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zum Narren! – Ich versah mir gleich vom Anfang nichts gutes zu ihm, sagte Trasyllus. – Meiner Frau wollt' er gestern gar nicht einleuchten, sprach der Ratsherr Smilax. – Ich dachte gleich es würde übel ablaufen, wie er von den sechs Schiffen sprach, die wir nach Anticyra senden sollten, sagte ein Anderer. – Und die verdammte Ernstaftigkeit, womit er uns alles das vordeclamierte, rief ein Dritter; ich gestehe, dass ich mir gar nicht einbilden konnte, wo es hinaus laufen würde. – Ha, ha, ha, ein lustiger Zufall, so wahr ich ehrlich bin, sagte der kleine dicke Ratsherr, indem er sich vor lachen den Bauch hielt: gestehen wir, dass wir fein abgeführt sind! Ein verzweifelter Streich! Das hätt' uns nicht begegnen sollen! Ha, ha, ha! – Aber wer konnte sich auch zu einem solchen mann so etwas versehen? rief der Nomophylax. – Ganz gewiss ist er auch einer von euern Philosophen, sagte Meister Pfrieme; der Priester Strobylus hat wahrlich so unrecht nicht; wenn es nicht wider unsre Freiheiten wäre, so wollt' ich der erste sein, der darauf antrüge, dass man alle diese Spitzköpfe zum land hinaus jagte.

"Meine Herren, fing jetzt der Archon an; die Ehre der Stadt Abdera ist angegriffen, und anstatt dass wir hier sitzen und uns verwundern, oder Glossen machen, sollten wir mit Ernst darauf denken, was uns in einer so kitzlichen Sache zu tun gezieme. Vor allen Dingen sehe man, wo Hippokrates hingekommen ist!"

Ein Ratsdiener, der zu diesem Ende abgeschickt wurde, kam nach einer ziemlichen Weile mit der Nachricht zurück, dass er nirgends mehr anzutreffen sei.

Ein verfluchter Streich, riefen die Ratsherren aus einem mund; wenn er uns nun entwischt wäre! – Er wird doch kein Hexenmeister sein, sagte der Zunftmeister Pfrieme, indem er nach einem Amulet sah, das er gewöhnlich zu seiner Sicherheit gegen böse Geister und böse Augen bei sich zu tragen pflegte.

Bald darauf wurde berichtet, dass man den fremden Herrn auf seinem Maulesel ganz gelassen hinter dem Tempel der Dioskuren dem Landgute des Demokritus zu traben gesehen habe.

"Was ist nun zu tun, meine Herren?" sagte der Archon.

JaAllerdings! – was nun zu tun istwas nun zu tun ist? – dies ist eben die Frage! riefen die Ratsherren indem sie einander ansahen. Nach einer langen Pause zeigte sich, dass die Herren nicht wussten, was nun zu tun war.

Der Mann steht in grossem Ansehen beim Könige von Macedonien, fuhr der Archon fort; er wird im ganzen Griechenlande wie ein zweiter Aeskulap verehrt! Wir könnten uns leicht in böse Händel verwikkeln, wenn wir einer, wiewohl gerechten, Empfindlichkeit Gehör geben wollten. Bei allem dem liegt mir die Ehre von Abdera

Ohne Unterbrechung, Herr Archon! fiel ihm der Zunftmeister Pfrieme ein; die Ehre und Freiheit von Abdera kann niemanden näher am Herzen liegen als mir selbst. Aber, alles wohl überlegt, sehe' ich wahrlich nicht, was die Ehre der Stadt mit dieser Begebenheit zu tun haben kann. Dieser Harpokratus oder Hypokritus, wie er sich nennt, ist ein Arzt; und ich habe mein Tage gehört, dass ein Arzt die ganze Welt für ein grosses Siechhaus, und alle Menschen für seine Kranken ansieht. Ein jeder spricht und handelt wie er es versteht; und was einer wünscht, das glaubt er gerne. Hypokritus möchte' es, denke' ich, wohl leiden, wenn wir alle krank wären, damit er desto mehr zu heilen hätte. Nun denkt er, wenn ich sie nur erst dahin bringen kann, dass sie meine Arzeneien einnehmen, dann sollen sie mir krank genug werden. Ich heisse nicht Meister Pfrieme, wenn dies nicht das ganze Geheimnis ist.

Mein Seele! getroffen, rief der kleine dicke Ratsherr; weder mehr noch weniger! Der Kerl ist so närrisch nicht! – Ich wette, wenn er kann, so hängt er uns alle mögliche Flüsse und Fieber an den Hals, bloss damit er den Spass habe, uns für unser Geld wieder gesund zu machen! Ha, ha, ha!

"Aber vierzehn Pfund Niesewurz auf jeden Ratsherrn! rief einer von den Ältesten, dessen Gehirn, nach seiner Miene zu urteilen, schon völlig ausgetrocknet sein mochte. Bei allen Fröschen der Latona, dies ist zu arg! Man muss beinahe auf den Argwohn kommen, dass etwas mehr dahinter steckt!"

Vierzehn Pfund Niesewurz auf jeden Ratsherrn! wiederholte Meister Pfrieme, und lachte aus vollem Halse

Und für jeden Zunftmeister, setzte Smilax mit einem bedeutenden Ton hinzu.

Das bitte ich mir aus, rief Meister Pfrieme; er sagte kein Wort von Zunftmeistern.

Aber das versteht sich doch wohl von selbst, versetzte jener; Ratsherren und Zunftmeister, Zunftmeister und Ratsherren; ich sehe nicht, warum die Herren Zunftmeister hierin was besonders haben sollten.

Wie, was? rief Meister Pfrieme mit grossem Eifer; ihr seht nicht, was die Zunftmeister vor den Ratsherren besonders haben? – Meine Herren, Sie haben es gehört! – Herr Stadtschreiber, ich bitte' es zum Protocoll zu nehmen.

Die Zunftmeister stunden alle mit grossem Gebrumme von ihren Sitzen auf.

"Sagt' ich nicht, rief der alte hypochondrische Ratsmeister, dass etwas mehr hinter der Sache stecke? Ein geheimer Anschlag gegen die AristokratieAber die Herren haben sich ein wenig zu