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seines Vermögens entsetzt werden müsse. Alles, was von dieser Rede übrig geblieben, ist ein kleines Fragment, welches uns merkwürdig genug scheint, um, zur probe, wie diese Herren eine Sache zu wenden pflegten, ein paar Blätter in dieser geschichte einzunehmen.

"Die grössten, die gefährlichsten, die unerträglichsten aller Narren (sagte er) sind die raisonnierenden Narren. Ohne weniger Narren zu sein als andre, verbergen sie dem undenkenden Haufen die Zerrüttung ihres Kopfes durch die Fertigkeit ihrer Zunge, und werden für weise gehalten, weil sie zusammenhangender rasen als ihre Mitbrüder im Tollhause. Ein ungelehrter Narr ist verloren, so bald es so weit mit ihm gekommen ist, dass er Unsinn spricht. Bei dem gelehrten Narren hingegen sehen wir gerade das Widerspiel. Sein Glück ist gemacht und sein Ruhm befestiget, so bald er Unsinn zu reden oder zu schreiben anfängt. Denn die meisten, wiewohl sie sich ganz eigentlich bewusst sind, dass sie nichts davon verstehen, sind entweder zu misstrauisch gegen ihren eigenen Verstand, um gewahr zu werden, dass die Schuld nicht an ihnen liegt; oder zu dumm, um es zu merken, und also zu eitel, um zu gestehen, dass sie nichts verstanden haben. Je mehr also der gelehrte Narr Unsinn spricht, desto lauter schreien die dummen Narren über Wunder; desto emsiger verdrehen sie sich die Köpfe, um Sinn in dem hochtönenden Unsinn zu finden. Jener, gleich einem durch den öffentlichen Beifall angefrischten Luftspringer, tut immer desto verwegnere Sätze, je mehr ihm zugeklatscht wird. Diese klatschen immer stärker, um den gelehrten Gaukler noch grössere Wunder tun zu sehen. Und so geschieht es oft, dass der Schwindelgeist eines Einzigen ein ganzes Volk ergreift; und dass, so lange die Mode des Unsinns dauert, dem nämlichen mann Altäre aufgerichtet werden, den man zu einer andern Zeit, ohne viele Umstände mit ihm zu machen, in einem Hospital versorgt haben würde. Glücklicher Weise für unsere gute Stadt Abdera ist es so weit mit uns noch nicht gekommen. Wir erkennen und bekennen alle aus einem mund, dass Demokritus ein Sonderling, ein Phantast, ein Grillenfänger ist. Aber wir begnügen uns über ihn zu lachen; und dies ist es eben, worin wir fehlen. Jetzt lachen wir über ihn; aber wie lange wird es währen, so werden wir anfangen, etwas Ausserordentliches in seiner Narrheit zu finden? Vom Erstaunen zum Bewundern ist nur ein Schritt; und haben wir diesen erst getanGötter! wer wird uns sagen können, wo wir aufhören werden? – Demokritus ist ein Phantast, sprechen wir jetzt und lachen. Aber was für ein Phantast ist Demokritus, ein eingebildeter starker Geist; ein Spötter unsrer uralten Gebräuche und Einrichtungen; ein Müssiggänger, dessen Beschäftigungen dem staat nicht mehr Nutzen bringen, als wenn er gar nichts täte; ein Mann, der Katzen zergliedert, der die Sprache der Vögel versteht, und den Stein der Weisen sucht; ein Nekromant, ein Schmetterlingsjäger, ein Sterngucker! – Und wir können noch zweifeln, ob er eine dunkle kammer verdient? Was würde aus Abdera werden, wenn seine Narrheit endlich ansteckend würde? Wollen wir lieber die Folgen eines so grossen Übels erwarten, als das einzige Mittel vorkehren, wodurch wir es verhüten könnten? Zu unserm Glücke gehen die gesetz dieses Mittel an die Hand. Es ist einfach; es ist rechtmässig; es ist unfehlbar. Ein dunkles Kämmerchen, Hochweise Väter, ein dunkles Kämmerchen! So sind wir auf einmal ausser Gefahr, und Demokritus mag rasen so viel ihm beliebt.

Aber, sagen seine Freundedenn so weit ist es schon mit uns gekommen, dass ein Mann, den wir alle für unsinnig halten, Freunde unter uns hatAber, sagen sie, wo sind die Beweise, dass seine Narrheit schon zu jenem Grade gestiegen ist, den die gesetz zu einem dunkeln Kämmerchen erfodern? – Wahrhaftig! wenn wir, nach allem was wir schon wissen, noch Beweise fodern: so wird er glühende Kohlen für Goldstücke ansehen, oder die Sonne am Mittag mit einer Laterne suchen müssen, wenn wir überzeugt werden sollen. Hat er nicht behauptet, dass die Liebesgöttin in Aetiopien schwarz sei? Hat er unsre Weiber nicht bereden wollen, nackend zu gehen wie die Weiber der Gymnosophisten? Versicherte er nicht neulich in einer grossen Gesellschaft, die Sonne stehe still, die Erde überwälze sich dreihundert und fünf und sechzigmal des Jahrs durch den Tierkreis; und die Ursache, warum wir nicht ins Leere hinausfallen, sei, weil mitten in der Erde ein grosser Magnet liege, der uns, gleich eben so viel Feilspänen, anziehe, wiewohl wir nicht von Eisen sind? Doch, ich will gerne zugeben, dass dies alles Kleinigkeiten sind. Man kann närrische Dinge reden, und kluge tun. Wollte Latona, dass der Philosoph sich in diesem Falle befände! Aber (mir ist leid, dass ich es sagen muss) seine Handlungen setzen einen so ungewöhnlichen Grad von Wahnwitz voraus, dass alle Niesewurz in der Welt zu wenig sein würde, das Gehirn zu reinigen, worin sie ausgeheckt werden. Um die Geduld des erlauchten Senats nicht zu ermüden, will ich aus unzähligen Beispielen nur zwei anführen, deren Gewissheit gerichtlich erwiesen werden kann, falls sie ihrer Unglaublichkeit wegen in Zweifel gezogen werden sollten.

Vor einiger Zeit wurden unserm Philosophen Feigen vorgesetzt, die, wie es ihm deuchte, einen ganz besonderen Honiggeschmack hatten. Die Sache schien ihm von Wichtigkeit zu sein.