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Narr sei, war zu Abdera eine ausgemachte Sache. Es kam also nur noch darauf an, dem grossen Rat legaliter darzutun, dass seine Narrheit von derjenigen Art sei, welche den damit Behafteten unfähig macht, sein eigner Herr zu sein. Dies hatte nun einige Schwierigkeiten. Mit seinem eignen verstand würde Trasyllus schwerlich durchgekommen sein! Aber in solchen Fällen finden seines gleichen für ihr Geld immer einen Spitzbuben, der ihnen seinen Kopf leiht; und dann ist es so viel, als ob sie selbst einen hätten.

Viertes Kapitel

Kurze, doch hinlängliche, Nachrichten von den

abderitischen Sykophanten

Ein Fragment aus der Rede, worin Trasyllus um

die Bevogtung seines Vettern ansuchte

Es gab damals zu Abdera eine Art von Leuten, die sich von der Kunst nährten, schlimme Händel so zurechte zu machen, dass sie wie gut aussahen. Sie gebrauchten dazu nur zwei Hauptkunstgriffe: entweder sie verfälschten das Factum, oder sie verdrehten das Gesetz. Weil diese Lebensart sehr einträglich war, so legten sich nach und nach eine so grosse Menge von müssigen Leuten darauf, dass die Pfuscher zuletzt die Meister verdrangen. Die Profession verlor dadurch von ihrem Ansehen. Man nannte diejenigen, die sich damit abgaben, Sykophanten, weil die meisten so arme Schelme waren, dass sie für eine Feige alles sagten was man wollte.

Indessen, da die Sykophanten wenigstens den zwanzigsten teil der Einwohner von Abdera ausmachten, und die Leute gleichwohl nicht bloss von Feigen leben konnten: so reichten die gewöhnlichen Gelegenheiten, wobei die Rechtshändel zu entstehen pflegen, nicht mehr zu. Die Vorfahren der Sykophanten hatten gewartet, bis man sie um ihren Beistand ansprach. Aber bei dieser Metode hätten die neuern Sykophanten hungern oder graben müssen! Denn zu betteln war in Abdera nicht erlaubt; welches (im Vorbeigehen zu sagen) das einzige war, was die Fremden an der abderitischen Polizei zu loben fanden. Nun waren die Sykophanten zum Graben zu faul; folglich blieb den meisten kein ander Mittel übrig, alsdie Händel, die sie führen wollten, selbst zu machen.

Weil die Abderiten Leute von sehr hitziger Gemütsart und von geringer Besonnenheit waren, so fehlt' es dazu nie an gelegenheit. Jede Kleinigkeit gab also einen Handel; jeder Abderite hatte seinen Sykophanten; und so wurde wieder eine Art von Gleichgewicht hergestellt, wodurch sich die Profession um so mehr in Ansehen erhielt, weil die Nacheiferung grosse Talente entwickelte.

Abdera gewann dadurch den Ruhm, dass die Kunst Facta zu verfälschen und gesetz zu verdrehen in Aten selbst nicht so hoch gebracht worden sei; und dieser Ruhm wurde in der Folge dem Staat einträglich. Denn wer einen ungewöhnlich schlimmen Handel von einiger Wichtigkeit hatte, verschrieb sich einen abderitischen Sykophanten; und es müsste nicht natürlich zugegangen sein, wenn der Sykophant eher von einem solchen Clienten abgelassen hätte, bis nichts mehr an ihm zu saugen übrig war.

Doch dies war noch nicht der grösste Vorteil, den die Abderiten von ihren Sykophanten zogen. Was diese Leute in ihren Augen am vorzüglichsten machte, wardie Bequemlichkeit, eine jede Schelmerei ausführen zu können, ohne sich selbst dabei bemühen zu müssen, oder sich mit der Justiz abzuwerfen. Man brauchte die Sache nur einem Sykophanten zu übergeben, so konnte man, gewöhnlicher Weise, des Ausgangs wegen ruhig sein. Ich sage gewöhnlicher Weise; denn freilich gab es, mitunter, auch Fälle, wo der Sykophant, nachdem er sich erst von seinem Clienten wohl hatte bezahlen lassen, gleichwohl heimlich dem Gegenteil zu seinem Rechte verhalf; aber dies geschah auch niemals, als wenn dieser wenigstens zwei Drittel mehr gab als der Client.

übrigens konnte man nichts erbaulichers sehen als das gute Vernehmen, worin zu Abdera die Sykophanten mit den Magistratspersonen stunden. Die einzigen, die sich übel bei dieser Eintracht befanden, warendie Clienten. Bei allen andern Unternehmungen, so gefährlich und gewagt sie auch immer sein mögen, bleibt doch wenigstens eine Möglichkeit, mit ganzer Haut davon zu kommen. Aber ein abderitischer Client war immer gewiss, um sein Geld zu kommen, er mochte seinen Handel gewinnen oder verlieren. Nun rechteten die Leute zwar darum weder mehr noch weniger; allein ihre Justiz kam dabei in einen Ruf, gegen welchen nur Abderiten gleichgültig sein konnten. Denn es wurde zu einem Sprüchwort in Griechenland, demjenigen, dem man das Ärgste an den Hals wünschen wollte, einen Process in Abdera zu wünschen.

Aber, beinahe hätten wir über den Sykophanten vergessen, dass die Rede von den Absichten des Ratsherrn Trasyllus auf das Vermögen unsers Philosophen, und von den Mitteln war, wodurch er seinen vorhabenden Raub unter dem Schutze der gesetz zu begehen versuchen wollte.

Um den geneigten Leser mit keiner langweiligen Umständlichkeit aufzuhalten, begnügen wir uns zu sagen, dass Trasyllus die Sache seinem Sykophanten auftrug. Es war einer von den geschicktesten in ganz Abdera; ein Mann, der die gemeinen Kunstgriffe seiner Mitbrüder verachtete, und sich viel darauf zu gut tat, dass er, seitdem er sein edles Handwerk trieb, ein paar hundert schlimme Händel gewonnen hatte, ohne jemals eine einzige directe Lüge zu sagen. Er steifte sich auf lauter unleugbare Facta; aber seine Stärke lag in der Zusammensetzung und im Helldunkeln. Demokritus hätte in keine bessern hände fallen können. Wir bedauren nur, dass wir, weil die Acten des ganzen Processes längst von Mäusen gefressen worden, ausser stand sind, jungen neuangehenden Sykophanten zum Besten, die Rede vollständig mitzuteilen, worin dieser Meister in der Kunst dem grossen Rate zu Abdera bewies: dass Demokritus