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; und wenn die Atenienser zu Platons und Menanders zeiten mehr Geschmack hatten als tausend andere Völker, so hatten sie es unstreitig ihrem vaterland zu danken.

Abdera führte in einem griechischen Sprüchworte (über dessen Verstand die Gelehrten, nach ihrer Gewohnheit, nicht einig sind,) den Beinamen, womit Florenz unter den italiänischen Städten prangtdie Schöne. Wir haben schon bemerkt, dass die Abderiten Entusiasten der schönen Künste waren; und in der Tat, zur Zeit ihres grössten Flors, das ist, eben damals, da sie auf einige Zeit den Fröschen Platz machen mussten, war ihre Stadt voll prächtiger Gebäude, reich an Malereien und Bildsäulen, mit einem schönen Teater und Musiksaal (Ωδειον) versehen, kurz, ein kleines Atenbloss den Geschmack ausgenommen. Denn zum Unglück erstreckte sich die wunderliche Laune, von welcher wir oben gesprochen haben, auch auf ihre Begriffe vom Schönen und Anständigen. Latona, die Schutzgöttin ihrer Stadt, hatte den schlechtesten Tempel; Jason, der Anführer der Argonauten, hingegen (dessen goldenes Vliess sie zu besitzen vorgaben,) den prächtigsten. Ihr Rataus sah wie ein Magazin aus, und unmittelbar vor dem saal, wo die Angelegenheiten des staates erwogen wurden, hatten alle Kräuter-, Obst- und Eierweiber von Abdera ihre Niederlage. Hingegen ruhte das Gymnasium, worin sich ihre Jugend im Ringen und Fechten übte, auf einer dreifachen Säulenreihe. Der Fechtsaal war mit lauter Schildereien von Beratschlagungen und mit Statuen in ruhigen oder tiefsinnigen Stellungen ausgeziert9. dafür aber stellte das Rataus den Vätern des Vaterlandes eine desto reizendre Augenweide dar. Denn wohin sie in dem Saal ihrer gewöhnlichen Sitzungen die Augen warfen, glänzten ihnen schöne nackende Kämpfer, oder badende Dianen und schlafende Bacchanten entgegen; und Venus mit ihrem Buhler, im Netze Vulcans allen Einwohnern des Olympus zur Schau ausgestellt, (ein grosses Stück, welches dem Sitz des Archons gegenüber hing,)wurde den Fremden mit einem Triumphe gezeigt, der den ernsten Phocion selbst genötiget hätte, zum erstenmal in seinem Leben zu lachen. Der König Lysimachus (sagten sie,) habe ihnen sechs Städte und ein Gebiet von vielen Meilen dafür angeboten; aber sie hätten sich nicht entschliessen können, ein so herrliches Stück hinzugeben, zumal da esgerade die Höhe und Breite habe, um eine ganze Seite der Ratsstube eizunehmen; und über dies habe einer ihrer Kunstrichter in einem weitläuftigen, mit grosser Gelehrsamkeit angefüllten Werke die Beziehung des allegorischen Sinnes dieser Schilderei auf den Platz, wo sie stehe, sehr scharfsinnig dargetan.

Wir würden nicht fertig werden, wenn wir alle Unschicklichkeiten, wovon diese wundervolle Republik wimmelte, berühren wollten. Aber noch eine können wir nicht vorbeigehen, weil sie einen wesentlichen Zug ihrer Verfassung betrifft, und keinen geringen Einfluss auf den Charakter der Abderiten hatte. In den ältesten zeiten der Stadt war, vermutlich einem orphischen Institut zufolge, der Nomophylax, oder Beschirmer der gesetz, (eine der obersten Magistratspersonen,) zugleich Vorsänger bei den gottesdienstlichen Chören, und Oberaufseher über das Musikwesen. Dies hatte damals seinen guten Grund. Allein mit der Länge der Zeit ändern sich die Gründe der gesetz; diese werden alsdann durch buchstäbliche Erfüllung lächerlich, und müssen also nach den veränderten Umständen umgegossen werden. Aber eine solche Betrachtung kam nicht in abderitische Köpfe. Es hatte sich öfters zugetragen, dass ein Nomophylax erwählt wurde, der zwar die gesetz ganz leidlich beschirmte, aber entweder schlecht sang, oder gar nichts von der Musik verstund. Was hatten die Abderiten zu tun? Nach häufigen Beratschlagungen machten sie endlich die Verordnung: Der beste Sänger aus Abdera sollte hinfür allezeit auch Nomophylax sein; und dabei blieb es, so lang Abdera stunde. Dass der Nomophylax und der Vorsänger zwo verschiedene Personen sein könnten, war in zwanzig öffentlichen Beratschlagungen keiner Seele eingefallen.

Es ist leicht zu erachten, dass die Musik, bei so bewandten Sachen, zu Abdera in grosser achtung stehen musste. Alles in dieser Stadt war musikalisch; alles sang, flötete und leierte. Ihre Sittenlehre und Politik, ihre Teologie und Kosmologie, war auf musikalische Grundsätze gebaut; ja, ihre Ärzte heilten sogar die Krankheiten durch Tonarten und Melodien. So weit scheint ihnen, was die Speculation betrifft, das Ansehen der grössten Weisen des Altertums, eines Orpheus, Pytagoras und Plato, zu statten zu kommen. Aber in der Ausübung entfernten sie sich desto weiter von der Strenge dieser Philosophen. Plato verweiset alle sanften und weichlichen Tonarten aus seiner Republik; die Musik soll seinen Bürgern weder Freude noch Traurigkeit einflössen; er verbannet mit den ionischen und lydischen Harmonien10 alle Trink- und Liebeslieder; ja die Instrumente selbst scheinen ihm so wenig gleichgültig, dass er vielmehr die vielsaitigen, und die lydische Flöte, als gefährliche Werkzeuge der Üppigkeit ausmustert, und seinen Bürgern nur die Leier und die Citar, so wie den Hirten und dem Landvolke nur die Rohrpfeife gestattet. So strenge philosophierten die Abderiten nicht. Keine Tonart, kein Instrument war bei ihnen ausgeschlossen, undeinem sehr wahren, aber sehr oft von ihnen missverstandnen Grundsatze zufolgebehaupteten sie: dass man alle ernstaften Dinge lustig, und alle lustigen ernstaft behandeln müsse. Die Ausdehnung dieser Maxime auf die Musik brachte bei ihnen die widersinnigsten Wirkungen hervor. Ihre gottesdienstlichen Gesänge klangen wie Gassenlieder; allein dafür konnte man nichts feierlichers hören, als die Melodie ihrer Tänze. Die Musik zu einem Trauerspiel war gemeiniglich komisch; hingegen klangen ihre Kriegslieder so schwermütig, dass sie sich nur für Leute schickten, die an den Galgen gehen