Mannschaft bezahlt habt, was hilft es euch, dass die Atenienser20, die ihr euch in ihren Torheiten zum Muster genommen habt, eben so sinnreiche Streiche, und zuweilen mit eben so glücklichem Ausgang zu spielen pflegen?
In diesem Tone sprach Demokritus mit den Abderiten, so oft sie ihm gelegenheit dazu gaben; aber, wiewohl dies sehr oft geschah, so konnten sie sich doch unmöglich gewöhnen, diesen Ton angenehm zu finden. "So geht es, sagten sie, wenn man naseweisen Jünglingen erlaubt, in der weiten Welt herum zu reisen um sich ihres Vaterlandes schämen zu lernen, und nach zehn oder zwanzig Jahren mit einem kopf voll ausländischer Begriffe als Kosmopoliten zurückzukommen, die alles besser wissen als ihre Grossväter, und alles anderswo besser gesehen haben als zu haus. Die alten Aegyptier, die niemand reisen liessen eh' er wenigstens funfzig Jahre auf dem rücken hatte, waren weise Leute!"
Und eilends gingen die Abderiten hin, und machten ein Gesetz: dass kein Abderitensohn hinfür weiter als bis an den korintischen Istmus, länger als ein Jahr, und anders als unter der Aufsicht eines bejahrten Hofmeisters von altabderitischer Abkunft, Denkart und Sitte, sollte reisen dürfen. "Junge Leute müssen zwar die Welt sehen, sagte das Decret; aber eben darum sollen sie sich an jedem Orte nicht länger aufhalten, als bis sie alles, was mit Augen da zu sehen ist, gesehen haben. Besonders soll der Hofmeister genau bemerken, was für Gastöfe21 sie angetroffen, wie sie gegessen, und wie viel sie bezahlen müssen; damit ihre Mitbürger sich in der Folge diese erspriesslichen Geheimnachrichten zu Nutze machen können. Ferner soll, (wie das Decret weiter sagt,) zu Ersparung der Unkosten eines allzu langen Aufentalts an einem Orte, der Hofmeister dahin sehen, dass der junge Abderite in keine unnötige Bekanntschaften verwickelt werde. Der Wirt oder der Hausknecht, als an dem Orte einheimisch, kann ihm am besten sagen, was da merkwürdiges zu sehen ist, wie die dasigen Gelehrten und Künstler heissen, wo sie wohnen, und um welche Zeit sie zu sprechen sind: dies bemerkt sich der Hofmeister in sein Tagebuch; und dann lässt sich in zwei oder drei Tagen, wenn man die Zeit wohl zu Rate hält, vieles in Augenschein nehmen."
Zum Unglück für dieses weise Decret befanden sich zwei abderitische junge Herren von grosser Wichtigkeit eben ausser Landes, als es abgefasst, und, nach alter Gewohnheit, dem Volk auf den Hauptplätzen der Stadt vorgesungen wurde. Der eine war der Sohn eines Krämers, der, durch Geiz und niederträchtige Kunstgriffe in seinem Gewerbe, binnen vierzig Jahren ein beträchtliches Vermögen zusammengekratzt, und in Kraft desselben seine Tochter (das hässlichste und dümmste Tierchen von ganz Abdera) kürzlich an einen Neffen des kleinen dicken Ratsherrn, dessen oben rühmliche Erwähnung getan worden, verheiratet hatte. Der andere war der einzige Sohn des Nomophylax, und sollte, um seinem Vater je bälder je lieber in diesem amt beigeordnet werden zu können, nach Aten reisen, und sich mit dem Musikwesen daselbst genauer bekannt machen; während dass der Erbe des Krämers, der ihn begleiten wollte, mit den Putzmacherinnen und Sträussermädchen allda genauere Bekanntschaft zu machen gesonnen war. Nun hatte das Decret an den besonderen Fall, worin sich diese jungen Herren befanden, nicht gedacht. Die Frage war also, was zu tun sei? Ob man auf eine Modification des Gesetzes antragen, oder beim Senat bloss um Dispensation für den vorliegenden Fall ansuchen sollte? – Keines von beiden, sagte der Nomophylax, der eben mit der Composition eines neuen Tanzes auf das fest der Latona fertig, und ausserordentlich mit selbst zufrieden war. Um etwas am gesetz selbst zu ändern, müsste man das Volk deswegen zusammenberufen; und dies würde unsern Missgünstigen nur gelegenheit geben, die Mäuler aufzureissen. Was die Dispensation betrifft, so ist zwar an dem, dass man die gesetz meistens um der Dispensationen willen macht; und ich zweifle nicht, dass der Senat uns ohne Schwierigkeit zugestehen würde, was jeder, in ähnlichen Fällen, Kraft des Gegenrechtes fodern zu können wünscht. Indessen hat doch jede Befreiung das Ansehen einer erwiesenen Gnade; und wozu haben wir nötig, uns Verbindlichkeiten aufzuhalsen? Das Gesetz ist ein schlafender Löwe, bei dem man, so lang er nicht aufgeweckt wird, so sicher als bei einem Lamme vorbeischleichen kann. Und wer wird die Unverschämteit oder die Verwegenheit haben, ihn gegen den Sohn des Nomophylax aufzuwecken?
Dieser Beschirmer der gesetz war, wie wir sehen, ein Mann, der von den Gesetzen und von seinem amt sehr verfeinerte Begriffe hatte, und sich der Vorteile, die ihm das letztere gab, fertig zu bedienen wusste. Sein Name verdient aufbehalten zu werden. Er nannte sich Gryllus, des Cyniskus Sohn.
Zehntes Kapitel
Demokritus zieht sich aufs Land zurück, und wird
von den Abderiten fleissig besucht
Allerlei Raritäten, und eine Unterredung vom
Schlaraffenlande der Sittenlehrer
Demokritus hatte sich, da er in sein Vaterland zurückkam, mit dem Gedanken geschmeichelt, dass er demselben, mittelst alles dessen, um was sich sein Verstand und sein Herz indessen gebessert hatte, nützlich werden könnte. Er hatte sich nicht vorgestellt, dass es mit den abderitischen Köpfen so gar übel stünde, als er es nun wirklich befand. Aber da er sich einige Zeit unter ihnen aufgehalten, sah er augenscheinlich, dass es ein eitles Unternehmen gewesen wäre, sie verbessern zu wollen. Alles war bei ihnen so verschoben, dass man nicht wusste, wo man die