Kargheit der natur unbrauchbar bleiben müsse. Ein andermal erhandelten sie eine sehr schöne Venus von Elfenbein, die man unter die Meisterstücke des Praxiteles zählte. Sie war ungefähr fünf Fuss hoch, und sollte auf einen Altar der Liebesgöttin gestellt werden. Als sie angelangt war, geriet ganz Abdera in Entzücken über die Schönheit ihrer Venus; denn die Abderiten gaben sich für feine Kenner und schwärmerische Liebhaber der Künste aus. Sie ist zu schön, riefen sie einhellig, um auf einem niedrigen platz zu stehen. Ein Meisterstück, das der Stadt so viel Ehre macht, und so viel Geld gekostet hat, kann nicht zu hoch aufgestellt werden; sie muss das Erste sein, was den Fremden beim Eintritt in Abdera in die Augen fällt. Diesem glücklichen Gedanken zufolge stellten sie das kleine niedliche Bild auf einen Obelisk von achtzig Fuss; und wiewohl es nun unmöglich war zu erkennen, ob es eine Venus oder Austernymphe vorstellen sollte, so nötigten sie doch alle Fremden, zu gestehen, dass man nichts vollkommners sehen könne.
Uns dünkt, diese Beispiele beweisen schon hinlänglich, dass man den Abderiten kein Unrecht tat, wenn man sie für warme Köpfe hielt. Aber wir zweifeln, ob sich ein Zug denken lässt, der ihren Charakter stärker zeichnen könnte, als dieser: dass sie (nach dem Zeugnis des Justinus) die Frösche in und um ihre Stadt dergestalt über Land nehmen liessen, dass sie selbst endlich genötiget wurden, ihren quäkenden Mitbürgern Platz zu machen, und, bis zu Austrag der Sache, sich unter dem Schutze des Königs Kassander an einen dritten Ort zu begeben. Dies Unglück befiel die Abderiten nicht ungewarnt. Ein weiser Mann, der sich unter ihnen befand, sagte ihnen lange zuvor, dass es endlich so kommen würde. Der Fehler lag in der Tat bloss an den Mitteln, wodurch sie dem Übel steuern wollten; wiewohl sie nie dazu gebracht werden konnten, dies einzusehen. Was ihnen gleichwohl die Augen hätte öffnen sollen, war, dass sie kaum etliche Monate von Abdera weggezogen waren, als eine Menge von Kranichen aus der Gegend von Geranien ankamen, und ihnen alle ihre Frösche so rein wegputzten, dass eine Meile rings um Abdera nicht einer übrig blieb, der dem wiederkommenden Frühling Βρεκεκεκ κοαξ κοαξ entgegen gesungen hätte.
Zweites Kapitel
Demokritus von Abdera
Ob und wie viel seine Vaterstadt berechtigt war,
sich etwas auf ihn einzubilden?
Keine Luft ist so dicke, kein Volk so dumm, kein Ort so unberühmt, dass nicht zuweilen ein grosser Mann daraus hervorgehen sollte, sagt Juvenal. Pindarus und Epaminondas wurden in Böotien geboren, Aristoteles zu Stagira, Cicero zu Arpinum, Virgil im Dörfchen Andes bei Mantua, Albertus Magnus zu Lauingen, Martin Luter zu Eisleben, Sixtus V. im dorf Montalto in der Mark Ancona, und einer der besten Könige, die jemals gewesen sind, zu Pau in Bearn. Was Wunder, wenn auch Abdera, zufälliger Weise, die Ehre hatte, dass der grösste Naturforscher des Altertums, Demokritus, in ihren Mauern das Leben empfing!
Ich sehe nicht, wie ein Ort sich eines solchen Umstandes bedienen kann, um Ansprüche an den Ruhm eines grossen Mannes zu machen. Wer geboren werden soll, muss irgendwo geboren werden; das übrige nimmt die natur auf sich; und ich zweifle sehr, ob, ausser dem Lykurgus, ein Gesetzgeber gewesen, der seine Fürsorge bis auf den Homunculus ausgedehnt, und alle mögliche Vorkehrungen getroffen hätte, damit dem Staat wohl organisierte, schöne, und seelenvolle Kinder geliefert würden. Wir müssen gestehen, in dieser Rücksicht hatte Sparta einiges Recht, sich mit den Vorzügen seiner Bürger Ehre zu machen. Aber in Abdera (wie beinahe in der ganzen Welt) liess man den Zufall und den Genius walten,
– natale comes qui temperat astrum,
und wenn ein Protagoras8 oder Demokritus aus ihrem Mittel entsprang, so war die gute Stadt Abdera gewiss eben so unschuldig daran, als Lykurgus und seine gesetz, wenn in Sparta ein Dummkopf oder eine Memme geboren wurde.
Diese Nachlässigkeit, wiewohl sie eine dem Staat äusserst angelegene Sache betrifft, möchte noch immer hingehen. Die natur, wenn man sie nur ungestört arbeiten lässt, macht meistens alle weitere Fürsorge für das Geraten ihrer Werke überflüssig. Aber wiewohl sie selten vergisst, ihr Lieblingswerk mit allen den Fähigkeiten auszurüsten, aus welchen ein vollkommner Mensch gebildet werden könnte: so ist doch eben diese Ausbildung das, was sie der Kunst überlässt; und es bleibt also jedem staat noch gelegenheit genug übrig, sich ein Recht an die Vorzüge und Verdienste seiner Mitbürger zu erwerben. Allein auch hierin liessen die Abderiten sehr viel an ihrer Klugheit zu vermissen übrig; und man hätte schwerlich einen Ort finden können, wo für die Bildung des inneren Gefühls, des Verstandes und des Herzens der künftigen Bürger weniger gesorgt worden wäre.
Die Bildung des Geschmacks, d.i. eines feinen, richtigen und gelehrten Gefühls alles Schönen, ist die beste Grundlage zu jener berühmten sokratischen Kalokagatie oder innerlichen Schönheit und Güte der Seele, welche den liebenswürdigen, edelmütigen, wohltätigen und glücklichen Menschen macht. Und nichts ist geschickter, dieses richtige Gefühl des Schönen in uns zu bilden als – wenn alles, was wir von der Kindheit an sehen und hören, schön ist. In einer Stadt, wo die Künste der Musen in der grössten Vollkommenheit getrieben werden, in einer schön gebauten und mit Meisterstücken der bildenden Künste angefüllten Stadt, in einem Aten, geboren zu sein, ist daher allerdings kein geringer Vorteil