sich nicht selten zu viel verliess) ihm für Tracien Gallien untergeschoben habe; und dass die Stadt, von welcher beim Varro die Rede war, keine andre gewesen, als unser Abdera selbst.
Und hiemit sei dann der Gipfel auf das Denkmal gesetzt, welches wir dieser einst so berühmten und nun schon so viele Jahrhunderte lang wieder vergessnen Republik zu errichten ohne Zweifel von einem für ihren Ruhm sorgenden Dämon angetrieben worden: nicht ohne Hoffnung, dass es, ungeachtet es aus so leichten Materialien als die seltsamen Launen und jovialischen Narrheiten der Abderiten sind, zusammengesetzt ist, so lange dauren werde, bis unsre Nation den glücklichen Zeitpunkt erreicht haben wird, wo diese geschichte niemand mehr angehen, niemand mehr unterhalten, niemand mehr verdriesslich und niemand mehr aufgeräumt machen wird; mit einem Wort, wo die Abderiten niemand mehr ähnlich sehen, und also ihre begebenheiten eben so unverständlich sein werden, als uns Geschichten aus einem andern Planeten sein würden: ein Zeitpunct, der nicht mehr weit entfernt sein kann, wenn die Knaben in der ersten Generation des neunzehnten Jahrhunderts nur um eben so viel weiser sein werden, als die Knaben im letzten Viertel des achtzehnten sich weiser als die Männer des vorgehenden dünken oder wenn alle die Erziehungsbücher, womit wir seit zehn Jahren so reichlich beschenkt worden sind und täglich noch beschenkt werden, nur den zehnten teil der herrlichen Wirkungen tun, die uns die wohlmeinenden Verfasser hoffen lassen.
Der Schlüssel zur Abderitengeschichte
Als Homers Gedichte unter den Griechen bekannt worden waren, hatte das Volk, das in vielen Dingen mit seinem schlichten Menschenverstand richtiger zu sehen pflegt als die Herren mit bewaffneten Augen, gerade Verstand genug, um zu sehen, dass in diesen grossen heroischen Fabeln, ungeachtet des Wunderbaren, Abenteuerlichen und Unglaublichen, womit sie so reichlich durchwebt sind, dass eine Amme Märchen genug um ihr Kind in Schlaf zu singen daraus machen konnte, mehr Weisheit und Unterricht fürs praktische Leben liege, als in einem milesischen Ammenmärchen; und wir sehen aus Horazens Brief an Lollius, und aus dem Gebrauch, welchen Plutarch von Homers Gedichten macht und zu machen lehrt, dass noch viele Jahrhunderte nach Homer die verständigsten Weltleute unter Griechen und Römern der Meinung waren, dass man was recht und nützlich, was unrecht und schädlich sei, und wie viel ein Mann durch Tugend und Weisheit vermöge, so gut und noch besser aus Homers Fabeln lernen könne, als aus den subtilsten oder beredtesten stoischen Sittenlehrern. Man überliess es alten Kindsköpfen (denn die Jungen belehrte man eines Bessern,) an dem blossen materiellen teil der Dichtung kleben zu bleiben; verständige Leute fühlten und erkannten den Geist, der in diesem leib atmete, und liessen sichs nicht einfallen, scheiden zu wollen, was die Muse untrennbar zusammengefügt hatte, das Wahre unter der Hülle des Wunderbaren, und das Nützliche durch eine Mischungskunst, die nicht allen geoffenbart ist, vereinbart mit dem Schönen und Angenehmen.
Wie es bei allen menschlichen Dingen geht, so ging es auch hier. Nicht zufrieden, in Homers Gedichten warnende oder aufmunternde Beispiele, einen lehrreichen Spiegel des menschlichen Lebens in seinen mancherlei Ständen, Verhältnissen und Scenen zu finden, wollten die Gelehrten späterer zeiten noch tiefer eindringen, noch mehr sehen, als ihre Vorfahren; und so entdeckte man (denn was entdeckt man nicht, wenn man sichs einmal in den Kopf gesetzt hat, etwas zu entdecken) in dem was nur Beispiel war, Allegorie, in allem, sogar in den blossen Maschinen und Decorationen des poetischen Schauplatzes, einen mystischen Sinn, und zuletzt in jeder person, jeder Begebenheit, jedem Gemälde, jeder kleinen Fabel, Gott weiss was für Geheimnisse von hermetischer, orphischer und magischer Philosophie, an die der gute Dichter in der Unschuld seines Herzens gewiss so wenig gedacht hatte, als Virgil, dass man zwölf hundert Jahre nach seinem tod mit seinen Versen die bösen Geister beschwören würde.
Immittelst wurde es unvermerkt zu einem wesentlichen Requisit eines epischen Gedichts (wie man die grösseren und heroischen poetischen Fabeln zu nennen pflegte,) dass es ausser der natürlichen Sinn und der Moral, die es beim ersten Anblick darbot, noch einen andern geheimen und allegorischen haben müsse – wenigstens gewann diese Grille bei den Italiänern und Spaniern die Oberhand; und es ist mehr als lächerlich, zu sehen, was für eine undankbare Mühe sich die Ausleger oder auch wohl die Dichter selbst geben, um aus einem Amadis und Orlando, aus Trissins befreitem Italien oder Camoens Lusiade, ja sogar aus dem Adone des Marino, alle Arten von metaphysischer, politischer, moralischer, physikalischer und teologischer Allegorien herauszuspinnen. Da es nun nicht die Sache der Leser war, in diese Geheimnisse aus eigner Kraft einzudringen: so musste man ihnen, wenn sie so herrlicher Schätze nicht verlustigt werden sollten, notwendig einen Schlüssel dazu geben; und dieser Schlüssel war eben die Exposition des allegorischen oder mystischen Sinnes; wiewohl der Dichter, gewöhnlicherweise, erst wen er mit dem ganzen Werk fertig war, daran dachte, was vor versteckte Ähnlichkeiten und Beziehungen sich etwa aus seinen Dichtungen herausholen lassen könnten.
Was bei vielen Dichtern blosse gefälligkeit gegen eine herrschende Mode war, über welche sie sich nicht hinwegzusetzen wagten, wurde für andre wirklicher Zweck und Hauptwerk. Der berühmte Zodiacus vitae des sogenannten Palingenius, die Argenis des Barclei, die Feenkönigin des Spencer, die neue Atlantis der Dame Manlei, die malabarischen Prinzessinnen, das Märchen von der Tonne, die geschichte von Johann Bull und eine Menge andrer Werke dieser Art, woran besonders das sechzehnte und siebenzehnte Jahrhundert fruchtbar gewesen