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man sichs einfallen lassen, einer Akademie der Wissenschaften eine solche Frage Vorzulegen? – Und gleichwohl ist es dem Senat noch zum Verdienste anzurechnen, dass er noch so viel Verstand und Mut gehabt hat, die Akademie zu fragen. Es gibt Städte in der Welt, wo man so was nicht auf die Akademie ankommen lässt. Man muss gestehen, dass die Abderiten zuweilen vor lauter Narrheit auf einen guten Einfall stossen!"

Korax setzte sich also an seinen Schreibtisch, und arbeitete mit so viel Lust und Liebe zum Ding, dass er noch vor Sonnenuntergang mit seinem Gutachten fertig war.

Da wir dem geneigten Leser eine, wo nicht ausführliche, doch hinlängliche Nachricht von dem System des Oberpriesters Stilbon gegeben haben: so erfodert die Unparteilichkeit, welche die erste Pflicht eines Geschichtschreibers ist, dass wir ihnen auch von dem Inhalt dieses akademischen Gutachtens wenigstens so viel mitteilen, als zum Verständnis dieser merkwürdigen geschichte vonnöten zu sein scheint.

"Der hohe Senat, sagte Korax im Eingang seiner Schrift, setzt in dem der Akademie zugefertigten verehrlichen Ratsschlusse voraus, dass die Froschmenge in Abdera die Volksmenge dermalen in einem unmässigen und enormen Grade übersteige; und überhebt dadurch die Akademie der unangenehmen Arbeit, erst beweisen zu müssen, was als eine stadt- und weltkundige Tatsache vor jedermanns Augen liegt.

Es gewinnt demnach das Ansehen, als ob die Akademie, bei so bewandter Sache, sich bloss über die Mittel zu erklären hätte, wodurch diesem Unwesen am schleunigsten abgeholfen werden kann.

Allein, da die Frösche in Abdera, vermöge eines uralten und ehrwürdig gewordnen Instituts und Glaubens unsrer Vorältern, Vorrechte erlangt haben, in deren Besitze sie zu stören vielen bedenklich, und manchen wohl gar unerlaubt scheinen mag; und da es, vermöge der natur der Sache, leicht geschehen könnte, dass die einzigen diensamen Mittel, welche die Akademie in dem gegenwärtigen äussersten Notstande des gemeinen Wesens vorzuschlagen haben möchte, jenen wirklichen oder vermeinten Gerechtsamen der abderitischen Frösche Abbruch zu tun scheinen könnten: so wird es eben so zweckmässig als unumgänglich sein, eine historisch-pragmatische Beleuchtung der Frage: 'was es mit unsern besagten Fröschen für eine besondere Bewandtnis habe', vorauszuschicken.

Die Akademie bittet sich also bei diesem teoretischen Teile ihres untertänigsten und unmassgeblichen Gutachtens von allen hoch- und wohlansehnlichen Mitgliedern des hohen Senats um so mehr geneigte Aufmerksamkeit aus, als der glückliche Erfolg dieser ganzen der Republik so hoch angelegnen Sache lediglich von Berichtigung der Präliminarfrage abhängt: ob und in wiefern die Frösche zu Abdera als wirkliche Frösche anzusehen seien oder nicht?"

Diese Berichtigung nimmt in dem Gutachten selbst mehr als zwei Drittel des Ganzen ein. Der schlaue Philosoph, wohl eingedenk dessen, was er dem vorsichtigen Präsidenten versprochen, erwähnt der Verwandlung der milischen Bauern nur im Vorbeigehen, und mit aller Ehrerbietung, die man einer alten Volkssage schuldig ist. Er setzt sie, mit Beziehung auf das Buch des Oberpriesters Stilbon von den Altertümern des Latonentempels, als eine Sache voraus, die keinem mehrern Zweifel ausgesetzt ist, als die Verwandlung des Narcissus in eine Blume, des Cyknus in einen Schwan, der Daphne in einen Lorbeerbaum, oder irgend eine andre Verwandlung, die auf einem eben so festen grund beruhet. Wenn es auch nicht unzulässig und unanständig wäre, dergleichen uralte Sagen leugnen zu wollen: so wäre es, meint er, unverständig. Denn da es auf der einen Seite unmöglich sei, ihre Glaubwürdigkeit durch historische Zeugnisse umzustossen, und auf der andern kein Naturforscher in der Welt im stand sei, ihre absolute Unmöglichkeit zu erweisen: so werde jeder Verständige sich um so lieber entalten sie zu bezweifeln, als er doch weiter nichts dagegen sagen könnte, als die gemeinen Platteiten, "es ist unglaublich, es ist wider den Lauf der natur" und dergleichen Formeln, die auch dem schalsten kopf beim ersten Anblick eben so gut einfallen mussten. Er betrachte also die Umgestaltung der milischen Bauern in Frösche als eine auf sich beruhende Sache; behaupte aber, dass ihre Wahrheit bei der vorliegenden Frage vollkommen gleichgültig sei. Denn es werde doch wohl niemand leugnen wollen, dass diese milischen Menschfrösche schon ein paar tausend Jahre wenigstens tot und abgetan seienund gesetzt auch, dass die abderitischen Frösche ihre Abstammung von denselben genüglich erweisen könnten; so würden sie damit doch weiter nichts erwiesen haben, als dass sie seit undenklichen zeiten von Vater zu Sohn wahre echtgebrochne Frösche seien. Denn so wie die mehrbesagten milischen Bauern durch ihre Verwandlung, und von dem Augenblick ihrer Einfroschung an, aufgehört hätten, Menschen zu sein, so hätten sie auch, von solchem Augenblick an, nichts anders als ihres gleichen, nämlich leibhafte natürliche Frösche zeugen können. Mit einem Wort, Frösche seien Frösche, und der Umstand, dass ihre ersten Stammväter vor ihrer Verwandlung milische Bauern gewesen, verändre eben so wenig an ihrer gegenwärtigen Froschnatur, als wenig ein von zwei und dreissig Ahnen her geborner Bettler für einen Prinzen angesehen werde, wenn gleich erweislich wäre, dass der erste Bettler seines Stammbaums in gerader Linie von Ninus und Semiramis entsprossen sei. Die Anhänger der entgegenstehenden Meinung schienen dieses auch selbst so gut einzusehen, dass sie, um die vorgebliche höhere natur der abderitischen Frösche zu begründen, ihre Zuflucht zu einer Hypotese nehmen müssten, deren blosse Darstellung alle Widerlegung überflüssig mache.

Der scharfsinnige Leser (und es versteht sich von selbst, dass ein Werk wie dies keine andre Leser haben kann) wird sogleich ohne unser Erinnern bemerkt haben, dass Korax durch diese Einlenkung auf des Oberpriesters Stilbon System von den Keimen kommen