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man wieder, deckt die Grube auf, und findet einen kleinen Drachen von seltsamer Gestalt, der aus der Fäulnis des vermischten Blutes entstanden ist –32

"Einen Drachen!" – riefen die Abderitinnen mit allen Merkmalen des Erstaunens.

Einen Drachen, wiewohl nicht viel grösser als eine gewöhnliche Fledermaus. Diesen Drachen nehmen sie, schneiden ihn in kleine Stücke, und essen ihn mit etwas Essig, Öl und Pfeffer, ohne das Mindeste davon übrig zu lassen; gehen darauf zu Bette, decken sich wohl zu, und schlafen ein und zwanzig Stunden in einem Stücke fort. Darauf erwachen sie wieder, kleiden sich an, gehen in ihren Garten, oder in ein Wäldchen, und erstaunen nicht wenig, indem sie sich augenblicklich auf allen Seiten von Vögeln umgeben und gegrüsst finden, deren Sprache und Gesang sie so gut verstehen, als ob sie alle Tage ihres Lebens nichts als Elstern, Gänschen und Trutühner33 gewesen wären.

Demokritus erzählte den Abderitinnen alles dies mit einer so gelassenen Ernstaftigkeit, dass sie sich um so weniger entbrechen konnten, ihm Glauben beizumessen, da er, ihrer Meinung nach, die Sache unmöglich mit so vielen Umständen hätte erzählen können, wenn sie nicht wahr gewesen wäre. Indessen wussten sie jetzt doch gerade nur so viel davon, als nötig war, um desto ungeduldiger zu werden, alles zu wissen

"Aber, fragten sie, was für Vögel sind es denn, die man dazu braucht? Ist der Sperling, der Finke, die Nachtigall, die Elster, die Wachtel, der Rabe, der Kibitz, die Nachteule, u.s.f. auch darunter? Wie sieht der Drache aus? Hat er Flügel? Wie viele hat er deren? Ist er gelb, oder grün, oder blau, oder rosenfarb? Speit er Feuer? Beisst oder sticht er nicht, wenn man ihn anrühren will? Ist er gut zu essen? Wie schmeckt er? Wie verdaut er sich? Was trinkt man dazu?" – Alle diese fragen, womit der gute Naturforscher von allen Seiten bestürmt wurde, machten ihm so warm, dass er sich endlich am kürzesten aus dem Handel zu ziehen glaubte, wenn er ihnen gestünde, er habe die ganze Historie nur zum Scherz ersonnen.

"O dies sollen Sie uns nicht weis machen! – riefen die Abderitinnen: Sie wollen nur nicht, dass wir hinter Ihre Geheimnisse kommen. Aber wir werden Ihnen keine Ruhe lassen; verlassen Sie sich darauf! Wir wollen den Drachen sehen, betasten, beriechen, kosten, und mit Haut und Knochen aufessen, oderSie sollen uns sagen, warum nicht!"

Zweites Buch

oder

Hippokrates in Abdera

Erstes Kapitel

Eine Abschweifung über den Charakter und die

Philosophie des Demokritus welche wir den Leser

nicht zu überschlagen bitten

Wir wissen nicht, wie Demokritus es angefangen, um sich die neugierigen Weiber vom Halse zu schaffen. Genug, dass uns diese Beispiele begreiflich machen, wie ein blosser zufälliger Einfall gelegenheit habe geben können, den unschuldigen Naturforscher in den Ruf zu bringen, als ob er Abderite genug gewesen wäre, alle die Märchen, die er seinen albernen Landesleuten aufheftete, selbst zu glauben. Diejenigen, die ihm dies zum Vorwurf nachgesagt haben, berufen sich auf seine Schriften. Aber schon lange vor den zeiten des Vitruvius und Plinius wurden eine Menge unechter Büchlein mit vielbedeutenden Titeln unter seinem Namen herumgetragen. Man weiss, wie gewöhnlich diese Art von Betrug den müssigen Gräculis der spätern zeiten war. Die Namen Hermes Trismegiwaren ehrwürdig genug, um die armseligsten Geburten schaler Köpfe verkäuflich zu machen; insonderheit nachdem die alexandrische Philosophenschule die Magie in eine Art von allgemeiner achtung, und die Gelehrten in den Geschmack gebracht hatte, sich bei den Ungelehrten das Ansehen zu geben, als ob sie gewaltige Wundermänner wären, die den Schlüssel zur Geisterwelt gefunden hätten, und für die nun in der ganzen natur nichts geheimes sei. Die Abderiten hatten den Demokritus in den Ruf der Zauberei gebracht, weil sie nicht begreifen konnten, wie man, ohne ein Hexenmeister zu sein, so viel wissen könne, als sienicht wussten; und spätere Betrüger fabricierten Zauberbücher in seinem Namen, um sich jenen Ruf bei den Dummköpfen ihrer Zeit zu Nutzen zu machen.

Überhaupt waren die Griechen grosse Liebhaber davon, mit ihren Philosophen den Narren zu treiben. Die Atenienser lachten herzlich, als ihnen der witzige Possenreisser Aristophanes weis machte, Sokrates halte die Wolken für Göttinnen, messe aus, wie viele Flohfüsse hoch ein Floh springen könne34, lasse sich, wenn er meditieren wolle, in einem Korbe aufhängen, damit die anziehende Kraft der Erde seine Gedanken nicht einsauge, u.s.f und es dünkte sie überaus kurzweilig, den Mann, der ihnen immer die Wahrheit und also oft unangenehme Dinge sagte, wenigstens auf dem Schauplatze platte Pedantereien sagen zu hören. Und wie musste sich nicht Diogenes (der unter den Nachahmern des Sokrates noch am meisten die Miene seines Originals hatte,) von diesem volk, das so gerne lachte, misshandeln lassen, Sogar der begeisterte Plato und der tiefsinnige Aristoteles blieben nicht von Anklagen frei, wodurch man sie zu dem grossen Haufen der alltäglichen Menschen herabzusetzen suchte. Was Wunder also, dass es dem mann nicht besser erging, der so verwegen war, mitten unter Abderiten Verstand zu haben?

Demokritus lachte zuweilen, wie wir alle, und würde vielleicht, wenn er zu Korint, oder Smyrna, oder Syrakus, oder an irgend einem andern Orte der Welt gelebt hätte, nicht