?"
Nein.
"Seine Sklavin?"
Nach ihrem Anzug zu schliessen nicht.
"Wie war sie denn angezogen?"
So gut, dass sie eine Fille d'honneur der Königin von Saba hätte vorstellen können. Schnüre von grossen feinen Perlen zwischen den Locken, und um Hals und arme; ein Gewand voll schön gebrochner Falten, von dünnem feuerfarbnem Atlass mit Streifen von welcher Farbe ihr wollt, unter ihrem Busen von einem reichgestickten Gürtel zusammengehalten, den eine Agraffe von Smaragden schloss; und – was weiss ich alles –
"Der Anzug war reich genug."
Wenigstens können Sie mir glauben, dass, so wie sie war, kein Prinz von Senegal, Angola, Gambia, Congo und Loango sie ungestraft angesehen hätte.
"Aber –"
Ich sehe wohl, dass Sie noch nicht am Ende Ihrer fragen sind. – Wer war denn diese Gulleru? War es eben die, von welcher vorhin gesprochen wurde? Wie kam Demokritus zu ihr? Auf welchen Fuss lebte sie in seinem haus? – Ich gesteh' es, dies sind sehr billige fragen; aber sie zu beantworten, sehe' ich vor der Hand keine Möglichkeit. Denken Sie nicht, dass ich hier den Verschwiegnen machen wolle, oder dass ein besonderes Geheimnis unter der Sache stecke. Die Ursache, warum ich sie nicht beantworten kann, ist die aller simpelste von der Welt. Tausend Schriftsteller befinden sich tausendmal in dem nämlichen Falle; nur ist unter Tausend kaum einer aufrichtig genug, in solchen Fällen die wahre Ursache zu bekennen. Soll ich Ihnen die meinige sagen, Sie werden gestehen, dass sie über alle Einwendung ist. Denn, kurz und gut, – ich weiss selbst kein Wort von allem dem, was Sie von mir wissen wollen; und da ich nicht die geschichte der schönen Gulleru schreibe, so begreifen Sie, dass ich in Absicht auf diese Dame zu nichts verbunden bin. Sollte sich (was ich nicht vorhersehen kann,) etwa in der Folge gelegenheit finden, von Demokritus oder von ihr selbst etwas näheres zu erkundigen: so verlassen Sie sich darauf, dass Sie alles von Wort zu Wort erfahren sollen.
Siebentes Kapitel
Patriotismus der Abderiten
Ihre Vorneigung für Aten als ihre Mutterstadt
Ein paar Proben von ihrem Atticismus, und von der
unangenehmen Aufrichtigkeit des weisen
Demokritus
Demokritus hatte noch keinen monat unter den Abderiten gelebt, als er ihnen, und zuweilen auch sie ihm, schon so unerträglich waren, als Menschen einander sein müssen, die mit ihren Begriffen und Neigungen alle Augenblicke wider einander stossen.
Die Abderiten hegten von sich selbst und von ihrer Stadt und Republik eine ganz ausserordentliche Meinung. Ihre Unwissenheit alles dessen, was ausserhalb ihrem Gebiet in der Welt Merkwürdiges sein oder geschehen möchte, war zugleich eine Ursache und eine Frucht dieses lächerlichen Dünkels. Daher kam es denn, durch eine sehr natürliche Folge, dass sie sich gar keine Vorstellung machen konnten, wie etwas recht oder anständig oder gut sein könnte, wenn es anders als zu Abdera war, oder wenn man zu Abdera gar nichts davon wusste. Ein Begriff, der ihren Begriffen widersprach, eine Gewohnheit, die von den ihrigen abging, eine Art zu denken oder etwas ins Auge zu fassen, die ihnen fremde war, hiess ihnen, ohne weitere Untersuchung, ungereimt und belachenswert. Die natur selbst schrumpfte für sie in den engen Kreis ihrer eigenen Tätigkeit zusammen; und wiewohl sie es nicht so weit trieben, sich, wie die Japaner, einzubilden, ausser Abdera wohnten lauter Teufel, Gespenster und Ungeheuer: so sahen sie doch wenigstens den Rest des Erdbodens und seiner Bewohner als einen ihrer Aufmerksamkeit unwürdigen Gegenstand an; und wenn sie zufälliger Weise gelegenheit bekamen, etwas Fremdes zu sehen oder zu hören, so wussten sie nichts damit zu machen, als sich darüber aufzuhalten, und sich selbst Glück zu wünschen, dass sie nicht wären wie andere Leute. Dies ging so weit, dass sie denjenigen für keinen guten Bürger hielten, der an einem andern Orte bessere Einrichtungen oder Gebräuche wahrgenommen hatte als zu haus. Wer das Glück haben wollte, ihnen zu gefallen, musste schlechterdings so reden und tun, als ob die Stadt und Republik Abdera, mit allen ihren zugehörigen Stücken, Eigenschaften und Zufälligkeiten, ganz und gar untadelich, und das Ideal aller Republiken gewesen wäre.
Von dieser Verachtung gegen alles, was nicht abderitisch hiess, war die Stadt Aten allein ausgenommen; aber auch diese vermutlich nur deswegen, weil die Abderiten, als ehmalige Tejer, ihr die Ehre erwiesen, sie für ihre Mutterstadt anzusehen. Sie waren stolz darauf, für das tracische Aten gehalten zu werden; und wiewohl ihnen dieser Name nie anders als spottweise gegeben wurde, so hörten sie doch keine Schmeichelei lieber als diese. Sie bemühten sich, die Atenienser in allen Stücken zu copieren; und copierten sie genau – wie der Affe den Menschen. Wenn sie, um lebhaft und geistreich zu sein, alle Augenblicke ins Possierliche fielen; wichtige Dinge leichtsinnig, und Kindereien ernstaft behandelten; das Volk oder ihren Rat um jeder Kleinigkeit willen zwanzigmal versammelten, um lange, alberne Reden pro und contra über Sachen zu halten, die ein Mann von alltäglichem Menschenverstand in einer Viertelstunde besser als sie entschieden hätte; wenn sie unaufhörlich mit Projecten von Verschönerung und Vergrösserung schwanger gingen, und, so oft sie etwas unternahmen, immer erst mitten im Werke ausrechneten, dass es über ihre Kräfte gehe; wenn sie ihre halbtracische Sprache mit attischen Redensarten spickten; ohne den mindesten Geschmack