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wir in Tracien sind, und hüten Sie sich vor dem Schicksal des Orpheus!"

Wiewohl dies im Scherz gesagt wurde, so war doch Ernst dabei. Natürlicher Weise lässt man sich nicht gerne ohne Not schlaflose Nächte machen; eine Absicht, von welcher wir den Philosophen um so weniger frei sprechen können, da er die Folgen seines Einfalles notwendig voraussehen musste. Wirklich gab diese Sache den sieben Damen so viel zu denken, dass sie die ganze Nacht kein Auge zutaten; und da das vorgebliche Geheimnis des Demokritus den folgenden Tag in ganz Abdera herumlief, so verursachte er dadurch etliche Nächte hinter einander eine allgemeine Schlaflosigkeit.

Indessen brachten die Weiber bei Tage wieder ein, was ihnen bei Nacht abging; und weil verschiedene sich nicht einfallen liessen, dass man ihnen das Arcanum, wenn sie unter Tages schliefen, eben so gut applicieren könne als bei Nacht, und daher ihr Schlafzimmer zu verriegeln vergassen: so bekamen die Männer unverhofft gelegenheit, von ihren Froschzungen Gebrauch zu machen. Lysistrata, Tryallis, und einige andere, die am meisten dabei zu wagen hatten, waren die ersten, an denen die probe, mit demjenigen Erfolg, den man leicht voraussehen kann, gemacht wurde. Aber eben dies stellte in kurzem die Ruhe in Abdera wieder her. Die Männer dieser Damen, nachdem sie das Mittel zwei oder dreimal ohne Erfolg gebraucht hatten, kamen in vollem Sprunge zu unserm Philosophen gelaufen, um sich zu erkundigen, was dies zu bedeuten hätte. So? rief er ihnen entgegen; hat die Froschzunge ihre wirkung getan? Haben Ihre Weiber gebeichtet? – Kein Wort, keine Sylbe, sagten die Abderiten. Desto besser, rief Demokritus; triumphieren Sie darüber! Wenn eine schlafende Frau mit einer Froschzunge auf dem Herzen nichts sagt, so ist es ein Zeichen, dass sienichts zu sagen hat. Ich wünsche Ihnen Glück, meine Herren! Jeder von Ihnen kann sich rühmen, dass er den Phönix der Weiber in seinem haus besitze.

Wer war glücklicher als unsre Abderiten! Sie liefen so schnell, als sie gekommen waren, wieder zurück, fielen ihren erstaunten Weibern um den Hals, erstickten sie mit Küssen und Umarmungen, und bekannten nun freiwillig, was sie getan hatten, um sich von der Tugend ihrer Hälften (wiewohl wir davon schon gewiss waren, sagten sie) noch gewisser zu machen.

Die guten Weiber wussten nicht, ob sie ihren Sinnen glauben sollten. Aber, wiewohl sie Abderitinnen waren, hatten sie doch Verstand genug, sich auf der Stelle zu fassen, und ihren Männern ein so unzärtliches Misstrauen, als dasjenige war, dessen sie sich selbst anklagten, nachdrücklich zu verweisen. Einige trieben die Sache bis zu Tränen; aber alle hatten Mühe, die Freude zu verbergen, die ihnen eine so unverhoffte Bestätigung ihrer Tugend verursachte; und wiewohl sie, der Anständigkeit wegen, auf den Demokritus schmälen mussten, so war doch keine, die ihn nicht dafür hätte umarmen mögen, dass er ihnen einen so guten Dienst geleistet hatte. Freilich war dies nicht, was er gewollt hatte. Aber die Folgen dieses einzigen unschuldigen Scherzes mochten ihn lehren, dass man mit Abderiten nicht behutsam genug scherzen kann!

Indessen (wie alle Dinge dieser Welt mehr als eine Seite haben) so fand sich auch, dass aus dem Übel, welches unser Philosoph den Abderiten wider seine Absicht zugefügt hatte, gleichwohl mehr Gutes entsprang, als man vermutlich hätte erwarten können, wenn die Froschzungen gewirkt hätten. Die Männer machten die Weiber durch ihre unbegrenzte Sicherheit, und die Weiber die Männer durch ihre gefälligkeit und gute Laune glücklich. Nirgends in der Welt sah man zufriednere Ehen als in Abdera. Und bei allem dem waren die Stirnen der Abderiten so glatt, unddie Ohren und Zungen der Abderitinnen so keusch, als die von andern Leuten.

Dreizehntes Kapitel

Demokritus soll die Abderitinnen die Sprache der

Vögel lehren

Im Vorbeigehen eine probe, wie sie

ihre Töchter bildeten

Ein andermal geschah es, dass sich Demokritus an einem schönen Frühlingsabend mit einer Gesellschaft in einem von den Lustgärten befand, womit die Abderiten die Gegend um ihre Stadt verschönert hatten.

"Wirklich verschönert?" – Dies nun eben nicht: denn woher hätten die Abderiten nehmen sollen, dass die natur schöner ist als die Kunst, und dass zwischen künsteln und verschönern ein Unterschied ist? – Doch davon soll nun die Rede nicht sein.

Die Gesellschaft lag auf weichen mit Blumen bestreuten Rasen, unter einer hohen Laube, im Kreise herum. In den Zweigen eines benachbarten Baums sang eine Nachtigall. Eine junge Abderitin von vierzehn Jahren schien etwas dabei zu empfinden, wovon die übrigen nichts empfanden. Demokritus ward es gewahr. Das Mädchen hatte eine sanfte Gesichtsbildung und Seele in den Augen. Schade für dich, dass du eine Abderitin bist! dachte' er. Was sollte dir in Abdera eine empfindsame Seele? Sie würde dich nur unglücklich machen. Doch es hat keine Gefahr! Was die Erziehung deiner Mutter und Grossmutter an dir unverdorben gelassen hat, werden die Söhnchen unsrer Archonten und Prytanen, und, was diese verschonen, wird das Beispiel deiner Freundinnen zu grund richten. In weniger als vier Jahren wirst du ein Abderitin sein wie die andern; und wenn du erst erfährst, dass eine Froschzunge auf dem Herzgrübchen nichts zu bedeuten hat

Was denken Sie, schöne Nannion? sagte Demokritus zu dem Mädchen.

"Ich denke, dass ich mich dort unter die Bäume setzen möchte, um dieser Nachtigall recht ungestört zuhören zu