1774_Wieland_109_123.txt

ist, waren ihrer natur und Absicht nach allegorisch, und konnten also ohne Schlüssel nicht verstanden werden, wiewohl einige derselben, z.B. Spencers Feenkönigin, und die allegorischen Satyren des D. Swift, so beschaffen sind, dass eine jede verständige und der Sachen kundige person den Schlüssel dazu ohne fremde Beihülfe in ihrem eignen kopf finden kann.

Diese kurze Deduction wird mehr als hinlänglich sein, um denen, die noch nie daran gedacht haben, begreiflich zu machen, wie es zugegangen sei, dass sich unvermerkt eine Art von gemeinem Vorurteil und wahrscheinlicher Meinung in den meisten Köpfen festgesetzt hat, als ob ein jedes Buch, das einem satyrischen Roman ähnlich sieht, mit einem versteckten Sinn begabt sei, und also einen Schlüssel nötig habe. Daher hat auch der Herausgeber der gegenwärtigen geschichte, wie er gewahr wurde, dass die meisten unter der grossen Menge von Lesern, welche sein Werk zu finden die Ehre gehabt hat, sich fest überzeugt hielten, dass noch etwas mehr dahinter stecken müsse, als was die Worte beim ersten Anblick zu besagen scheinen, und also einen Schlüssel zu der Abderitengeschichte, als ein unentbehrliches Bedürfnis zu vollkommner Verständnis eines so interessanten Buches zu erhalten wünschten, sich dieses ihm häufig zu Ohren kommende Verlangen seiner werten Leser keineswegs befremden lassen; sondern er hat es im Gegenteil für eine Aufmerksamkeit die er ihnen schuldig ist gehalten, bei gegenwärtiger neuer und vollständiger Originalausgabe, demselben, so viel an ihm ist, ein Genüge zu tun, und ihnen, als einen Schlüssel oder statt des verlangten Schlüssels (welches im grund auf eins hinausläuft) alles mitzuteilen, was zu gründlicher Verständnis und nützlichem Gebrauch dieses zum Vergnügen aller Klugen, und zur Lehre und Züchtigung aller N**n geschriebenen Werkes, dienlich sein kann.

Zu diesem Ende findet er nötig, ihnen vor allen Dingen die geschichte der Entstehung desselben, unverfälscht und mit den eigen Worten des Verfassers, eines zwar wenig bekannten, aber seit dem Jahr 1753 sehr stark gelesenen Schriftstellers, mitzuteilen.

"Es war (so lautet sein Bericht) – es war ein schöner Herbstabend im Jahr 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner wohnung und sahdenn ich schäme mich nicht zu bekennen, wenn mir etwas menschliches begegnetvor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius gänzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem flüchtigen Salze, verduftet. Ich war dumm, aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschütterlichen Überzeugung, welche gewisse Leute versichert, dass alles, was sie denken, sagen, träumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden würdig seieiner Überzeugung, die den echten Sohn der grossen Göttin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glücklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fühlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens; und es war, wie gesagt, so weit mit mir gekommen, dass ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen, das des Wissens wert gewesen wäre. Auf einmal war mir, als höre ich eine stimmeob es Wahrheit oder Täuschung war, will ich nicht entscheidendie mir zurief: setze dich und schreibe die geschichte der Abderiten! Und plötzlich ward es Licht in meinem kopf. Ja, ja, dachte ich, die Abderiten! Was kann natürlicher Sein? Die geschichte der Abderiten will ich schreiben! Wie war es doch möglich, dass mir ein so natürlicher Einfall nicht schon längst gekommen ist? Und also setzt ich mich und schrieb, und schlug nach, und compilierte, und ordnete zusammen, und schrieb wieder, und es war eine Lust zu sehen, wie mir das Werk von den Händen ging.

Indem ich nun so im besten Schreiben war, (fährt unser Verfasser in seiner treuherzigen beichte fort,) kam mir in einem Anstoss von Capriccio, oder Laune, oder wie man's sonst nennen will, der Einfall, meiner Phantasie den Zügel schiessen zu lassen, und die Sachen so weit zu treiben, als sie gehen könnten. Es betrifft ja nur die Abderiten, dachte ich, und an den Abderiten kann man sich nicht versündigen: sie sind ja doch am Ende weiter nichts als ein Pack Narren; die Albernheiten, die ihnen die geschichte zur Last legt, sind gross genug, um das Ungereimteste, was du ihnen andichten kannst, zu rechtfertigen. Ich gesteh es also unverhohlenund wenn's unrecht war, so verzeihe mir es der Himmel! – ich strengte alle Stränge meiner Erfindungskraft bis zum Reissen an, um die Abderiten so närrisch denken, reden und sich betragen zu lassen, als es nur möglich wäre. Es ist ja schon über zweitausend Jahre, dass sie allesamt tot und begraben sind, sagte ich zu mir selbst; es kann weder ihnen noch ihrer Nachkommenschaft schaden; denn auch von dieser ist schon lange kein Gebein mehr übrig. Zu diesem allem kam noch eine andre Vorstellung, die mich durch einen gewissen Schein von Guterzigkeit einnahm. Je närrischer ich sie mache, dachte ich, je weniger habe ich zu besorgen, dass man die Abderiten für eine Satyre halten, und Anwendungen