eine ungeheure Passion für die Künste affectierten, und immer von Malerei und Statuen und Musik und Rednern und Dichtern schwatzten, ohne jemals einen Maler, Bildhauer, Redner oder Dichter, der des Namens wert war, gehabt zu haben; wenn sie Tempel bauten, die wie Bäder, und Bäder, die wie Tempel aussahen; wenn sie die geschichte von Vulcans Netze in ihre Ratsstube, und den grossen Rat der Griechen über die Zurückgabe de schönen Chryseis in ihre Akademie malen liessen; wenn sie in Lustspiele gingen, wo man sie zu weinen, und in Trauerspiele, wo man sie zu lachen machte; und in zwanzig ähnlichen Dingen glaubten die guten Leute – Atenienser zu sein, und waren – Abderiten.
Wie erhaben der Schwung in diesem kleinen Gedicht ist, das Physignatus auf meine Wachtel gemacht hat! sagte eine Abderitin. Desto schlimmer! sagte Demokritus.
Sehen Sie, sprach der erste Archon von Abdera, die Fassade von diesem Gebäude, welches wir zu unserm Zeughause bestimmet haben? Sie ist von dem besten parischen Marmor. Gestehen Sie, dass Sie nie ein Werk von grösserm Geschmack gesehen haben!
Es mag die Republik schönes Geld gekostet haben, antwortete Demokritus.
Was der Republik Ehre macht, kostet nie zu viel, erwiderte der Archon, der in diesem Augenblick den zweiten Perikles in sich fühlte; ich weiss, Sie sind ein Kenner, Demokritus: denn Sie haben immer an allem etwas auszusetzen. Ich bitte Sie, finden Sie mir einen Fehler an dieser Fassade?
Tausend Drachmen für einen Fehler, Herr Demokritus, rief ein junger Herr, der die Ehre hatte, ein Neffe des Archon zu sein, und vor kurzem von Aten zurückgekommen war, wo er sich aus einem abderitischen Bengel für die Hälfte seines Erbgutes zu einem attischen Gecken ausgebildet hatte.
Die Fassade ist schön, sagte Demokritus ganz bescheiden; so schön, dass sie es auch zu Aten oder Korint oder Syrakus sein würde. Ich sehe, wenn's erlaubt ist, es zu sagen, nur Einen Fehler an diesem prächtigen Gebäude.
"Einen Fehler?" – sprach der Archon, mit einer Miene, die sich nur ein Abderite, der ein Archon war, geben konnte.
Einen Fehler! Einen Fehler! wiederholte der junge Geck, indem er ein lautes Gelächter aufschlug.
"Darf man fragen, Demokritus, wie ihr Fehler heisst?"
Eine Kleinigkeit, versetzte Demokritus; nichts als dass man eine so schöne Fassade – nicht sehen kann.
"Nicht sehen kann? Und wieso?"
Je, beim Anubis! wie wollen Sie dass man sie vor allen den alten übelgebauten Häusern und Scheunen sehen soll, die hier ringsum zwischen die Augen der Leute und Ihre Fassade hingesetzt sind?
"Diese Häuser stunden lange eh Sie und ich geboren wurden", sagte der Archon.
Dergleichen Dialogen gab es, so lange der Philosoph unter ihnen lebte, alle Tage, Stunden und Augenblicke.
"Wie finden Sie diesen Purpur, Demokritus? Sie sind zu Tyrus gewesen; nicht wahr?"
Ich wohl, Madame, aber dieser Purpur nicht; dies ist Coccinum, das Ihnen die Syrakusaner aus Sardinien bringen und für tyrischen Purpur bezahlen lassen.
"Aber wenigstens werden Sie doch diesen Schleier für indianischen Byssus von der feinsten Art gelten lassen?"
Von der feinsten Art, schöne Atalanta, die man in Memphis und Pelusium verarbeiten lässt.
Nun hatte sich der ehrliche Mann zwo Feindinnen in Einer Minute gemacht. Konnte aber auch was ärgerlicher sein, als eine solche Aufrichtigkeit?
Achtes Kapitel
Vorläufige Nachricht von dem abderitischen
Schauspielwesen
Demokritus wird genötigt,
seine Meinung davon zu sagen
Die Abderiten wussten sich sehr viel mit ihrem Teater. Ihre Schauspieler waren gemeine Bürger von Abdera, die entweder von ihrem Handwerke nicht leben konnten, oder zu faul waren, eines zu lernen. Sie hatten keinen gelehrten Begriff von der Kunst, aber eine desto grössere Meinung von ihrer eignen Geschicklichkeit; und wirklich konnte' es ihnen an Anlage nicht fehlen, da die Abderiten überhaupt geborne Gaukler, Spassmacher und Pantomimen waren, an denen immer jedes Glied ihres Leibes mitreden half, so wenig auch das, was sie sagten, zu bedeuten haben mochte.
Sie besassen auch einen eignen Schauspieldichter, Hyperbolus genannt, der, wenn man ihnen glaubte, ihre Schaubühne so weit gebracht hatte, dass sie der ateniensischen wenig nachgab. Er war im Komischen so stark als im Tragischen, und machte überdies die possierlichsten Satyrenspiele18 von der Welt, worin er seine eignen Tragödien so schnakisch parodierte, dass man sich, wie die Abderiten sagten, darüber bucklicht lachen musste. Ihrem Urteile nach vereinigte er in seiner Tragödie den hohen Schwung und die mächtige Einbildungskraft des Aeschylus mit der Beredsamkeit und dem Patos des Euripides, so wie in seinen Lustspielen des Aristophanes Laune und mutwilligen Witz mit dem feinen Geschmack und der Eleganz des Agaton. Die Behendigkeit, womit er seiner Werke entbunden wurde, war das Talent, worauf er sich am meisten zu gute tat. Er lieferte jeden monat seine Tragödie, mit einem kleinen Possenspielchen zur Zugabe. Meine beste Komödie, sprach er, hat mich nicht mehr als vierzehn Tage gekostet, und gleichwohl spielt sie ihre vier bis fünf Stunden wohlgezählt.
Da sei uns der Himmel gnädig! dachte Demokritus.
Nun drangen die Abderiten immer von allen Seiten in ihn, seine Meinung von ihrem Teater zu sagen; und so ungern er sich mit ihnen über ihren Geschmack in Wortwechsel einliess, so konnte'er doch auch nicht von sich erhalten