1774_Wieland_109_19.txt

Verbesserung anfangen sollte. Jeder ihrer Missbräuche hing an zwanzig andern; es war unmöglich, einen davon abzustellen, ohne den ganzen Staat umzuschaffen. Eine gute Seuche (dachte er) welche das ganze Völkchenbis auf etliche Dutzend Kinder, die gerade gross genug wären, um der Ammen entbehren zu könnenvon der Erde vertilgte, wäre das einzige Mittel, das der Stadt Abdera helfen könnte; den Abderiten ist nicht zu helfen!

Er beschloss also, sich mit guter Art von ihnen zurückzuziehen, und ging ein kleines Gut zu bewohnen, das er in der Gegend von Abdera besass, und mit dessen Benutzung und Verschönerung er die Stunden beschäftigte, die ihm sein Lieblingsstudium, die Erforschung der Naturwirkungen, übrig liess. Aber zum Unglück für ihn lag dies Landgut zu nah bei Abdera. Denn weil die Lage desselben ungemein schön, und der Weg dahin einer der angenehmsten Spaziergänge war: so sah er sich alle Tage Gottes von einem Schwarm von Abderiten und Abderitinnen, lauter Vettern und Basen, heimgesucht, welche das schöne Wetter und den angenehmen Spaziergang zum Vorwande nahmen, ihn in seiner glücklichen Einsamkeit zu stören.

Wiewohl Demokritus den Abderiten wenigstens eben so wenig gefiel als sie ihm, so war doch die wirkung davon sehr verschieden. Er floh sie, weil sie ihm Langeweile machten; und sie suchten ihn, weil sie sich die Zeit dadurch vertrieben. Er wusste die seinige anzuwenden; sie hingegen hatten nichts bessers zu tun.

"Wir kommen, Ihnen in Ihrer Einsamkeit die Zeit kürzen zu helfen", sagten die Abderiten. – Ich pflege in meiner eigenen Gesellschaft sehr kurze Zeit zu haben, sagte Demokritus.

"Aber wie ist es möglich, dass man immer so allein sein kann, rief die schöne Pitöka. Ich würde vor Langerweile vergehen, wenn ich einen einzigen Tag leben sollte, ohne Leute zu sehen."

Sie versprachen sich; von Leuten gesehen zu werden, meinen Sie, sagte Demokritus.

"Aber woher nehmen sie auch, dass Demokritus Langeweile hat; sein ganzes Haus ist mit Seltenheiten angefüllt. Mit Ihrer Erlaubnis, Demokrituslassen Sie uns doch alle die schönen Sachen sehen, die Sie auf Ihrer Reise gesammelt haben."

Nun ging das Leiden des armen Einsiedlers erst recht an. Er hatte in der Tat eine schöne Sammlung von Naturalien aus allen Reichen der natur; ausgestopfte Tiere, Vögel, Fische, Schmetterlinge, Muscheln, Versteinerungen, Erze, u.s.w. Alles war den Abderiten neu; alles erregte ihr Erstaunen. Der gute Naturforscher wurde in einer Minute mit so viel fragen übertäubt, dass er, wie die Fama, aus lauter Ohren und Zungen hätte zusammengesetzt sein müssen, um auf alles antworten zu können.

"erklären Sie uns doch, was dieses ist, wie es heisst? woher es ist, wie es zugeht, warum es so ist!"

Demokritus erklärte so gut er konnte und wusste; aber den Abderiten wurde nichts klärer dadurch; es war ihnen vielmehr, als begriffen sie immer weniger von der Sache je mehr er sie erklärte. Seine Schuld war es nicht!

"wunderbar! Unbegreiflich! Sehr wunderbar!" – war ihr ewiger Gegenklang. –

So natürlich als etwas in der Welt! erwiderte Demokritus ganz kaltsinnig. –

"Sie sind gar zu bescheiden, Demokritus; oder vermutlich wollen Sie nur, dass man Ihnen desto mehr Complimente über Ihren guten Geschmack und über Ihre grossen Reisen machen soll?" –

Setzen Sie sich deswegen in keine Unkosten, meine Herren; ich nehme alles für empfangen an.

"Aber es mag doch eine angenehme Sache sein, so tief in die Welt hinein zu reisen?" – sagte ein Abderit.

"Und ich dächte gerade das Gegenteil, sprach ein anderer. – Nehmen Sie alle die Gefahren und Beschwerlichkeiten, denen man täglich ausgesetzt ist; die schlimmen Strassen, die schlechten Gastöfe, die Sandbänke, die Schiffbrüche, die wilden Tiere, Krokodile, Einhörner, Greifen und geflügelte Löwen, von denen in der Barbarei alles wimmelt."

"Und dann, was hat man am Ende davon, (fiel ein Matador von Abdera ein,) wenn man gesehen hat, wie gross die Welt ist? Ich dächte, das Stück, das ich selbst davon besitze, käme mir dann so klein vor, dass ich keine Freude mehr daran haben könnte."

"Aber rechnen Sie für nichts, so viel Menschen zu sehen?" – erwiderte der Erste.

"Und was sieht man denn da? Menschen! Die konnte man zu haus sehen. Es ist allentalben wie bei uns."

"Ei, hier ist gar ein Vogel ohne Füsse", rief ein junges Frauenzimmer.

"Ohne Füsse? – Und der ganze Vogel nur eine einzige Feder! das ist erstaunlich!" – sprach eine andere. "Begreifen Sie das?"

"Ich bitte Sie, Demokritus, erklären Sie uns, wie er gehen kann, da er keine Füsse hat?"

"Und wie er mit einer einzigen Feder fliegt?"

"O, was ich am liebsten sehen möchte, sagte eine von den Basen, das wäre ein lebendiger Sphinx! Sie müssen deren wohl viele in Aegypten gefunden haben?"

"Aber ist es möglich, ich bitte Sie, dass die Weiber und Töchter der Gymnosophisten in Indienwie man sagtSie verstehen mich doch, was ich fragen will?"

Nicht ich, Frau Salabanda?

"O