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, Sie verstehen mich gewiss! Sie sind ja in Indien gewesen? Sie haben die Weiber der Gymnosophisten gesehen?"

O ja, und Sie können mir glauben, dass die Weiber der Gymnosophisten weder mehr noch weniger Weiber sind als die Weiber der Abderiten.

"Sie erweisen uns viele Ehre. Aber dies ist nicht, was ich wissen wollte. Ich frage, ob es wahr ist, dass sie – (Hier hielt Frau Salabanda eine Hand vor ihren Busen, und die anderekurz, sie setzte sich in die Attitüde22 der mediceischen Venus, um dem Philosophen begreiflich zu machen, was sie wissen wollte.) Nun verstehen Sie mich doch?" sagte sie.

Ja, Madam, die natur ist nicht karger gegen sie gewesen als gegen andre. Welch eine Frage das ist!

"Sie wollen mich nicht verstehen, Demokritus; ich dächte doch, ich hätte Ihnen deutlich genug gesagt, dass ich wissen möchte, ob es wahr sei, dass sieweil Sie doch wollen, dass ichs Ihnen unverblümt sageso nackend gehen, als sie auf die Welt kommen?"

"Nackend! – riefen die Abderitinnen alle auf einmal. Da wären sie ja noch unverschämter als die Mädchen in Sparta! Wer wird auch so was glauben?"

Sie haben Recht, sagte der Naturforscher; die Weiber der Gymnosophisten sind weniger nackend als die Weiber der Griechen in ihrem vollständigsten Anzuge: sie sind vom Kopf bis zu den Füssen in ihre Unschuld und in die öffentliche Ehrbarkeit eingehüllt.23

"Wie meinen Sie das?"

Kann ich mich deutlicher erklären?

"Ach, nun verstehe ich Sie! Es soll ein Stich sein? Aber Sie scherzen doch wohl nur mit ihrer Ehrbarkeit und Unschuld. Wenn die Weiber der Gymnosophisten nicht haltbarer gekleidet sind, somüssen sie entweder sehr hässlich, oder ihre Männer sehr frostig sein."

Keines von beiden. Ihre Weiber sind wohlgebildet, und ihre Kinder gesund und voller Leben; ein unverwerfliches Zeugnis zu Gunsten ihrer Väter, deucht mich!

"Sie sind ein Liebhaber von Paradoxen, Demokritus, sprach der Matador; aber Sie werden mich in Ewigkeit nicht überreden, dass die Sitten eines Volkes desto reiner seien, je nackender die Weiber desselben sind."

Wenn ich ein so grosser Liebhaber von Paradoxen wäre, als man mich beschuldigt, so würde' es mir vielleicht nicht schwer fallen, Sie dessen durch Beispiele und Gründe zu überführen. Aber ich bin dem Gebrauch der Gymnosophistinnen nicht günstig genug, um mich zu seinem Verteidiger aufzuwerfen. Auch war meine Meinung gar nicht, das zu sagen, was mich der scharfsinnige Kratylus sagen lässt. Die Weiber der Gymnosophisten schienen mir nur zu beweisen, dass Gewohnheit und Umstände in Gebräuchen dieser Art alles entscheiden. Die spartanischen Töchter, weil sie kurze Röcke, und die am Indus, weil sie gar keine Röcke tragen, sind darum weder unehrbarer noch grösserer Gefahr ausgesetzt, als diejenigen, die ihre Tugend in sieben Schleier einwickeln. Nicht die Gegenstände, sondern unsre Meinungen von denselben sind die Ursache unordentlicher Leidenschaften. Die Gymnosophisten, welche keinen teil des menschlichen Körpers für unedler halten als den andern, sehen ihre Weiber, wiewohl sie bloss in ihr angebornes Fell gekleidet sind, für eben so gekleidet an, als die Scyten die ihrigen, wenn sie ein Tigerkatzenfell um die Lenden hangen haben.

"Ich wünschte nicht, dass Demokritus mit seiner Philosophie soviel über unsre Weiber vermöchte, dass sie sich solche Dinge in den Kopf setzten", sagte ein ehrenfester steifer Abderit, der mit Pelzwaren handelte. "Ich auch nicht", sagte ein Leinwandhändler. Ich wahrlich auch nicht, sagte Demokritus, wiewohl ich weder mit Pelzen noch Leinwand handle.

"Aber eins erlauben Sie mir noch zu fragen, lispelte die Base, die so gerne lebendige Sphinxe gesehen haben möchte. Sie sind in der ganzen Welt herumgekommen; und es soll da viele wunderbare Länder geben, wo alles anders ist als bei uns –"

(Ich glaube kein Wort davon, murmelte der Ratsherr, indem er, wie Homers Jupiter, das ambrosische Haar auf seinem weisheitschwangern kopf schüttelte.)

"Sagen Sie mir doch, in welchem unter allen diesen Ländern es ihnen am besten gefallen hat?"

Wo könnt' es Einem besser gefallen, alszu Abdera?

"O wir wissen schon, dass dies Ihr Ernst nicht ist. Ohne Complimente! antworten Sie der jungen Dame wie Sie denken", sagte der Ratsherr.

Sie werden über mich lachen, erwiderte der Philosoph: aber weil Sie es verlangen, schöne Klonarion, so will ich Ihnen die reine Wahrheit sagen. Haben Sie nie von einem land gehört, wo die natur so gut ist, neben ihren eigenen Verrichtungen auch noch die Arbeit der Menschen auf sich zu nehmen, von einem land, wo ewiger Friede herrscht; wo niemand Knecht und niemand Herr, niemand arm und jedermann reich ist? wo der Durst nach Golde zu keinen Verbrechen zwingt, weil man das Gold zu nichts gebrauchen kann; wo eine Sichel ein eben so unbekanntes Ding ist als ein Schwert; wo der Fleissige nicht für den Müssiggänger arbeiten muss; wo es keine Ärzte gibt, weil niemand krank wird; keine Richter, weil es keine Händel gibt; keine Händel, weil jedermann zufrieden ist; und jedermann zufrieden ist, weil jedermann alles hat, was er nur wünschen kann; – mit einem Worte, von einem land, wo alle Menschen so fromm wie die