Er stunde vom Tisch auf, ging in den Garten, liess sich den Baum zeigen, von welchem die Feigen gelesen worden waren, untersuchte den Baum von unten bis oben, liess ihn bis an die Wurzeln aufgraben, erforschte die Erde, worin er stunde, und (wie ich nicht zweifle) auch die Constellation, in der er gepflanzt worden war. Kurz, er zerbrach sich etliche Tage lang den Kopf darüber, wie und welchergestalt die Atomen sich mit einander vergleichen müssten, wenn eine Feige nach Honig schmecken sollte. Er ersann eine Hypotese, verwarf sie wieder; fand eine andre, dann die dritte und vierte; und verwarf alle wieder, weil ihm keine scharfsinnig und gelehrt genug zu sein schien. Die Sache lag ihm so sehr am Herzen, dass er Schlaf und Essenslust darüber verlor. Endlich erbarmte sich seine Köchin über ihn. Herr, sagte die Köchin, wenn Sie nicht so gelehrt wären, so hätte Ihnen wohl längst einfallen müssen, warum die Feigen nach Honig schmeckten. – Und warum denn' fragte Demokritus. Ich legte sie, um sie frischer zu erhalten, in einen Topf, worin Honig gewesen war, sagte die Köchin; dies ist das ganze Geheimnis, und da ist weiter nichts zu untersuchen, dächt' ich – Du bist ein dummes Tier, rief der mondsüchtige Philosoph. Eine feine Erklärung, die du mir da gibst! Für Geschöpfe deines gleichen mag sie vielleicht gut genug sein; aber meinst du, dass wir andern uns mit so einfältigen Erklärungen befriedigen lassen, Gesetzt, die Sache verhielte sich wie du sagst; was geht das mich an? Dein Honigtopf soll mich wahrlich nicht abhalten, nachzuforschen, wie die nämliche Naturbegebenheit auch ohne Honigtopf hätte erfolgen können. Und so fuhr der weise Mann fort, der Vernunft und seiner Köchin zu Trotz, eine Ursache, die nicht tiefer als in einem Honigtopfe lag, in dem unergründlichen Brunnen zu suchen, worin (seinem Vorgehen nach) die Wahrheit verborgen liegt; bis eine andre Grille, die seiner Phantasie in den Wurf kam, ihn zu andern vielleicht noch ungereimteren Nachforschungen verleitete.
Doch, so lächerlich diese Anekdote ist, so ist sie doch nichts gegen die probe von Klugheit, die er ablegte, als im abgewichenen Jahre die Oliven in Tracien und allen angrenzenden Gegenden missgeraten waren. Demokritus hatte das Jahr zuvor (ich weiss nicht, ob durch Punctation oder andre magische Künste) herausgebracht: dass die Oliven, die damals sehr wohlfeil waren, im folgenden Jahre gänzlich fehlen würden. Ein solches Vor wissen würde hinlänglich sein, das Glück eines vernünftigen Mannes auf seine ganze Lebenszeit zu machen. Auch hatte es Anfangs das Ansehen, als ob Demokritus diese gelegenheit nicht entwischen lassen wollte; denn er kaufte alles Öl im ganzen land zusammen. Ein Jahr darauf stieg der Preis des Öls, teils des Misswachses wegen, teils weil aller Vorrat in Demokritus Händen war, viermal so hoch als es ihm gekostet hatte. Nun gehe ich allen Leuten, welche wissen, dass Viere viermal mehr als Eins sind, zu erraten, was der Mann tat? – Können Sie sich vorstellen, dass er unsinnig genug war, seinen Verkäufern ihr Öl um den nämlichen Preis, wie er es von ihnen erhandelt hatte, zurückzugeben?46 Wir wissen auch, wie weit die Grossmut bei einem Menschen, der seiner Sinne mächtig ist, gehen kann. Aber diese Tat lag so weit ausser den Grenzen der Glaubwürdigkeit, dass die Leute, die dabei gewannen, selbst die Köpfe schüttelten, und gegen den Verstand des Mannes, der einen Haufen Gold für einen Haufen Nussschalen ansah, Zweifel bekamen, die, zum Unglück für seine Erben, nur zu wohl gegründet waren."
Fünftes Kapitel
Die Sache wird auf ein medicinisches
Gutachten ausgestellt
Der Senat lässt ein Schreiben
an den Hippokrates abgehen
Der Arzt kommt in Abdera an, erscheint vor Rat,
wird vom Ratsherrn Trasyllus zu einem Gastgebot
gebeten, und hat – Langeweile
Ein Beispiel, dass ein Beutel voll Dariken nicht bei
allen Leuten anschlägt
So weit geht das Fragment; und wenn man von einem so kleinen Teile auf das Ganze schliessen könnte: so hätte der Sykophant allerdings mehr als einen Korb voll Feigen von dem Ratsherrn Trasyllus verdient. Seine Schuld war es wenigstens nicht, wenn der hohe Senat von Abdera unsern Philosophen nicht zu einem dunkeln Kämmerchen verurteilte. Aber Trasyllus hatte Missgönner im Senate; und Meister Pfrieme, der inzwischen Zunftmeister worden war, behauptete mit grossem Eifer: dass es wider die Freiheit von Abdera laufen würde, einen Bürger für wahnwitzig zu erklären, eh' er von einem unparteiischen arzt so befunden worden sei. "Wohl, rief Trasyllus, meinetwegen kann man den Hippokrates selbst über die Sache sprechen lassen! Ich bins wohl zufrieden."
Sagten wir nicht oben, dass die Dummheit des Ratsherrn Trasyllus seiner Bosheit die Waage gehalten habe? – Es war ein dummer Streich von ihm, sich in einer so misslichen Sache auf den Hippokrates zu berufen. Aber freilich fiel es ihm auch nicht ein, dass man ihn beim Worte nehmen würde.
Hippokrates, sagte der Archon, ist allerdings der Mann, der uns am besten aus diesem bedenklichen Handel ziehen könnte. Zu gutem Glück befindet er sich eben zu Tasos; vielleicht lässt er sich bewegen, zu uns herüber zu kommen, wenn wir ihn im Namen der Republik einladen lassen.
Trasyllus entfärbte sich ein wenig, da er hörte, dass man Ernst aus der Sache machen wollte. Aber die