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, ihnen zu schmeicheln, wenn sie ihm sein Urteil mit gesamter Hand abnötigten.

"Wie gefällt Ihnen diese neue Tragödie?"

Das Süjet ist glücklich gewählt. Was müsste der Autor auch sein, der einen solchen Stoff ganz zu grund richten sollte?

"Fanden Sie sie nicht sehr rührend?"

Ein Stück könnte in einigen Stellen sehr rührend, und doch ein sehr elendes Stück sein, sagte Demokritus. Ich kenne einen Bildhauer von Sicyon, der die Wut hat, lauter Liebesgöttinnen zu schnitzen.

Diese sehen überhaupt sehr gemeinen Dirnen gleich; aber sie haben alle die schönsten Beine von der Welt. Das ganze Geheimnis von der Sache ist, dass der Mann seine Frau zum Modelle nimmt, die, zum Glücke für seine Venusbilder, wenigstens die Beine schön hat. So kann dem schlechtesten Dichter zuweilen eine rührende Stelle gelingen, wenn es sich gerade zutrifft, dass er verliebt ist, oder einen Freund verloren hat, oder dass ihm sonst ein Zufall zugestossen ist, der sein Herz in eine Fassung setzt, die es ihm leicht macht, sich an den Platz der person, die er reden lassen soll, zu stellen.

"Sie finden also die Hekuba unsers Dichters nicht vortrefflich?"

Ich finde, dass der Mann vielleicht sein Bestes getan hat. Aber die vielen, bald dem Aeschylus, bald dem Sophokles, bald dem Euripides, ausgerupften Federn, womit er seine Blösse zu decken sucht, und die ihm vielleicht in den Augen mancher Zuhörer, denen jene Dichter nicht so gegenwärtig sind als mir, Ehre machen, schaden ihm in den meinigen. Eine Krähe, wie sie von Gott erschaffen ist, dünkt mich so noch immer schöner, als wenn sie sich mit Pfauen- und Fasanenfedern ausputzt. Überhaupt fodre ich von dem Verfasser eines Trauerspiels mit gleichem Rechte, dass er mir für meinen Beifall ein vortreffliches Trauerspiel, als von meinem Schuster, dass er mir für mein Geld ein Paar gute Stiefeln liefere; und wiewohl ich gerne gestehe, dass es schwerer ist, ein gutes Trauerspiel als gute Stiefeln zu machen: so bin ich darum nicht weniger berechtiget, von jedem Trauerspiel zu verlangen, dass es alle Eigenschaften habe, die zu einem guten Trauerspiel, als von einem Stiefel, dass er alles habe, was zu einem guten Stiefel gehört.

"Und was gehört denn, Ihrer Meinung nach, zu einem wohlgestiefelten Trauerspiel?" fragte ein junger abderitischer Patricius, herzlich über den guten Einfall lachend, der ihm, wie er glaubte, entfahren war.

Demokritus sprach mit einem kleinen Kreise von Personen, die ihm zuzuhören schienen, und fuhr, ohne auf die Frage des witzigen jungen Herrn Acht zu haben, fort. Die wahren Regeln der Kunstwerke, sprach er, können nie willkürlich sein. Ich fordre nichts von einem Trauerspiele, als was Sophokles von den seinigen fodert; und dies ist weder mehr noch weniger, als die natur und Absicht der Sache mit sich bringt. Einen einfachen wohldurchgedachten Plan, worin der Dichter alles vorausgesehen, alles vorbereitet, alles natürlich zusammengefügt, alles auf Einen Punkt geführt hat; worin jeder teil ein unentbehrliches Glied, und das Ganze ein wohlorganisierter, schöner, frei und edel sich bewegender Körper ist! Keine langweilige Exposition, keine Episoden, keine Scenen zum Ausfüllen, keine Reden, deren Ende man mit Ungeduld herbeigähnt, keine Handlungen, die nicht zum Hauptzwecke arbeiten! Interessante, aus der natur genommene Charaktere, veredelt, aber so, dass man die Menschheit in ihnen nie verkenne; keine übermenschliche Tugenden, keine Ungeheuer von Bosheit! Personen, die immer ihren eigenen Individualbegriffen und Empfindungen gemäss reden und handeln; immer so, dass man fühlt, nach ihrem besonderen Charakter, nach allen ihren vorhergehenden und gegenwärtigen Umständen und Bestimmungen, müssen sie im gegebenen Falle so reden, so handeln, oder aufhören zu sein was sie sind. Ich fodre dass der Dichter nicht nur die menschliche natur kenne, in so ferne sie das Modell aller seiner Nachbildungen ist; ich fodre, dass er auch auf die Zuschauer Rücksicht nehme, und genau wisse, durch welche Wege man sich ihres Herzens Meister macht; dass er jeden starken Schlag, den er auf solches tun will, unvermerkt vorbereite; dass er wisse wenn es genug ist, und, eh er es uns durch einerlei Eindrücke völlig ermüdet, oder einen Affect bis zu dem Grade, wo er peinigend zu werden anfängt, in uns erregt, dem Herzen kleine Ruhepunkte zur Erholung gönne, und die Regungen, die er uns mitteilt, ohne Nachteil der Hauptwirkung, zu vermannichfaltigen wisse. Ich fodre von ihm eine schöne, und ohne Ängstlichkeit mit äusserstem Fleisse polierte Sprache; einen immer warmen kräftigen Ausdruck, einfach und erhaben, ohne jemals zu schwellen noch zu sinken, stark und nervicht, ohne rauh und steif zu werden, glänzend, ohne zu blenden; wahre Heldensprache, die immer der lebende Ausdruck einer grossen Seele und unmittelbar vom gegenwärtigen Gefühl eingegeben ist, nie zu viel, nie zu wenig sagt, und, gleich einem dem Körper angegossnen Gewand, immer den eigentümlichen Geist des Redenden durchscheinen lässt. Ich fodre, dass derjenige, der sich unterwindet, Helden reden zu lassen, selbst eine grosse Seele habe; und indem er durch die Allgewalt der Begeisterung in seinen Helden verwandelt worden ist, alles, was er ihm in den Mund logt, in seinem eignen Herzen finde. Ich fodre

"O, Herr Demokritus", – riefen die Abderiten, die sich nicht