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der gute Priester betrog sich selbst durch diese anscheinende Gelassenheit. Seine Eigenliebe war zu sehr beleidigt, um so ruhig zu bleiben. Je mehr er der Sache nachdachte, (und er konnte die ganze Nacht an nichts anders denken,) je stärker fühlte er sich überzeugt, dass ihm nicht erlaubt sei bei einer so lauten Aufforderung für die gute Sache stille zu sitzen.

Der Nomophylax und die übrigen Feinde des Archons Onokradias ermangelten nicht, seinen Eifer durch ihre Aufstiftungen vollends zu entflammen. Man hielt fast täglich Zusammenkünfte, um sich über die Massregeln zu beratschlagen, welche man zu nehmen hätte, dem einreissenden Strom der Unordnung und Ruchlosigkeit (wie es Stilbon nannte) Einhalt zu tun.

Aber die zeiten hatten sich wirklich sehr geändert. Stilbon war kein Strobylus. Das Volk kannte ihn wenig, und er hatte keine von den Gaben, wodurch sich sein besagter Vorgänger mit unendlichmal weniger Gelehrsamkeit so wichtig in Abdera gemacht hatte. Beinahe alle junge Leute beiderlei Geschlechts waren von den grundsätzen des Philosophen Korax angesteckt. Der grössere teil der Ratsherren und angesehenen Bürger neigte sich ohne Grundsätze auf die Seite wo es am meisten zu lachen gab. Und sogar unter dem gemeinen volk hatten die Gassenlieder, womit einige Versifexe von Koraxens Anhang die Stadt angefüllt hatten, so gute wirkung getan, dass man sich vor der Hand wenig Hoffnung machen konnte, den Pöbel so leicht als ehmals in Aufruhr zu setzen. Aber was noch das allerschlimmste war, man hatte Ursache zu glauben, dass es unter den Priestern selbst einen und den andern gebe, der ingeheim mit den Gegenfröschlern in Verbindung stehe. Es war in der Tat mehr als blosser Argwohn, dass der Priester Pamphagus mit einem Anschlag schwanger gehe, sich die gegenwärtigen Umstände zu Nutze zu machen, und den ehrlichen Stilbon von einer Stelle zu verdrängen, welcher er (wie Pamphagus unter der Hand zu verstehen gab) wegen seiner gänzlichen Unerfahrenheit in Geschäften in einer so bedenklichen Krisis auf keine Weise gewachsen sei.

Bei allem dem machten gleichwohl die Batrachosebisten eine ansehnliche Partei aus, und Hypsiboas hatte Geschicklichkeit genug, sie immer in einer Bewegung zu erhalten, welche mehr als einmal gefährliche Ausbrüche hätte nehmen können, wenn die Gegenpartei zufrieden mit ihren erhaltenen Siegen und ungeneigt das Übergewicht in dessen Besitz sie war in Gefahr zu setzennicht so untätig geblieben, und alles was zu ungewöhnlichen Bewegungen hätte Anlass geben können, sorgfältig vermieden hätte. Denn, wiewohl sie sich des Namens der Batrachophagen eben nicht zu weigern schienen, und die Frösche der Latona den gewöhnlichsten Stoff zu lustigen Einfällen in ihren Gesellschaften hergaben: so liessen sie es doch, nach echter abderitischer Weise, dabei bewenden, und die Frösche blieben trotz dem Gutachten der Akademie und den Scherzen des Philosophen Korax noch immer ungestört und ungegessen im Besitz der Stadt und Landschaft von Abdera.

Zehntes Kapitel

Seltsame Entwicklung des ganzen abderitischen

tragikomischen Possenspiels

Aller Wahrscheinlichkeit nach würden die Frösche der Latona dieser Sicherheit noch lange genossen haben, wenn nicht unglücklicherweise im nächsten Sommer eine unendliche Menge Mäuse und Ratten von allen Farben auf einmal die Felder der unglücklichen Republik überschwemmt, und dadurch die ganze unschuldige und ungefähre Weissagung des Archons Onokradias auf eine unvermutete Art in Erfüllung gebracht hätten.

Von Fröschen und Mäusen zugleich aufgegessen zu werden, war für die armen Abderiten zuviel auf einmal. Die Sache wurde ernstaft.

Die Gegenfröschler drangen nun ohne weiters auf die notwendigkeit, den Vorschlag der Akademie unverzüglich ins Werk zu setzen.

Die Batrachosebisten schrieen: die gelben, grünen, blauen, blutroten, und flohfarben Mäuse, die in wenig Tagen die greulichste Verwüstung auf den abderitischen Feldern angerichtet hatten, seien eine sichtliche Strafe der Gottlosigkeit der Batrachophagen, und augenscheinlich von Latonen unmittelbar abgeschickt, die Stadt, die sich des Schutzes der Göttin unwürdig gemacht, gänzlich zu verderben.

Vergebens bewies die Akademie, dass gelbe, grüne und flohfarbe Mäuse darum nicht mehr Mäuse seien als andre; dass es mit diesen Mäusen und Ratten ganz natürlich zugehe; dass man in den Jahrbüchern aller Völker ähnliche Beispiele finde; und dass es nunmehr, da besagte Mäuse entschlossen schienen, den Abderiten ohnehin nichts anders zu essen übrig zu lassen, um so nötiger sei, sich des Schadens, den beiderlei gemeine Feinde der Republik verursachten, wenigstens an der essbaren Hälfte derselben, nämlich an den Fröschen, zu erholen.

Vergebens schlug sich der Priester Pamphagus ins Mittel, indem er den Vorschlag tat, die Frösche künftig zu ordentlichen Opfertieren zu machen, und, nachdem der Kopf und die Eingeweide der Göttin geopfert worden, die Keulen als Opferfleisch zu ihren Ehren zu verzehren.

Das Volk, bestürzt über eine Landplage, die es sich nicht anders als unter dem Bilde eines Strafgerichts der erzürnten Götter denken konnte, und von den Häuptern der Froschpartei empört, lief in Rotten vor das Rataus, und drohte, kein Gebein von den Herren übrig zu lassen, wenn sie nicht auf der Stelle ein Mittel fänden die Stadt vom Verderben zu erretten.

Guter Rat war noch nie so teuer auf dem Ratshause zu Abdera gewesen als jetzt. Die Ratsherren schwitzten Angstschweiss. Sie schlugen vor ihre Stirne; aber es hallte hohl zurück. Je mehr sie sich besannen, je weniger konnten sie finden was zu tun wäre.

Das Volk wollte sich nicht abweisen lassen, und schwur, Fröschlern und Gegenfröschlern die Hälse zu brechen, wenn sie nicht Rat schafften.

Endlich fuhr der Archon Onokradias auf einmal wie begeistert von seinem Stuhl auf. – Folgen Sie mir, sagte er zu den Ratsherren, und ging mit grossen Schritten