1774_Wieland_109_33.txt

, so wie es Untaten gibt, die nur ein Schurke begehen kann. Die besten Menschen haben ihre Anomalien, und die Weisesten leiden zuweilen eine vorübergehende Verfinsterung; aber dies hindert nicht, dass man nicht mit hinlänglicher Sicherheit von einem verständigen mann sollte behaupten können: dass er gewöhnlich, und besonders in solchen Gelegenheiten, wo auch die Dummsten allen den ihrigen zusammenraffen, wie ein Mann von verstand verfahren werde.

Diese Maxime könnte uns, wenn sie gehörig angewendet würde, im Leben manches rasche Urteil, manche von wichtigen Folgen begleitete Verwechslung des Scheins mit der Wahrheit ersparen helfen. Aber den Abderiten half sie nichts. Denn zum Anwenden einer Maxime wird gerade das Ding erfordertdas sie nicht hatten. Die guten Leute behalfen sich mit einer ganz andern Logik als vernünftige Menschen; und in ihren Köpfen waren Begriffe associiert, die, wenn es keine Abderiten gäbe, sonst in aller Ewigkeit nie zusammenkommen würden. Demokritus untersuchte die natur der Dinge, und bemerkte die Ursachen gewisser Naturbegebenheiten ein wenig früher als die Abderiten, – also war er ein Zauberer. Er dachte über alles anders als sie, lebte nach andern grundsätzen, brachte seine Zeit auf eine ihnen unbegreifliche Art mit sich selbst zu, – also war es nicht recht richtig in seinem kopf; der Mann hatte sich überstudiert; und man besorgte, dass es einen unglücklichen Ausgang mit ihm nehmen werde.

Zweites Kapitel

Demokritus wird eines schweren Verbrechens

beschuldiget, und von einem seiner Verwandten

damit entschuldiget, dass er seines Verstandes nicht

recht mächtig sei

Wie er das Ungewitter, welches ihm der Priester

Strobylus zubereiten wollte, noch zu rechter Zeit

ableitetein Arcanum, dessen wirkung selten

ausbleibt, wenn es recht appliciert wird

Was hört man vom Demokritus? – sagten die Abderiten unter einander. – "Schon sechs ganzer Wochen will niemand nichts von ihm gesehen habenMan kann seiner nie habhaft werden; oder wenn man ihn endlich trifft, so sitzt er in tiefen Gedanken, und ihr seid eine halbe Stunde vor ihm gestanden, habt mit ihm gesprochen, und seid wieder weggegangen, ohne dass er es gewahr worden ist. Bald wühlt er in den Eingeweiden von Hunden und Katzen herum; bald kocht er Kräuter, oder steht mit einem grossen Blasebalg in der Hand vor einem Zauberofen, und macht Gold, oder noch was ärgers. Bei Tage klettert er wie ein Gems die steilsten Klippen des Hämus hinan, umKräuter zu suchen, als ob es deren nicht genug in der Nähe gäbe; und bei Nacht, wo sogar die unvernünftigen Geschöpfe der Ruhe pflegen, wickelt er sich in einen scytischen Pelz und guckt, beim Castor! durch ein Blaserohr nach den Sternen."

"Ha, ha, ha! Man könnte sichs nicht närrischer träumen lassen! Ha, ha, ha!" (lachte der kurze dicke Ratsherr.)

"Es ist, bei allem dem, Schade um den Mann, sagte der Archon von Abdera; man muss gleichwohl gestehen, dass er viel weiss."

"Aber was hat die Republik davon?" – versetzte ein Ratsherr, der sich mit Projecten, Verbesserungsvorschlägen, und Deductionen veralteter Ansprüche eine hübsche runde Summe von der Republik verdient hatte, und in Kraft dessen immer aus vollen Backen von seinen Verdiensten um das abderitische Wesen prahlte, wiewohl das abderitische Wesen sich durch alle seine Projecte, Deductionen und Verbesserungen nicht um hundert Drachmen besser befand.

"Es ist wahr, sprach ein andrer; mit seiner Wissenschaft läuft es auf lauter Spielwerk hinaus; nichts gründliches! In minimis maximus!"

"Und dann sein unerträglicher Stolz! – Seine Widersprechungssucht! – Sein ewiges Vernünfteln, und Tadeln, und Spötteln!"

"Und sein schlimmer Geschmack!"

"Von der Musik wenigstens versteht er nicht den Guguck", sagte der Nomophylax.

"Vom Teater noch weniger", rief Hyperbolus.

"Und von der hohen Ode gar nichts", sagte Physignatus.

"Er ist ein Scharlatan, ein Windbeutel –"

"Und ein Freigeist obendrein, schrie der Priester Strobylus; ein ausgemachter Freigeist, ein Mensch der nichts glaubt, dem nichts heilig ist. Man kann ihm beweisen, dass er einer Menge von Fröschen die Zungen bei lebendigem leib ausgerissen hat."

"Man spricht stark davon, dass er deren etliche sogar lebendig zergliedert habe", sagte jemand.

"ist es möglich? rief Strobylus mit allen Merkmalen des äussersten Entsetzens; sollte dies bewiesen werden können? Gerechte Latona! Wozu diese verfluchte Philosophie einen Menschen nicht bringen kann! Aber, sollt' es wirklich bewiesen werden können?"

"Ich geb' es wie ich es empfangen habe", erwiderte jener.

"Es muss untersucht werden, schrie Strobylus, hochpreislicher Herr Archon! – Wohlweise Herren! – ich fodre Sie hiermit im Namen der Latona auf! die Sache muss untersucht werden?"

"Wozu eine Untersuchung? sagte Trasyllus, einer von den Häuptern der Republik, ein naher Anverwandter und vermutlicher Erbe des Philosophen. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Aber sie beweiset weiter nichts, als was ich leider! schon seit geraumer Zeit an meinem armen Vetter wahrgenommen habe, dass es mit seinem verstand nicht so gut steht, als zu wünschen wäre. Demokritus ist kein schlimmer Mann; er ist kein Verächter der Götter; aber er hat Stunden, wo er nicht bei sich selber ist. Wenn er einen Frosch zergliedert hat, so wollt' ich für ihn schwören, dass er den Frosch für eine