; und da man beinahe allentalben die Charaktere und begebenheiten der alten Abderiten für Abbildungen und Anekdoten der neuen ansah: so erwies sich dadurch auch die seltsame Eigenschaft der Einförmigkeit und Unveränderlichkeit, welche dieses Volk, nach dem angeführten Zeugnis, von andern Völkern des festen Landes und der Inseln des Meeres unterscheidet. Die Nachrichten, die mir hierüber von allen Orten zukamen, gereichten mir aus einem doppelten grund zu grossem Troste: erstens, weil ich mich nun auf einmal von allem innerlichen Vorwurf den Abderiten vielleicht zuviel getan zu haben erleichtert fand; und zweitens, weil ich vernahm, dass mein Werk überall, auch von den Abderiten selbst, mit Vergnügen gelesen, und besonders die treffende Ähnlichkeit zwischen den alten und neuen bewundert werde, welche den letzteren, als ein augenscheinlicher Beweis der Echteit ihrer Abstammung, allerdings sehr schmeichelhaft sein musste. Die Wenigen, welche sich beschwert haben sollen, dass man sie zu ähnlich geschildert habe, kommen in der Tat gegen die Menge derer die zufrieden sind in keine Betrachtung; und auch diese Wenigen täten vielleicht besser, wenn sie die Sache anders nähmen. Denn da sie, wie es scheint, nicht gerne für das angesehen sein wollen was sie sind, und sich deswegen in die Haut irgend eines edlern Tieres gesteckt haben: so erfodert die Klugheit, dass sie ihre Ohren nicht selbst hervorstrecken, um eine Aufmerksamkeit auf sich zu erregen, die nicht zu ihrem Vorteil ausfallen kann.
Auf der andern Seite aber liess ich mir auch den Umstand, dass ich die geschichte der alten Abderiten gleichsam unter den Augen der neuern schrieb, zu einem Beweggrund dienen, meine Einbildungskraft, die ich anfangs bloss ihrer Willkür überlassen hatte, kürzer im Zügel zu halten, mich vor allen Karikaturen sorgfältig zu hüten, und den Abderiten in allem was ich von ihnen erzählte, die strengste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denn ich sah mich nun als den Geschichtschreiber der Altertümer einer noch fortblühenden Familie an, welche berechtigt wäre, es übel zu vermerken, wenn man ihren Vorfahren irgend etwas ohne Grund und gegen die Wahrheit aufbürdete."
Die geschichte der Abderiten kann also mit gutem grund als eine der wahresten und zuverlässigsten, und eben darum als ein getreuer Spiegel betrachtet werden, worin die Neuern ihr Antlitz beschauen, und, wenn sie nur ehrlich gegen sich selber sein wollen, genau entdecken können, in wiefern sie ihren Vorfahren ähnlich sind. Es wäre sehr überflüssig, von dem Nutzen, den das Werk in dieser Rücksicht so lange als es noch Abderiten geben wird – und dies wird vermutlich sehr lange sein – stiften kann und muss, viele Worte zu machen. Wir bemerken also nur, dass es beiläufig auch noch den Nutzen haben könnte, die Nachkömmlinge der alten deutschen unter uns behutsamer zu machen, sich vor allem zu hüten was den Verdacht erwecken könnte, als ob sie entweder aus abderitischen Blute stammten, oder aus übertriebner Bewundrung der abderitischen Art und Kunst und daher entspringender Nachahmungssucht, sich selbst Ähnlichkeiten mit diesem volk geben wollten, wobei sie aus vielerlei Ursachen wenig zu gewinnen hätten.
Und dies, werte Leser, wäre also der versprochne Schlüssel zu diesem merkwürdigen Originalwerke, mit beigefügter Versicherung, dass nicht das kleinste geheime Schubfach darin ist, welches Sie sich mit diesem Schlüssel nicht sollten aufschliessen können; und wofern Ihnen jemand ins Ohr raunen wollte, als ob noch mehr darin verborgen sei, so können Sie sicherlich glauben, dass er entweder nicht weiss was er sagt, oder nichts Gutes im Schilde führt.
– – SAPIENTIA PRIMA EST STULTITIA
CARUISSE –
Fussnoten
1 Solin. Polyhist. c. X. 2 Paläphatus in seinem buch von Unglaublichen Dingen erklärt auf diese Weise die Fabel, dass dieser Fürst seine Pferde mit Menschenfleisch gefüttert habe, und ihnen endlich selbst vom Herkules zur Speise vorgeworfen worden sei. 3 Herodot. I. 43. 6 Juvenal. Satyr. X. v. 50. 8 Ein berühmter Sophiste von Abdera (etwas älter als Demokritus), welchen Cicero dem Hippias, Prodikus, Gorgias, und also den grössten Männern seiner Profession an die Seite setzt. 9 Was hier von den Abderiten gesagt wird, erzählen andere alte Schriftsteller von der Stadt Alabandus. S. Coel. Rhodog. Lect. Ant. L. XXVI. Cap. 25. 10 Plato de Republ. L. III. Tom. opp. II. p. 398. 11 Plin. Naturgesch. B. IV. 12 Solin. C. XXX. auch Plinius, Mela, und andere Alte und Neuere, welche uns alle die Wundermenschen, von denen hier die Rede ist, für wirkliche Geschöpfe Gottes zu gehen kein Bedenken tragen. 13 Solinus aus dem Ktesias. 14 Ebenderselbe. 16 Parmenides von Elea wird für den Erfinder der Lehre von den Ideen oder wesentlichen Urbildern gehalten, welche Plato in sein System aufgenommen, und sich so eigen gemacht hat, dass man sie gewöhnlich nach seinem Namen zu nennen pflegt. 17 Ein sehr gewöhnlicher Griff der abderitischen Gelehrten und Kunstrichter. 18 Griechische Possenspiele, die mit der Opera buffa der Welschen einige Ähnlichkeit hatten, und wovon uns der Cyklops des Euripides, das einzige übrig gebliebene Stück dieser Art, einen Begriff gibt. 19 Aelian. Var. Hist. III. 36. 20 Die Atenienser hatten zu ihrem Kriege mit Megara keinen bessern Grund (wenn man dem Aristophanes glauben dürfte,) als dass etliche junge Herren von Megara, um die Entführung einer megarischen Courtisane zu rächen, ein paar junge Dirnen von der nämlichen