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dass ein Herkules vor Schrekken hätte zum weib werden mögen. Aber Demokritus achtete unser nicht; und, da wir es ihm endlich zu lange machten, sagte er bloss: Nun, wird das Kinderspiel noch lange währen28? –".

Da sieht man augenscheinlich, sagten die Abderiten, dass es nicht recht richtig mit ihm ist; Geister sind nichts Neues für ihn; er muss wohl wissen, wie er mit ihnen steht! – "Er ist ein Zauberer; nichts kann gewisser sein, sagte der Priester Strobylus; wir müssen ein wenig besser Acht auf ihn geben!"

Man muss gestehen, dass Demokritus, entweder aus Unvorsichtigkeit, oder, (welches glaublicher ist,) weil er sich wenig aus der Meinung seiner Landsleute machte, zu diesen und andern bösen Gerüchten einige gelegenheit gab. Man konnte in der Tat nicht lange unter den Abderiten leben, ohne in Versuchung zu geraten, ihnen etwas aufzuheften. Ihr Vorwitz und ihre Leichtgläubigkeit auf der einen Seite, und die hohe Einbildung, die sie sich von ihrer eignen Scharfsinnigkeit machten, auf der andern, foderten einen gleichsam heraus; und überdies war auch sonst kein Mittel, sich für die Langeweile, die man bei ihnen hatte, zu entschädigen. Demokritus befand sich nicht selten in diesem Falle; und da die Abderiten albern genug waren, alles, was er ihnen ironischer Weise sagte, im buchstäblichen Sinne zu nehmen: so entstunden daher die vielen ungereimten Meinungen und Märchen, die auf seine Rechnung in der Welt herumliefen, und noch viele Jahrhunderte nach seinem tod von andern Abderiten für bares Geld angenommen, oder wenigstens ihm selbst, unbilliger Weise, zur Last geleget wurden.

Demokritus hatte sich, unter andern, auch mit der Physiognomie abgegeben, und teils aus seinen eigenen Beobachtungen, teils aus dem was ihm andere von den ihrigen mitgeteilt, sich eine Teorie davon gemacht, von deren Gebrauch er (sehr vernünftig, wie uns deucht) urteilte, dass es damit eben so wie mit der Teorie der poetischen oder irgend einer andern Kunst beschaffen sei. Denn so wie noch keiner durch die blosse Wissenschaft der Regeln ein guter Dichter oder Künstler geworden sei und nur derjenige, welchen angebornes Genie, emsiges Studium hartnäckiger Fleiss und lange Übung zum Dichter oder Künstler gemacht, geschickt sei, die Regeln seiner Kunst recht zu verstehen und anzuwenden: so sei auch die Teorie der Kunst, aus dem Äusserlichen des Menschen auf das Innerliche zu schliessen, nur für Leute von grosser Fertigkeit im Beobachten und Unterscheiden brauchbar, für jeden andern hingegen eine höchst ungewisse und betrügliche Sache; und eben darum müsse sie als eine von den geheimen Wissenschaften oder grossen Mysterien der Philosophie immer nur der kleinen Zahl der Epopten29 vorbehalten bleiben.

Diese Art von der Sache zu denken bewies, dass Demokritus kein Scharlatan war; aber den Abderiten bewies sie bloss, dass er ein Geheimnis aus seiner Wissenschaft mache. Daher liessen sie nicht ab, ihn, so oft sich die Rede davon gab, zu necken und zu plagen, dass er ihnen etwas davon entdecken sollte. Besonders drückte dieser Vorwitz die Abderitinnen. Sie wollten von ihm wissenan was für äusserlichen Merkmalen ein getreuer Liebhaber zu erkennen sei? ob Milon von Krotona30 eine sehr grosse Nase gehabt habe, ob eine blasse Farbe ein notwendiges Zeichen eines Verliebten sei? – und hundert fragen dieser Art, mit denen sie seine Geduld so sehr ermüdeten, dass er endlich, um ihrer los zu werden, auf den Einfall kam, sie ein wenig zu erschrecken.

Aber das haben Sie sich wohl nicht vorgestellt, sagte Demokritus, dass die Jungferschaft ein unbetrügliches Merkzeichen in den Augen haben könnte?

"In den Augen? riefen die Abderitinnen. O! das ist nicht möglich! Warum just in den Augen?"

Es ist nicht anders, versetzte Demokritus; und was Sie mir gewiss glauben können, ist, dass mir dieses Merkmal schon öfters von den Geheimnissen junger und alter Schönen mehr entdeckt hat, als diese Lust gehabt haben würden, mir von freien Stücken anzuvertrauen31.

Der zuversichtliche Ton, womit er dies sagte, verursachte einige Entfärbungen; wiewohl die Abderitinnen (die in allen Fällen, wo es auf die gemeine Sicherheit ihres Geschlechtes ankam, einander getreulich beizustehen pflegten,) mit grosser Hitze darauf bestunden, dass sein vorgebliches Geheimnis eine Schimäre sei.

Sie nötigen mich durch Ihren Unglauben, dass ich Ihnen noch mehr sagen muss, fuhr der Philosoph fort. Die natur ist voll solcher Geheimnisse, meine schönen Damen; und wofür sollt' ich auch, wenn es sich der Mühe nicht verlohnte, bis nach Aetiopien und Indien gewandert sein? Die Gymnosophisten, deren Weiberwie Sie wissennackend gehen, haben mir sehr artige Sachen entdeckt.

"Zum Exempel?" – sagten die Abderitinnen.

Unter andern ein Geheimnis, welches ich, wenn ich ein Ehmann wäre, lieber nicht zu wissen wünschen würde.

"Ach, nun haben wir die Ursache, warum sich Demokritus nicht verheiraten will", rief die schöne Tryallis.

"Als ob wir nicht schon lange wüssten, sagte Salabanda, dass es seine ätiopische Venus ist, die ihn für unsre griechische so unempfindlich macht. – Aber Ihr Geheimnis, Demokritus, wenn man es keuschen Ohren anvertrauen darf."

Zum Beweise, dass man es darf, will ich es den Ohren aller gegenwärtigen Schönen anvertrauen, antwortete der Naturforscher. Ich weiss ein unfehlbares Mittel, wie man machen kann, dass ein Frauenzimmer, im Schlafe, mit vernehmlicher stimme