hatten, ein stehendes Teater zu haben, wurde zugleich aus patriotischen Rücksichten festgesetzt, dass es ein Nationalteater sein sollte. Da nun die Nation, wenigstens dem grössten Teile nach, aus Abderiten bestund: so musste ihr Teater notfolglich ein abderitisches werden. Dies war natürlicherweise die erste und unheilbare Quelle alles Übels. Der Respect, den die Abderiten für die heilige Stadt der Minerva, als ihre vermeinte Mutter, trugen, brachte es zwar mit sich, dass die Schauspiele der sämtlichen ateniensischen Dichter, nicht weil sie gut waren, (denn das war eben nicht immer der Fall,) sondern weil sie von Aten kamen, in grossem Ansehen bei ihnen stunden. Und Anfangs konnte auch, aus Mangel einer genugsamen Anzahl einheimischer Stücke, beinahe nichts anders gegeben werden. Allein eben deswegen hielt man, sowohl zur Ehre der Stadt und Republik Abdera, als mancherlei anderer Vorteile wegen für nötig, eine Komödien- und Tragödienfabrik in ihrem eigenen Mittel anzulegen, und diese neue poetische Manufactur – in welcher abderitischer Witz, abderitische Sentiments, abderitische Sitten und Torheiten als eben so viele rohe Nationalproducte zu eigenem Gebrauch dramatisch verarbeitet werden sollten – wie guten weisen Regenten und Patrioten zusteht, auf alle mögliche Art aufzumuntern. Dies auf Kosten des gemeinen Seckels zu bewerkstelligen, ging aus zwo Ursachen nicht wohl an: erstens, weil nicht viel drin war; und zweitens, weil es damals noch nicht Mode war, die Zuschauer bezahlen zu lassen, sondern das Aerarium die Unkosten des Teaters tragen musste, und also ohnedies bei diesem neuen Artikel schon genug auszugeben hatte. Denn an eine neue Auflage auf die Bürgerschaft war, vor der Hand, und bis man wusste wie viel Geschmack sie dieser neuen Lustbarkeit abgewinnen würde, nicht zu gedenken. Es blieb also kein ander Mittel, als die abderitischen Dichter auf Unkosten des Geschmacks gemeiner Stadt aufzumuntern; d.i. alle Waren, die sie gratis liefern würden, für gut zu nehmen – nach dem alten Sprüchwort: geschenktem Gaul sieh nicht ins Maul; oder, wie es die Abderiten gaben: wo man umsonst isst, wird immer gut gekocht. Was Horaz von seiner Zeit in Rom sagt:
Scribimus indocti doctique poemata passim,
galt nun von Abdera im superlativsten Grade. Weil es einem zum Verdienst angerechnet wurde, wenn er ein Schauspiel schrieb, und weil schlechterdings nichts dabei zu wagen war, so machte Tragödien wer Atem genug hatte, ein paar Dutzend zusammengeraffte Gedanken in eben so viel von Bombast strotzende Perioden aufzublasen; und jeder platte Spassmacher versuchte es, die Zwerchfelle der Abderiten, auf denen er sonst in Gesellschaften oder Weinhäusern getrommelt hatte, jetzt auch einmal vom Teater herab zu bearbeiten.
Diese patriotische Nachsicht gegen die Nationalproducte hatte eine natürliche Folge, die das Übel zugleich vermehrte und fortdaurend machte. So ein gedankenleeres, windichtes, aufgeblasenes, ungezogenes, unwissendes, und aller Anstrengung unfähiges Völkchen es auch um die jungen Patricier und Damoiseaux von Abdera war, so liess sich doch gar bald einer von ihnen, wir wissen nicht ob von seinem Mädchen, oder von seinen Schmarutzern, oder auch von seinem eignen angestammten Dünkel, weis machen, dass es nur an ihm liege, dramatische Epheukränze zu erwerben so gut als ein anderer. Dieser erste Versuch wurde mit einem so glänzenden Erfolg gekrönt, dass Blemmias (ein Neffe des Archon Onolaus), ein Knabe von 17 Jahren, und (was in der Familie der Onolaus nichts ungewöhnliches war,) ein notorisches Ganshaupt, ein unwiderstehliches Jucken in seinen Fingern fühlte auch ein Bocksspiel zu machen, wie man damals das Ding hiess, dass wir jetzt ein Trauerspiel zu schelten pflegen. Niemals seit dem Abdera auf tracischem Boden stunde, hatte man ein dummeres Nationalproduct gesehen; aber der Verfasser war ein Neffe des Archon, und so konnte' es ihm nicht fehlen. Der Schauplatz war so voll, dass die jungen Herren den schönen Abderitinnen auf dem Schosse sitzen mussten; die gemeinen Leute standen einander auf den Schultern. Man hörte alle fünf Acte in unverwandter dummwartender Stille an; man gähnte, seufzte, wischte die Stirne, rieb die Augen, hatte Langeweile, und hörte zu; und wie nun endlich das langerseufzte Ende kam, wurde so abscheulich geklatscht, dass etliche zartnervichte Muttersöhnchen das Gehör darüber verloren. Nun war's klar, dass es keine so grosse Kunst sein müsse, eine Tragödie zu machen, weil sogar der junge Blemmias eine gemacht hatte. Jedermann konnte sich ohne grosse Unbescheidenheit eben so viel zutrauen. Es wurde ein Familienehrenpunkt, dass jedes gute Haus wenigstens mit einem Sohn, Neffen, Schwager oder Vetter musste prangen können, der die Nationalschaubühne mit einer Komödie, oder einem Bocksspiel, oder wenigstens mit einem Singspielchen beschenkt hatte. Wie gross dies Verdienst seinem inneren Gehalt nach etwa sei, daran dachte niemand; gutes, mittelmässiges und elendes lief in einer Herde untereinander her. Es bedurfte, um ein schlechtes Stück zu schützen, keiner Kabale. Eine Höflichkeit war der andern wert. Und weil die Herren allerseits Eselsöhrchen hatten: so konnte keinem einfallen, dem andern das Auriculas asini Mida rex habet zuzuflüstern.
Man kann sich leicht vorstellen