dass mir der Einfall nie kommen wird, ihm zu Liebe krank zu werden, sagte die schöne Tryallis.
Trasyllus machte inzwischen Betrachtungen von einer andern Art. So ein grosser Mann dieser Hippokrates sein mag, dachte' er, so muss er doch seine schwache Seite haben. Aus den Ehrenbezeugungen, womit ihn der Senat überhäufte, schien er sich nicht viel zu machen. Das Vergnügen liebt er auch nicht. Aber ich wette, dass ihm ein Beutel voll neuer funkelnder Dariken diese sauertöpfische Miene vertreiben soll!
So bald die Tafel aufgehoben war, schritt Trasyllus zum Werke. Er nahm den Arzt auf die Seite, und bemühte sich (unter Bezeugung des grossen Anteils, den er an dem unglücklichen Zustande seines Verwandten nehme,) ihn zu überzeugen: dass die Zerrüttung seines Gehirns eine so kundbare und ausgemachte Sache sei, dass nichts, als die Pflicht, allen Formalitäten der gesetz genug zu tun, den Senat bewogen habe, eine Tatsache, woran niemand zweifle, noch zum Überfluss durch den Ausspruch eines auswärtigen Arztes bestätigen zu lassen. "Da man Sie aber gleich wohl in die Mühe gesetzt hat, eine Reise zu uns zu tun, die Sie vermutlich ohne diese Veranlassung nicht unternommen haben würden: so ist nichts billiger, als dass derjenige, den die Sache am nächsten angeht, Sie wegen des Verlustes, den Sie durch Verabsäumung Ihrer Geschäfte dabei erleiden, in etwas schadlos halte. Nehmen Sie diese Kleinigkeit als ein Unterpfand einer Dankbarkeit an, von welcher ich Ihnen stärkere Beweise zu geben hoffe –"
Ein ziemlich runder Beutel, den Trasyllus bei diesen Worten dem Arzt in die Hand drückte, brachte diesen aus der Zerstreuung zurück, womit er die Rede des Ratsherrn angehört hatte. "Was wollen Sie, dass ich mit diesem Beutel machen soll?" fragte Hippokrates mit einem Phlegma, welches den Abderiten völlig aus der Fassung setzte – "Sie wollten ihn vermutlich ihrem Haushofmeister geben. Sind Ihnen solche Zerstreuungen gewöhnlich, Wenn dies wäre, so wollt' ich Ihnen raten, Ihrem arzt davon zu sagen – Aber Sie erinnerten mich vorhin an die ursache, warum ich hier bin. Ich danke Ihnen dafür. Mein Aufentalt kann nur sehr kurz sein; und ich darf den Besuch nicht länger aufschieben, den ich, wie Sie wissen, dem Demokritus schuldig bin." Mit diesen Worten machte der Aeskulap seine Verbeugung, und verschwand.
Der Ratmann hatte in seinem Leben nie so dumm ausgesehen als in diesem Augenblick. – Wie hätte sich aber auch ein abderitischer Ratsherr einfallen lassen sollen, dass ihm so etwas begegnen könnte? Dies sind doch keine Zufälle, auf die man sich gefasst hält!
Sechstes Kapitel
Hippokrates legt einen Besuch beim Demokritus ab
Geheimnachrichten von dem uralten Orden der
Kosmopoliten
Hippokrates traf, wie die geschichte sagt, unsern Naturforscher bei der Zergliederung verschiedener Tiere an, deren innerlichen Bau und animalische Oekonomie er untersuchen wollte, um vielleicht auf die Ursachen gewisser Verschiedenheiten in ihren Eigenschaften und Neigungen zu kommen. Diese Beschäftigung bot ihnen reichen Stoff zu einer Unterredung an, welche den Demokritus nicht lang über die person des Fremden ungewiss liess. Ihr gegenseitiges Vergnügen über eine so unvermutete Zusammenkunft war der Grösse ihres beiderseitigen Wertes gleich, aber auf Demokrits Seite um so viel lebhafter, je länger er in seiner Abgeschiedenheit von der Welt des Umgangs mit einem Wesen seiner Art hatte entbehren müssen.
Es gibt eine Art von Sterblichen, deren schon von den Alten hier und da unter dem Namen der Kosmopoliten Erwähnung getan wird, und die – ohne Verabredung, ohne Ordenszeichen, ohne Loge zu halten, und ohne durch Eidschwüre gefesselt zu sein – eine Art von Brüderschaft ausmachen, welche fester zusammenhängt als irgend ein anderer Orden in der Welt. zwei Kosmopoliten kommen, der eine von Osten, der andere von Westen, sehen einander zum erstenmale, und sind Freunde – nicht vermöge einer geheimen Sympatie, die vielleicht nur in Romanen zu finden ist; – nicht, weil beschworne Pflichten sie dazu verbinden – sondern, weil sie Kosmopoliten sind. In jedem andern Orden gibt es auch falsche oder wenigstens unwürdige Brüder; in dem Orden der Kosmopoliten ist dies eine Unmöglichkeit, und dies ist, deucht uns, kein geringer Vorzug der Kosmopoliten vor allen andern Gesellschaften, Gemeinheiten, Innungen, Orden und Brüderschaften in der Welt. Denn wo ist eine von allen diesen, welche sich rühmen könnte, dass sich niemals kein Ehrsüchtiger, kein Neidischer, kein Geiziger, kein Wucherer, kein Verleumder, kein Prahler, kein Heuchler, kein Zweizüngiger, kein heimlicher Ankläger, kein Undankbarer, kein Kuppler, kein Schmeichler, kein Schmarotzer, kein Sklave, kein Mensch ohne Kopf oder ohne Herz, kein Pedant, kein Mückensäuger kein Verfolger, kein falscher Prophet, kein Heuchler, kein Gaukler, kein Plusmacher und kein Hofnarr in ihrem Mittel befunden habe? Die Kosmopoliten sind die einzigen, die sich dessen rühmen können. Ihre Gesellschaft hat nicht vonnöten, durch geheimnisvolle Ceremonien und abschreckende Gebräuche, wie ehmals die ägyptischen Priester, die Unreinen von sich auszuschliessen. Diese schliessen sich selbst aus; und man kann eben so wenig ein Kosmopolit scheinen, wenn man es nicht ist, als man sich ohne Talent für einen guten Sänger oder Geiger ausgeben kann. Der Betrug würde an den Tag kommen, so bald man sich hören lassen müsste. Die Art, wie die Kosmopoliten denken, ihre Grundsätze, ihre Gesinnungen, ihre Sprache, ihr Phlegma, ihre Wärme, sogar ihre Launen, Schwachheiten und Fehler, lassen sich unmöglich nachmachen