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Mehrheit der Stimmen fiel dem Archon bei. Man schickte unverzüglich einen Deputierten mit einem Einladungsschreiben47 an den Arzt ab, und brachte den Rest der Session damit zu, sich über die Ehrenbezeugungen zu beratschlagen, womit man ihn empfangen wollte.

"Dies war doch so abderitisch nicht" – werden die Ärzte denken, die sich vielleicht unter unsern Lesern befinden. Aber wo sagten wir denn, dass die Abderiten gar nichts getan hätten, was auch einem vernünftigen volk anständig sein würde? Indessen lag doch der wahre Grund, warum sie dem Hippokrates so viel Ehre erweisen wollten, keinesweges in der Hochachtung, die sie für ihn empfanden; sondern lediglich in der Eitelkeit, für Leute gehalten zu werden, die einen grossen Mann zu schätzen wüssten. Und überdies, merkten wir nicht schon bei einer andern gelegenheit an, dass sie von je her ausserordentliche Liebhaber von Feierlichkeiten gewesen?

Die Abgeordneten hatten Befehl, dem Hippokrates nichts weiter zu sagen, als dass der Senat von Abdera seiner Gegenwart und seines Ausspruchs in einer sehr wichtigen Angelegenheit vonnöten habe; und Hippokrates konnte sich, mit aller seiner Philosophie, nicht einbilden, was für eine wichtige Sache dies sein könnte. Denn wozu (dachte' er) haben sie nötig, ein Geheimnis daraus zu machen? Der Senat von Abdera kann doch schwerlich in Corpore mit einer Krankheit befallen sein, die man nicht gerne kund werden lässt?

Indessen entschloss er sich um so williger zu dieser Reise, weil er schon lange gewünscht hatte, unsern Philosophen persönlich kennen zu lernen. Aber wie gross war sein Erstaunen, da ihm nachdem er mit grossem Gepränge eingeholt, und vor den versammelten Rat geführt worden war, – von dem regierenden Archon in einer wohlgesetzten Rede zu wissen gemacht wurde: "dass man ihn bloss darum nach Abdera berufen habe, um die Wahnsinnigkeit ihres Mitbürgers Demokritus zu untersuchen, und gutächtlich zu berichten, ob ihm noch geholfen werden könne, oder ob es nicht schon so weit mit ihm gekommen sei, dass man ihn ohne Bedenken für bürgerlich tot erklären könne?" –

Dies muss ein andrer Demokritus sein, dachte der Arzt Anfangs. Aber die Herren von Abdera liessen ihn nicht lange in Zweifel. Gut, gut, sprach er bei sich selbst: bin ich nicht in Abdera? Wie man auch so was vergessen kann!

Hippokrates liess ihnen nichts von seinem Erstaunen merken. Er begnügte sich, den Senat und das Volk von Abdera zu loben, dass sie eine so grosse Empfindung von dem Wert eines Mitbürgers, wie Demokritus, hätten, um seine Gesundheit als eine Sache, woran dem gemeinen Wesen gelegen sei, anzusehen. "Wahnwitz (sagte er mit grosser Ernstaftigkeit) ist ein Punkt, worin die grössten Geister und die grössten Schöpse zuweilen zusammentreffen. Wir wollen sehen!"

Trasyllus lud den Arzt zur Tafel ein, und hatte die Höflichkeit, ihm die feinsten Herren und die schönsten Frauen in der Stadt zur Gesellschaft zu gehen. Aber Hippokrates, der ein kurzes Gesicht und keine Lorgnette48 hatte, wurde nicht gewahr, dass die Damen schön waren; und so kam es denn (ohne Schuld der guten Geschöpfe, die sich, zum Überfluss, in die Wette herausgeputzt hatten), dass sie nicht völlig den Eindruck auf ihn machten, den sie sich sonst versprechen konnten. Es war wirklich Schade, dass er nicht besser sah. Für einen Mann von verstand ist der Anblick einer schönen Frau allemal etwas sehr unterhaltendes. Und wofern die schöne Frau etwas dummes sagt, (welches den schönen Frauen zuweilen so gut begegnen soll als den hässlichen,) macht es einen merklichen Unterschied, ob man sie nur hört, oder ob man sie zugleich sieht. Denn im letzten Falle ist man immer geneigt, alles, was sie sagen kann, vernünftig, oder artig, oder wenigstens erträglich zu finden. Da die Abderitinnen diesen Vorteil bei dem kurzsichtigen Fremden verloren; da er genötiget war, von ihrer Schönheit durch den Eindruck, den sie auf seine Ohren machten, zu urteilen: so war freilich nichts natürlicher, als dass der Begriff, den er dadurch von ihnen bekam, demjenigen ziemlich ähnlich war, den sich ein Tauber mittelst eines Paars gesunder Augen von einem Concerte machen würde. –

"Wer ist die Dame, die jetzt mit dem witzigen Herrn sprach?" fragte er den Trasyllus leise. – Man nannte ihm die Gemahlin eines Matadors der Republik. – Er betrachtete sie nun mit neuer Aufmerksamkeit. Verzweifelt! (dachte er bei sich selbst,) dass ich mir die verwünschte Austerfrau nicht aus dem kopf bringen kann, die ich neulich vor meinem haus zu Larissa mit einem molossischen Eseltreiber scherzen hörte.

Trasyllus hatte geheime Absichten auf unsern Aeskulap. Seine Tafel war gut, sein Wein verführerisch, und zum Überfluss liess er milesische Tänzerinnen kommen. Aber Hippokrates ass wenig, trank wasser, und hatte in Aspasiens haus zu Aten weit schönere Tänzerinnen gesehen. Es wollte alles nichts verfangen. Dem weisen mann begegnete etwas, das ihm vielleicht in vielen Jahren nicht begegnet war: er hatte Langeweile, und es schien ihm nicht der Mühe wert, es den Abderiten zu verbergen.

Die Abderitinnen bemerkten also, ohne grossen Aufwand von Beobachtungskraft, was er ihnen deutlich genug sehen liess; und natürlicher Weise waren die Glossen, so sie darüber machten, nicht zu seinem Vorteil. Er soll sehr gelehrt sein, flisterten sie einander zu. Schade, dass er nicht mehr Welt hat! – Was ich gewiss weiss, ist dies,