auf die marmorne Tribüne hinaus, die zu öffentlichen Anreden an das Volk bestimmt war. Seine Augen funkelten von einem ungewöhnlichen Glanz; er schien eines Haupts länger als sonst, und seine ganze Gestalt hatte etwas Majestätischers als man jemals an einem Abderiten gesehen hatte. Die Ratsherren folgten ihm stillschweigend und erwartungsvoll.
"Höret mich, ihr Männer von Abdera, sagte Onokradias mit einer stimme die nicht die seinige war; Jason, mein grosser Stammvater, ist vom Sitz der Götter herabgestiegen, und gibt mir in diesem Augenblick das Mittel ein, wodurch wir uns alle retten können. Gehet, jeder nach seinem haus, packet alle eure Gerätschaften und Habseligkeiten zusammen, und morgen bei Sonnenaufgang stellet euch mit Weibern und Kindern, Pferden und Eseln, Rindern und Schafen, kurz mit Sack und Pack, vor dem Jasonstempel ein. Von da wollen wir mit dem goldnen Vliesse, dem heiligen Palladium der Abderiten an unsrer Spitze, ausziehen, diesen von den Göttern verachteten Mauren den rücken wenden, und in den weiten Ebnen des fruchtbaren Macedoniens einen andern Wohnort suchen, bis der Zorn der Götter sich gelegt haben, und uns oder unsern Kindern wieder vergönnt sein wird, unter glücklichen Vorbedeutungen in die schöne Abdera zurückzukehren. Die verderblichen Mäuse, wenn sie nichts mehr zu zehren finden, werden sich unter einander selbst auffressen, und was die Frösche betrifft – denen mag Latona gnädig sein! – Geht, meine Kinder, und macht euch fertig. Morgen, mit Aufgang der Sonne, werden alle unsre Drangsale ein Ende haben."
Das ganze Volk jauchzte dem begeisterten Archon Beifall zu, und in einem Augenblick atmete wieder nur Eine Seele in allen Abderiten. Ihre leichtbewegliche Einbildungskraft stunde auf einmal in voller Flamme. Neue Aussichten, neue Scenen von Glück und Freuden tanzten vor ihrer Stirne. Die weiten Ebnen des glücklichen Macedoniens lagen wie fruchtbare Paradiese vor ihren Augen ausgebreitet. Sie atmeten schon die mildern Lüfte, und sehnten sich mit unbeschreiblicher Ungeduld aus dem dicken froschsumpfichten Dunstkreise ihrer ekelhaften Vaterstadt heraus. Alles eilte, sich zu einem Auszug zu rüsten, von welchem wenige Augenblicke zuvor kein Mensch sich hatte träumen lassen.
Am folgenden Morgen war das ganze Volk von Abdera reisefertig. Alles was sie von ihren Habseligkeiten nicht mitnehmen konnten, liessen sie ohne Bedauren in ihren Häusern, so ungeduldig waren sie an einen Ort zu ziehen, wo sie weder von Fröschen noch Mäusen mehr geplagt werden würden.
Am vierten Morgen ihrer Auswanderung begegnete ihnen der König Kassander. Man hörte das Getöse ihres Zugs von weitem, und der Staub, den sie erregten, verfinsterte das Tageslicht. Kassander befahl den Seinigen Halt zu machen, und schickte jemand aus sich zu erkundigen was es wäre.
Sire, sagte der zurückkommende Abgeschickte, es sind die Abderiten, die vor Fröschen und Mäusen nicht mehr in Abdera zu bleiben wussten, und einen andern Wohnplatz suchen.
Wenn's dies ist, so sind's gewiss die Abderiten, sagte Kassander.
Indem erschien Onokradias an der Spitze einer Deputation von Ratsmännern und Bürgern, dem König ihr Anliegen vorzutragen.
Die Sache kam Kassandern und seinen Höflingen so lustig vor, dass sie sich, mit aller ihrer Höflichkeit, nicht entalten konnten, den Abderiten überlaut ins Gesicht zu lachen; und die Abderiten, wie sie den ganzen Hof lachen sahen, hielten es für ihre Schuldigkeit mitzulachen.
Kassander versprach ihnen seinen Schutz, und wies ihnen einen Ort an den Grenzen von Macedonien an, wo sie sich so lange aufhalten könnten, bis sie Mittel gefunden haben würden, mit den Fröschen und Ratten ihres Vaterlandes einen billigen Vergleich zu treffen.
Von dieser Zeit an weiss man wenig mehr als nichts von den Abderiten und ihren begebenheiten. Doch ist so viel gewiss, dass sie einige Jahre nach dieser seltsamen Auswanderung (deren historische Gewissheit durch das Zeugnis des vom Justinus in einen Auszug gebrachten Geschichtschreibers Trogus Pompejus L. XV, C. 2. ausser allen Zweifel gesetzt wird) wieder nach Abdera zurück gezogen. Allem Vermuten nach müssen sie die Ratten in ihren Köpfen, die sonst immer mehr Spuk darin gemacht als alle Ratten und Frösche in ihrer Stadt und Landschaft, in Macedonien zurückgelassen haben. Denn von dieser Epoche an sagt die geschichte weiter nichts von ihnen, als dass sie, unter dem Schutze der macedonischen Könige und der Römer, verschiedene Jahrhunderte durch ein stilles und geruhiges Leben geführt; und, da sie weder witziger noch dummer gewesen als andre Municipalen ihres Gleichens, den Geschichtschreibern keine gelegenheit gegeben weder Böses noch Gutes von ihnen zu sagen.
Um übrigens unsern geneigten Lesern eine vollkommne probe unsrer Aufrichtigkeit zu geben, wollen wir ihnen unverhalten lassen, dass – wofern der ältere Plinius und sein aufgestellter Gewährsmann Varro hierin Glauben verdienten, Abdera nicht die einzige Stadt in der Welt gewesen wäre, die von so unansehnlichen Feinden, als Frösche und Mäuse sind, ihren natürlichen Einwohnern abgejagt worden. Denn Varro soll nicht nur einer Stadt in Spanien erwähnen, die von Kaninchen, und einer andern, die von Maulwürfen zerstört worden, sondern auch einer Stadt in Gallien, deren Einwohner, wie die Abderiten, den Fröschen hätten Platz machen müssen. Allein, da Plinius weder die Stadt, welcher dies Unglück begegnet sein soll, mit Namen nennt, noch ausdrücklich sagt, aus welchem von den unzähligen Werken des gelehrten Varro er diese Anekdote genommen habe: so glauben wir der Ehrerbietung, die man diesem grossen mann schuldig ist, nicht zu nahe zu treten, wenn wir vermuten, dass sein Gedächtnis (auf dessen Treue er