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der Latona angehöriger Mittelwesen angesehen, und also auch als solche behandelt und geehret werden. Sie sind zwar, dem Äusserlichen nach, Frösche wie andre; aber sie sind gleichwohl auch keine Frösche wie andre. Denn, da sie von Geburt und natur Menschen gewesen waren, und alles was wir von natur und Geburt sind uns einen unauslöschlichen Charakter gibt: so sind sie nicht sowohl Frösche als Froschmenschen, und also in gewissem Sinne noch immer unsers Geschlechts, unsre Brüder, unsre verunglückten Brüder, zu unsrer Warnung mit dem furchtbaren Stempel der Rache der Götter bezeichnet, aber eben darum unsers zärtlichsten Mitleidens würdig. – Doch nicht nur unsers Mitleidens (setzte Stilbon hinzu), sondern auch unsrer Ehrerbietung; da sie fortdaurende unverletzliche Denkmäler der Macht unsrer Göttin sind, an denen man sich nicht vergreifen kann, ohne sich an ihr selbst zu vergreifen; indem ihre Erhaltung durch so viele Jahrhunderte der redendste Beweis ist, dass sie solche erhalten wissen wolle."

Der gute Oberpriesterein Mann, der unsern Lesern so gar verächtlich, wie er ihnen vermutlich ist, nicht vorkommen würde, wenn sie sich recht an seinen Platz zu stellen wüssten hatte den ganzen Abend mit Durchlesung und Überdenkung seines Kapitels über die Frösche zugebracht, und sich in die Bestrebung, sein System mit neuen Gründen zu befestigen, so vertieft, dass ihm gänzlich aus dem Sinne gekommen war, wie er dem Nomophylax versprochen habe, ihm von dem Erfolg seines Besuchs bei dem Archon Nachricht zu geben. Er erinnerte sich dessen nicht eher, als da er um die Dämmerungszeit die tür seiner Zelle aufgehen hörte, und den Nomophylax in eigner person vor sich stehen sah.

"Ich habe Ihnen nicht viel tröstliches zu berichten, rief er ihm entgegen; wir sind in schlechtern Händen als ich mir jemals vorgestellt hätte. Der Archon weigerte sich, mein Buch zu lesen, vielleicht weil er überall gar nicht lesen kann."

dafür wollt' ich nicht Bürge sein, sagte Hypsiboas.

"Und er sprach in einem Tone, dessen ich mich zu einem Oberhaupte der Republik nimmermehr versehen hätte."

Was sagte er denn?

"Ich danke dem Himmel, dass ich das Meiste wieder vergessen habe, was er sagte. Genug, er bestand darauf, dass die Akademie ihr Gutachten geben müsste –"

Das soll sie wohl bleiben lassen müssen, fiel der Nomophylax ein; die Gegenfröschler sollen mehr Widerstand finden, als sie sich vermuten waren. Aber, damit man uns nicht beschuldigen könne, dass wir gewalttätig zu Werke gehen, eh wir die gelindern Mittel versucht haben, ist die sämtliche Minorität entschlossen, dem Senat ungesäumt eine schriftliche Vorstellung zu tun, wofern die Latonenpriesterschaft geneigt ist, gemeine Sache mit uns zu machen.

"Von Herzen gerne, sagte Stilbonich will die Vorstellung selbst aufsetzen; ich will ihnen dartun"

Vor der Hand, unterbrach ihn der Nomophylax, kann es an einem kurzen Promemoria, welches ich bereits, sub spe rati et grati, aufgesetzt habe, genug sein. Wir müssen eine so gelehrte Feder wie die Ihrige auf den letzten Notfall aufsparen.

Der Oberpriester liess sich zwar berichten; setzte sich aber vor, noch in dieser Nacht an einem kleinen Tractätchen zu arbeiten, worin er sein System über die Latonenfrösche in ein neues Licht setzen, und auf eine noch feinere Art, als es in seinem Werke von den Altertümern des Latonentempels geschehen war, allen Einwendungen zuvorkommen wollte, welche der Philosoph Korax dagegen machen könnte. Vorgesehene Pfeile schaden desto weniger, sagte er zu sich selbst. Ich will die Sache so klar und deutlich hinlegen, dass auch die Einfältigsten überzeugt werden sollen. Es müsste doch wahrlich nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn die Wahrheit ihre natürliche Macht über den Verstand der Menschen nur gerade in diesem Falle verloren haben sollte!

Siebentes Kapitel

Auszüge aus dem Gutachten der Akademie

Ein Wort über die Absichten, welche Korax dabei

gehabt, mit einer Apologie, woran Stilbon und

Korax gleichviel Anteil nehmen können

Inzwischen hatte, während aller dieser Bewegungen unter der Minorität des Senats und unter den Latonenpriestern, die Akademie eine Weisung bekommen, ihr Gutachten, "durch was für diensame Mittel der übermässigen Froschmenge (den Gerechtsamen der Latona unbeschadet) aufs schleunigste gesteuert werden könnte", binnen sieben Tagen an den Senat abzugeben.

Die Akademie ermangelte nicht, sich den nächstfolgenden Morgen zu versammeln. Da die Gegenfröschler zur Zeit den grössten teil derselben ausmachten: so wurde die Ausfertigung des Gutachtens dem Philosophen Korax aufgetragen; jedoch von Seiten des Präsidenten mit der ausdrücklichen Erinnerung: dass er sich aufs sorgfältigste hüten möchte, die Akademie in keine böse Händel mit der Latonenpriesterschaft zu verwickeln.

Korax versprach, dass er alle seine Weisheit aufbieten wolle, die Wahrheit, wo möglich, auf eine unanstössige Art zu sagen. Denn zum Unmöglichen, setzte er hinzu, ist, wie meine Hochgeehrten Herren wissen, niemand in keinem Falle verbunden.

Darin haben Sie recht, versetzte der Präsident: meine Meinung ging auch bloss dahin, dass Sie sich möglichst in Acht nehmen sollten. Denn der Wahrheit darf die Akademie freilichso viel möglichnichts vergeben.

Das ist es was ich immer sage, erwiderte Korax.

"In was für eine seltsame Lage doch ein ehrlicher Mann kommen kann, sobald er das Unglück hat, ein Abderit zu sein!" sagte Korax zu sich selbst, da er sich anschickte, das Gutachten der Akademie über die Froschsache zu Papier zu bringen. "In welcher andern Stadt auf dem Erdboden würde