Aber dafür werdet ihr auch erfahren, dass euch diese einzige Spinnewebe mehr Aufschluss über das grosse System der natur, und würdigere Begriffe von seinem Urheber geben wird, als alle die feinen Weltsysteme, die ihr zwischen Wachen und Schlaf aus eurem eignen Gehirne herausgesponnen habt.
Demokritus meinte dies im ganzen Ernst; aber die Philosophen von Abdera glaubten, dass er ihrer spotten wolle. Er versteht nichts von der Pneumatik, sagte der eine. Von der Physik noch weniger, sagte der andere. Er ist ein Zweifler – er glaubt keine Grundtriebe – keinen Weltgeist – keinen Demiurg – keinen Gott! – sagte der dritte, vierte, fünfte, sechste und siebente. Man sollte solche Leute gar nicht im gemeinen Wesen dulden, sagte der Priester Strobylus.
Zwölftes Kapitel
Demokritus zieht sich weiter von Abdera zurück
Wie er sich in seiner Einsamkeit beschäftigt
Er könnt bei den Abderiten in den Verdacht, dass er
Zauberkünste treibe
Ein Experiment, das er bei dieser gelegenheit mit
den abderitischen Damen macht, und wie es
abgelaufen
Bei dem allen war Demokritus ein Menschenfreund in der echtesten Bedeutung des Worts. Denn er meinte es gut mit der Menschheit, und freute sich über nichts so sehr, als wenn er irgend etwas Böses verhüten, oder etwas Gutes tun, veranlassen oder befördern konnte. Und wiewohl er glaubte, dass der Charakter eines Weltbürgers Verhältnisse in sich schliesse, denen, im Collisionsfall, alle andere weichen müssten: so hielt er sich doch darum nicht weniger verbunden, als ein Bürger von Abdera, an dem Zustande seines Vaterlandes Anteil zu nehmen, und so viel er könnte, zu dessen Verbesserung beizutragen. Allein, da man nur in so fern Gutes tun kann, als das Subject dessen fähig ist: so fand er sein Vermögen durch die unzähligen Hindernisse, die ihm die Abderiten entgegensetzten, in so enge Grenzen eingeschlossen, dass er Ursache zu haben glaubte, sich als eine der entbehrlichsten Personen in dieser kleinen Republik anzusehen. Was sie am nötigsten haben, dachte' er, und das Beste was ich an ihnen tun könnte, wäre, sie klug zu machen. Aber die Abderiten sind freie Leute. Wenn sie nun nicht klug sein wollen: wer kann sie nötigen?
Da er also bei so bewandten Umständen wenig oder nichts für die Abderiten als Abderiten tun konnte, glaubte er hinlänglich gerechtfertigt zu sein, wenn er wenigstens seine eigene person in Sicherheit zu bringen suchte, und einen so grossen teil als immer möglich von derjenigen Zeit rettete, die er der Erfüllung seiner weltbürgerlichen Pflichten schuldig zu sein vermeinte.
Weil nun seine bisherige Freistätte entweder nicht weit genug von Abdera entfernt war, oder wegen ihrer Lage und anderer Bequemlichkeiten so viel Reiz für die Abderiten hatte, dass er, ungeachtet seines Aufentalts auf dem land, sich doch immer mitten unter ihnen befand: so zog er sich noch etliche Stunden weiter in einen Wald, der zu seinem Gute gehörte, zurück, und bauete sich in die wildeste Gegend desselben ein kleines Haus, wo er die meiste Zeit – in der einsamen Ruhe, die das eigene Element des Philosophen und des Dichters ist, – dem Erforschen der natur und der Betrachtung oblag.
Einige neuere Gelehrte – ob Abderiten oder nicht, wollen wir hier unentschieden lassen – haben sich von den Beschäftigungen dieses griechischen Bacons in seiner Einsamkeit wunderliche, wiewohl auf ihrer Seite sehr natürliche Begriffe gemacht. "Er arbeitete am Stein der Weisen, sagt Borrichius, und er fand ihn, und machte Gold." Zum Beweis davon, beruft er sich darauf, dass Demokritus ein Buch von Steinen und Metallen geschrieben habe. Die Abderiten, seine Zeitgenossen und Mitbürger, gingen noch weiter; und ihre Vermutungen – die in abderitischen Köpfen gar bald zur Gewissheit wurden – gründeten sich auf eben so gute Schlüsse, als jener des Borrichius. Demokritus war von persischen Magis erzogen worden27; er war zwanzig Jahre in den Morgenländern herumgereist; hatte mit ägyptischen Priestern, Chaldäern, Brachmanen und Gymnosophisten Umgang gepflogen, und war in allen ihren Mysterien initiert; hatte tausend Arcana von seinen Reisen mit sich gebracht, und wusste zehntausend Dinge, wovon niemals etwas in eines Abderiten Sinn gekommen war. – Machte dies alles zusammengenommen nicht den vollständigsten Beweis, dass er ein ausgelernter Meister in der Magie und allen davon abhängenden Künsten sein musste? – Der ehrwürdige Pater Delrio hätte Spanien, Portugall und Algarbien auf die Hälfte eines Beweises, wie dieser ist, verbrennen lassen.
Aber die guten Abderiten hatten noch nähere Beweistümer in Händen, dass ihr gelehrter Landsmann – ein wenig hexen könne. Er sagte Sonnen- und Mondfinsterungen, Misswachs, Seuchen und andre zukünftige Dinge zuvor. Er hatte einem verbuhlten Mädchen aus der Hand geweissagt, dass sie – zu Falle kommen, und einem Ratsherrn von Abdera, dessen ganzes Leben zwischen Schlafen und Schmausen geteilt war, dass er – an einer Unverdaulichkeit sterben würde; und beides war genau eingetroffen. Überdem hatte man Bücher mit wunderlichen Zeichen in seinem Cabinette gesehen; man hatte ihn bei allerlei, vermutlich magischen Operationen mit Blut von Vögeln und Tieren angetroffen; man hatte ihn verdächtige Kräuter kochen gesehen; und einige junge Leute wollten ihn sogar in später Nacht bei sehr blassem Mondschein zwischen Gräbern sitzend überschlichen haben. "Um ihn zu schrecken, hatten wir uns in die scheusslichsten Larven verkleidet, sagten sie: Hörner, Ziegenfüsse, Drachenschwänze, nichts fehlte uns, um leibhafte Feldteufel und Nachtgespenster vorzustellen; wir bliesen sogar Rauch aus Nasen und Ohren, und machten es so arg um ihn herum,