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früh verraten."

Gegen die Aristokratie? schrie Pfrieme mit verdoppelter stimme; gegen welche Aristokratie? Zum Henker, Herr Ratsmeister, seit wenn ist Abdera eine Aristokratie? Sind wir Zunftmeister etwa nur an die Wand hingemalt? Stellen wir nicht das Volk vor? Haben wir nicht seine Rechte und Freiheiten zu vertreten? Herr Stadtschreiber, zum Protocoll, dass ich gegen alles Widrige protestiere, und dem löblichen Zunftmeistertum sowohl als gemeiner Stadt Abdera

Protestiert! protestiert! schrien die Zunftmeister alle zusammen.

Reprotestiert! reprotestiert! schrien die Ratsherren.

Der Lerm nahm überhand. "Meine Herren, rief der regierende Archon, so laut er konnte, was für ein Schwindel hat Sie überfallen? Ich bitte, bedenken Sie, wer Sie sind, und wo Sie sind! Was werden die Eierweiber und Obständlerinnen da unten von uns denken, wenn sie uns wie die Zahnbrecher schreien hören?"

Aber die stimme der Weisheit verlor sich ungehört in dem betäubenden Getöse. Niemand hörte sein eigen Wort.

Zu gutem Glücke war es seit undenklichen zeiten in Abdera gebräuchlich, auf den Punct zwölf Uhr durch die ganze Stadt zu, Mittag zu essen; und, vermöge der Ratsordnung musste, so wie eine Stunde abgelaufen war, eine Art von Herold vor die Ratsstube treten, und die Stunde ausrufen.

Gnädige Herren, rief der Herold mit der stimme des homerischen Stentors, die zwölfte Stunde ist vorbei!

"Stille; der Stundenrufer!" – Was rief er? – "Zwölfe, meine Herren, zwölfe vorbei!" – Schon zwölfe? – Schon vorbei? So ist es hohe Zeit!

Der grösste teil der gnädigen Herren war zu gast gebeten. Das glückliche Wort Zwölfe versetzte sie also auf einmal in eine Reihe angenehmer Vorstellungen, die mit dem Gegenstand ihres Zankes nicht in der mindesten Verbindung stunden. Schneller als die Figuren in einem Guckkasten sich verwandeln, stunde eine grosse Tafel, mit einer Menge niedlicher Schüsseln bedeckt, vor ihrer Stirne, ihre Nasen weideten sich zum voraus an Düften von bester Vorbedeutung, ihre Ohren hörten das Geklapper der Teller, ihre Zunge kostete schon die leckerhaften Brühen, in deren Erfindung die abderitischen Köche mit einander wetteiferten: kurz, das unwesentliche Gastmahl beschäftigte alle Kräfte ihrer Seelen; und auf einmal war die Ruhe des abderitischen staates wieder hergestellt.

"Wo werden Sie heute speisen?" – Bei Polyphonten – "Dahin bin ich auch geladen." – Ich erfreue mich über die Ehre Ihrer Gesellschaft – "Sehr viel Ehre für mich!" – Was werden wir diesen Abend für eine Komödie haben? – "Die Andromeda des Euripides." – Also ein Trauerspiel! – "O! mein Lieblingsstück! – Und eine Musik! Unter uns, der Nomophylax hat etliche Chöre selbst gesetzt; Sie werden Wunder hören!"

Unter so sanften Gesprächen erhuben sich die Väter von Abdera, in eilfertigem, aber friedsamen Gewimmel, vom rataus; zu grosser Verwunderung der Eierweiber und Obständlerinnen, welche kurz zuvor die Wände der Ratsstube von echtem tracischem Geschrei widerhallen gehört hatten.

Alles dies hatte man dir zu danken, wohltätiger Stundenrufer! Ohne deine glückliche Dazwischenkunft würde wahrscheinlicher Weise der Zank der Ratsherren und Zunftmeister, gleich dem Zorn des Achilles (so lächerlich auch seine Veranlassung war), in ein Feuer ausgebrochen sein, welches die schrecklichste Zerrüttung, wo nicht gar den Umsturz der Republik Abdera hätte verursachen können. – Wenn jemals ein Abderit mit einer öffentlichen Ehrensäule belohnt zu werden verdient hatte, so war es gewiss dieser Stundenrufer! Zwar muss man gestehen, der grosse Dienst, den er in diesem Augenblicke seiner Vaterstadt leistete, verliert seine ganze Verdienstlichkeit durch den einzigen Umstand, dass er nur zufälliger Weise nützlich wurde. Denn der ehrliche Mann dachte, da er zur gesetzten Zeit maschinenmässig Zwölfe rief, an nichts weniger als an die unabsehbaren Übel, die er dadurch von dem gemeinen Wesen abwendete. Aber dagegen muss man auch bedenken, dass seit undenklichen zeiten kein Abderite sich auf andre Weise um sein Vaterland verdient gemacht hatte. Wenn es sich daher zutrug, dass sie etwas verrichteten, das durch irgend einen glücklichen Zufall der Stadt nützlich wurde, so dankten sie den Göttern dafür; denn sie fühlten wohl, dass sie als blosse Werkzeuge oder gelegentliche Ursachen mitgewirkt hatten. Indessen liessen sie sich doch das Verdienst des Zufalls so gut bezahlen, als ob es ihr eigenes gewesen wäre; oder richtiger zu reden: eben weil sie sich keines eignen Verdiensts dabei bewusst waren, liessen sie sich das Gute, was der Zufall unter ihrem Namen tat, auf eben den Fuss bezahlen, wie ein Mauleseltreiber den täglichen Verdienst seines Esels einzieht.

Es versteht sich, dass die Rede hier bloss von Archonten, Ratsherren und Zunftmeistern ist. Denn der ehrliche Stundenrufer mochte sich Verdienste um die Republik machen so viel oder so wenig er wollte; er bekam seine sechs Pfennige des tages in guter abderitischer Münze, undGott befohlen!

Drittes Buch

oder

Euripides unter den Abderiten

Erstes Kapitel

Die Abderiten machen sich fertig,

in die Komödie zu gehen

Es war bei den Ratsherren von Abdera eine alte hergebrachte Gewohnheit und Sitte, die bei dem Rat verhandelten Materien unmittelbar darauf bei Tische (es sei nun dass sie Gesellschaft hatten, oder mit ihrer Familie allein speiseten) zu recapitulieren und zu einer reichen Quelle entweder von witzigen Einfällen und spasshaften Anmerkungen, oder von patriotischen Stossseufzern, Klagen, Wünschen, Träumen, Aussichten u.d.gl. zu machen; zumal wenn etwa in dem abgefassten Ratsschluss die Verschwiegenheit ausdrücklich