mehr davon zu wissen als wir wirklich wissen? Was es auch mit dem Ursprung des Latonentempels und seines geheiligten Froschgrabens für eine Bewandtnis haben mag, würde etwa, wenn wir diese Bewandtnis wüssten, Latona mehr oder weniger Göttin, ihr Tempel mehr oder weniger Tempel, und ihr Froschgraben mehr oder weniger Froschgraben sein? – Latona soll und muss in ihrem uralten Tempel verehrt, und ihr uralter Froschgraben soll und muss in gebührenden Ehren gehalten werden. Beides ist Institut unsrer ältesten Vorfahren, ehrwürdig durch das graueste Altertum, befestigt durch die Gewohnheit so vieler Jahrhunderte, unterhalten durch den ununterbrochnen fortgepflanzten allgemeinen Glauben unsers Volkes, geheiligt und unverletzlich gemacht durch die gesetz unsrer Republik, welche die Bewachung und Beschützung desselben dem ansehnlichsten Collegio des staates anvertraut haben. Aber, wenn Latona, oder Jupiter um Latonens willen, die milischen bauern in Frösche verwandelt hat: folgt denn daraus, dass alle Frösche der Latona heilig sind, und sich des priesterlichen Vorrechts der persönlichen Unverletzlichkeit anzumassen haben? Und, wenn unsre wackern Vorfahren für gut befunden haben, zum ewigen Gedächtnis jenes Wunders, im Bezirk des Latonentempels einen kleinen Froschgraben zu unterhalten: folgt denn daraus, dass ganz Abdera in eine Froschlache verwandelt werden muss?
Die Akademie kennt sehr wohl die achtung, die man gewissen Meinungen und Gefühlen des volkes schuldig ist. Aber dem Aberglauben, in welchen sie immer auszuarten bereit sind, kann doch nur so lange nachgesehen werden, als er die Grenzen der Unschädlichkeit nicht gar zu weit überschreitet. Frösche können in Ehren gehalten werden; aber die Menschen den Fröschen auf zuopfern ist unbillig. Der Zweck, um dessentwillen die Abderiten, unsre Vorfahren, den geheiligten Froschteich einsetzten, hätte freilich auch durch einen einzigen Frosch erreicht werden können. Doch, lass es sein, dass ein ganzer Teich voll gehalten wurde; wenn es nur bei diesem einzigen geblieben wäre! Abdera würde darum nicht weniger blühend, mächtig und glücklich gewesen sein. Bloss der seltsame Wahn, dass man der Frösche und Froschteiche nicht zuviel haben könne, hat uns dahin gebracht, dass uns nun wirklich keine andre Wahl übrig bleibt als, uns entweder dieser überlästigen und allzufruchtbaren Mitbürger ungesäumt zu entladen, oder alle insgesamt mit blossen Häuptern und Füssen nach dem Latonentempel zu wallen, und mit fussfälligem Bitten so lange bei der Göttin anzuhalten, bis sie das alte Wunder an uns erneuert, und auch uns, so viel unsrer sind, in Frösche verwandelt haben wird.
Die Akademie müsste sich sehr gröblich an der Weisheit der Häupter und Väter des Vaterlandes versündigen, wenn sie nur einen Augenblick zweifeln wollte, dass das Mittel, welches sie in einer so verzweifelten Lage vorzuschlagen aufgefodert worden, und das einzige, welches sie vorzuschlagen im stand ist, nicht mit beiden Händen ergriffen werden sollte. Dieses Mittel hat alle von dem hohen Senat erforderten Eigenschaften; es ist in unsrer Gewalt, es ist zweckmässig und von unmittelbarer wirkung; es ist nicht nur mit keinem Aufwand, sondern sogar mit einer namhaften Ersparnis verbunden; und weder Latona noch ihre Priester können, unter den gehörigen Einschränkungen, etwas dagegen einzuwenden haben."
Und nun rate der geneigte Leser, was für ein Mittel das wohl sein konnte? – Es ist, um ihn nicht lange aufzuhalten, das simpelste Mittel von der Welt. Es ist etwas in Europa von langen zeiten her bis auf diesen Tag sehr gewöhnliches; eine Sache, worüber in der ganzen Christenheit sich niemand das mindeste Bedenken macht – und wovor gleichwohl, wie diese Stelle des Gutachtens im Senat zu Abdera abgelesen wurde, der Hälfte der Ratsherren die Haare zu Berge stunden. Mit einem Worte, das Mittel, das die Akademie von Abdera vorschlug, um der überzähligen Frösche mit guter Art los zu werden, war – sie zu essen.
Der Verfasser des Gutachtens beteuerte, dass er auf seinen Reisen zu Aten und Megara, zu Korint, in Arkadien und an hundert andern Orten Froschkeulen essen gesehen und selbst gegessen habe. Er versicherte, dass es eine sehr gesunde nahrhafte und wohlschmeckende Speise sei, man möchte sie nun gebakken oder mariniert, frikassiert oder in kleinen Pastetchen auf die Tafel bringen. Er berechnete, dass auf diese Weise die übermässige Froschmenge in kurzer Zeit auf eine sehr gemässigte Zahl gebracht, und dem gemeinen und Mittelmann, bei dermaligen klemmen zeiten, keine geringe Erleichterung durch diese neue Essware verschafft werden würde. Und wiewohl der daher entstehende Vorteil sich vermöge der natur der Sache von Tag zu Tage vermindern müsste: so würde hingegen der Abgang um so reichlicher ersetzt werden, indem man nach und nach einige tausend Froschteiche und Gräben austrocknen und wieder urbar machen könnte; ein Umstand, wodurch wenigstens der vierte teil des zu Abdera gehörigen Grund und Bodens wieder gewonnen werden und den Einwohnern zu Nutzen gehen würde. Die Akademie (setzt er hinzu) habe die Sache aus allen möglichen Gesichtspuncten betrachtet, und könne nicht absehen, wie von Seiten der Latona oder ihrer Priester die mindeste Einwendung dagegen sollte gemacht werden können. Denn was die Göttin selbst betreffe, so würde sie sich ohne Zweifel durch den blossen Argwohn, als ob ihr an den Fröschen mehr als an den Abderiten gelegen sei, sehr beleidiget finden. Von den Priestern aber sei zu erwarten, dass sie viel zu gute Bürger und Patrioten seien, um sich einem Vorschlag zu widersetzen, durch welchen dasjenige, was bisher das grösste Übel und Drangsal des abderitischen gemeinen Wesens gewesen, bloss durch eine geschickte Wendung in den grössten Nutzen desselben verwandelt würde. Da es aber nicht mehr als billig