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mehr gelacht haben, als jeder andre Biedermann, der sich, aus Gründen oder von Temperaments wegen, aufgelegter fühlt, die Torheiten der Menschen zu belachen als zu beweinen. Aber er lebte unter Abderiten. Es war nun einmal die Art dieser guten Leute, immer etwas zu tun, worüber man entweder lachen, oder weinen, oder ungehalten werden musste; und Demokritus lachte, wo ein Phocion die Stirne gerunzelt, ein Cato gepoltert, und ein Swift zugepeitscht hätte. Bei einem ziemlich langen Aufentalt in Abdera konnte ihm also die Miene der Ironie wohl eigentümlich werden; aber dass er im buchstäblichen verstand immer aus vollem Halse gelacht habe, wie ihm ein Dichter, der die Sachen gern übertreibt, nachsagt35, dies hätte wenigstens niemand in Prosa sagen sollen.

Doch diese Nachrede möchte immer hingehen, zumal da ein so gepriesener Philosoph wie Seneca unsern Freund Demokritus über diesen Punkt rechtfertigt, und sogar nachahmenswürdig findet. "Wir müssen uns dahin bestreben, sagt Seneca36, dass uns die Torheiten und Gebrechen des grossen Haufens samt und sonders nicht hassenswürdig, sondern lächerlich vorkommen; und wir werden besser tun, wenn wir uns hierin den Demokritus als den Heraklitus zum Muster nehmen. Dieser pflegte, so oft er unter die Leute ging, zu weinen; jener, zu lachen: dieser sah in allem unserm Tun eitel Not und Elend; jener eitel Tand und Kinderspiel. Nun ist es aber freundlicher, das menschliche Leben anzulachen als es anzugrinsen; und man kann sagen, dass sich derjenige um das Menschengeschlecht verdienter macht, der es belacht, als der es bejammert. Denn jener lässt uns doch noch immer ein wenig Hoffnung übrig; dieser hingegen weint alberner Weise über Dinge, die er bessern zu können verzweifelt. Auch zeigt derjenige eine grössere Seele, der, wenn er einen blick über das Ganze wirft, sich nicht des Lachensals jener, der sich der Tränen nicht entalten kann; denn er gibt dadurch zu erkennen, dass alles, was andern gross und wichtig genug scheint, um sie in die heftigsten Leidenschaften zu setzen, in seinen Augen so klein ist, dass es nur den leichtesten und kaltblütigsten unter allen Affecten in ihm erregen kann."37

Im Vorbeigehen deucht mich, die Entscheidung des Sophisten Seneca habe Verstand; wiewohl er vielleicht besser getan hätte, seine Gründe weder so weit herzuholen, noch in so gekünstelte Antitesen einzuschrauben. Doch, wie gesagt, der blosse Umstand, dass Demokritus unter Abderiten lebte, und über Abderiten lachte, macht den Vorwurf, von welchem die Rede ist, so übertrieben er auch sein mag, zum erträglichsten unter allem, was unserm Weisen aufgebürdet worden. Lässt doch Homer die Götter selbst über einen weit weniger lächerlichen Gegenstand über den hinkenden Vulcan, der aus der guterzigen Absicht, Friede unter den Olympiern zu stiften, den Mundschenken machtin ein unauslöschliches Gelächter ausbrechen! Aber das Vorgeben, dass Demokritus sich selbst freiwillig des Gesichts beraubt habe, und die Ursachen, warum er es getan haben soll, dies setzt auf Seiten derjenigen, bei denen es Eingang finden konnte, eine Neigung voraus, die wenigstens ihrem kopf wenig Ehre macht.

Und was für eine Neigung mag denn das sein, – Ich will es euch sagen, lieben Freunde, und gebe der günstige Himmel, dass es nicht gänzlich in den Wind gesagt sein möge!

Es ist die armselige Neigung, jeden Dummkopf, jeden hämischen Buben für einen unverwerflichen Zeugen gelten zu lassen, sobald er einem grossen mann irgend eine überschwengliche Ungereimteit nachsagt, welche auch der alltäglichste Mensch bei fünf gesunden Sinnen zu begehen unfähig wäre.

Ich möchte nicht gerne glauben, dass diese Neigung so allgemein sei, als die Verkleinerer der menschlichen natur behaupten. Aber dies wenigstens lehrt die Erfahrung: dass die kleinen Anekdoten, die man von grossen Geistern auf Unkosten ihrer Vernunft circulieren zu lassen pflegt, sehr leicht bei den Meisten Eingang finden. Doch vielleicht ist dieser Hang im grund nicht sträflicher als das Vergnügen, womit die Sternseher Flecken in der Sonne entdeckt haben? Vielleicht ist es bloss das Unerwartete und Unbegreifliche, was die Entdeckung solcher Flecken so angenehm macht? Ausserdem findet sich auch nicht selten, dass die armen Leute, indem sie einem grossen mann Widersinnigkeiten andichten, ihm (nach ihrer Art zu denken) noch viel Ehre zu erweisen glauben; und dies mag wohl, was die freiwillige Blindheit unsers Philosophen betrifft, der Fall bei mehr als einem abderitischen Gehirne gewesen sein.

"Demokritus beraubte sich des Gesichtes, sagt man, damit er desto tiefer denken könnte. Was ist hierin so unglaubliches: Haben wir nicht Beispiele freiwilliger Verstümmelungen von ähnlicher Art. CombabusOrigenes –"

Gut! – Combabus und Origenes warfen einen teil ihrer selbst von sich, und zwar einen teil, den wohl die meisten, im Fall der Not, mit allen ihren Augen, und wenn sie deren soviel als Argus hätten, erkaufen würden. Allein sie hatten auch einen grossen Beweggrund dazu. Was gibt der Mensch nicht um sein Leben? Und was tut oder leidet man nicht, der Günstling eines Fürsten zu bleiben, oder gar eine Pagode zu werden? – Demokritus hingegen konnte keinen Beweggrund von dieser Stärke haben. Es möchte noch hingehen, wenn er ein Metaphysiker oder ein Poet gewesen wäre. Dies sind Leute, die zu ihrem Geschäfte des Gesichts entbehren können. Sie arbeiten am meisten mit der Einbildungskraft, und diese gewinnt sogar durch die Blindheit.

Aber wenn hat man jemals gehört, dass ein Beobachter der