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, weil sie für alle, die nicht zu ihrem Orden gehören, ein wahres Geheimnis sind. Nicht ein Geheimnis, das von der Verschwiegenheit der Mitglieder, oder von ihrer Vorsichtigkeit, nicht behorcht zu werden, abhängt sondern ein Geheimnis, auf welches die natur selbst ihren Schieier gedeckt hat. Denn die Kosmopoliten könnten es ohne Bedenken bei Trompetenschall durch die ganze Welt auskündigen lassen; sie dürften sicher darauf rechnen, dass ausser ihnen selbst kein Mensch etwas davon begreifen würde. Bei dieser Bewandtnis der Sache ist nichts natürlicher, als das innige Einverständnis, und das gegenseitige Zutrauen, das sich unter zwei Kosmopoliten sogleich in der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft festsetzt. Pylades und Orestes waren, nach einer zwanzigjährigen Dauer ihrer durch alle Arten von Prüfungen und Opfern bewährten Freundschaft, nicht mehr Freunde, als es jene von dem Augenblick an, da sie einander erkennen, sind. Ihre Freundschaft hat nicht vonnöten, durch die Zeit zur Reife gebracht zu werden; sie bedarf keiner Prüfungen; sie gründet sich auf das notwendigste aller Naturgesetze, auf die notwendigkeit, uns selbst in demjenigen zu lieben, der uns am ähnlichsten ist.

Man würde etwas, wo nicht unmögliches, doch gewiss ungereimtes, von uns verlangen, wenn man erwartete, dass wir uns über das Geheimnis der Kosmopoliten deutlicher herauslassen sollten. Denn es gehört (wie wir deutlich genug zu vernehmen gegeben haben,) zur natur der Sache, dass alles, was man davon sagen kann, ein Rätsel ist, wozu nur die Glieder dieses Ordens den Schlüssel haben. Das einzige, was wir noch hinzusetzen können, ist, dass ihre Anzahl zu allen zeiten sehr klein gewesen, und dass sie, ungeachtet der Unsichtbarkeit ihrer Gesellschaft, einen Einfluss in die Dinge dieser Welt haben, dessen Wirkungen desto gewisser und dauerhafter sind, weil sie kein Geräusch machen, und meistens durch Mittel erzielt werden, deren scheinbare Direction die Augen der Menge irre macht. Wem dies ein neues Rätsel istden ersuchen wir lieber fortzulesen, als sich mit einer Sache, die ihn so wenig angeht, ohne Not den Kopf zu zerbrechen.

Demokritus und Hippokrates gehörten beide zu dieser wunderbaren und seltnen Art von Menschen. Sie waren also schon lange, wiewohl unbekannter Weise, die vertrautesten Freunde gewesen; und ihre Zusammenkunft glich viel mehr dem Wiedersehen nach einer langen Trennung, als einer neuangehenden Verbindung. Ihre gespräche, nach welchen der Leser vielleicht begierig ist, waren vermutlich interessant genug, um der Mitteilung wert zu sein. Aber sie würden uns zu weit von den Abderiten entfernen, die der eigentliche Gegenstand dieser geschichte sind. Alles, was wir davon zu sagen haben, ist: dass unsre Kosmopoliten den ganzen Abend und den grössten teil der Nacht in einer Unterredung zubrachten, wobei ihnen die Zeit sehr kurz wurde, und dass sie ihrer Gegenfüssler, der Abderiten, und ihres Senats, und der Ursache, warum sie den Hippokrates hatten kommen lassen, so gänzlich darüber vergassen, als ob niemals so ein Ort und solche Leute in der Welt gewesen wären.

Erst des folgenden Morgens, da sie, nach einem leichten Schlaf von wenigen Stunden, wieder zusammenkamen, um auf einer an die Gärten des Demokritus grenzenden Anhöhe der Morgenluft zu geniessen, erinnerte der Anblick der unter ihnen im Sonnenglanz liegenden Stadt den Hippokrates, dass er in Abdera Geschäfte habe. "Kannst du wohl erraten, sagte er zu seinem Freunde, zu welchem Ende mich die Abderiten eingeladen haben?" –

Die Abderiten haben dich eingeladen, rief Demokritus. Ich hörte doch, diese Zeit her, von keiner Seuche, die unter ihnen wüte! Es ist zwar eine gewisse Erbkrankheit, mit der sie alle samt und sonders, bis auf sehr wenige, von alten zeiten her behaftet sind; aber

"Getroffen, getroffen, guter Demokritus! dies ist die Sache!" Du scherzest, erwiderte Demokritus; die Abderiten sollten zum Gefühl, wo es ihnen fehlte, gekommen sein? Ich kenne sie zu gut. Darin liegt eben ihre Krankheit, dass sie dies nicht fühlen.

"Indessen, sagte der Andre, ist nichts gewisser, als dass ich jetzt nicht in Abdera wäre, wenn die Abderiten nicht von dem nämlichen Übel, wovon du sprichst, geplagt würden. Die armen Leute!"

Ach! nun verstehe ich dich, versetzte der PhilosophDeine Berufung konnte eine wirkung ihrer Krankheit sein, ohne dass sie es wussten. Lass doch sehen! – Ha! da haben wirs. Ich wette alles in der Welt, sie haben dich kommen lassen, um dem ehrlichen Demokritus so viel Aderlässe und Niesewurz zu verordnen, als er vonnöten haben möchte, um ihres gleichen zu werden! Nicht wahr? –

"Du kennst deine Leute vortrefflich, wie ich sehe, Demokritus; und in der Tat, man muss so an ihre Narrheit gewöhnt sein wie du, um so kaltblütig davon zu sprechen."

Als ob es nicht allentalben Abderiten gäbe, sagte der Philosoph. –

"Aber Abderiten in diesem Grade! Vergib mir, wenn ich von deinem vaterland nicht mit so viel Nachsicht urteilen kann als du. Indessen versichre dich, sie sollen mich nicht umsonst zu sich berufen haben!"

Siebentes Kapitel

Hippokrates erteilt den Abderiten seinen

gutächtlichen Rat

Grosse und gefährliche Bewegungen, die darüber im

Senat entstehen, und wie, zum Glück für das

abderitische Gemeinwesen, der Stundenweiser alles

auf einmal wieder in Ordnung bringt

Die Zeit kam heran, wo der Aeskulap dem Senat von Abdera seinen Bericht erstatten sollte