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als von seinem eignen Dasein. Es erging ihm also natürlicherweise eben so, als wenn er sich hingesetzt hätte, um mit aller Kaltblütigkeit von der Welt zu untersuchen, ob der Schnee auf dem Gipfel des Hämus weiss oder schwarz sei?

"Dass die milischen bauern, die der durstenden Latona aus ihrem Teiche zu trinken verwehrten, in Frösche verwandelt worden", (sagte Stilbon in seinem buch,) "das ist Tatsache

Dass eine Anzahl dieser Frösche, auf die Art und Weise, wie die Tradition berichtet, nach Abdera in den Teich des Latonenhains versetzt worden, ist Tatsache.

Beide Facta gründen sich auf das, worauf sich alle historische Wahrheit gründet, auf menschlichen Glauben an menschliches Zeugnis; und so lange Abdera steht, hat sich kein vernünftiger Mensch einfallen lassen, dem allgemeinen Glauben der Abderiten an diese Facta zu widersprechen. Denn wer sie leugnen wollte, müsste ihre Unmöglichkeit beweisen können; und wo ist der Mensch auf Erden, der dies könnte?

Aber, ob die Frösche, die sich zu unsern heutigen zeiten in dem geheiligten Teiche befinden, eben diejenigen seien, die von Latonen, oder (was auf Eines hinausläuft) von Jupitern auf Latonens Bitte, in Frösche verwandelt worden: darüber sind bisher verschiedene Meinungen gewesen.

Unsre Gelehrten haben grösstenteils davor gehalten, dass die Unterhaltung des geheiligten Teichs als blosses Institut unsrer Vorältern, und die darin aufbewahrten Frösche, als blosse Erinnerungszeichen der Macht unsrer Schutzgöttin, mit gebührender Ehre anzusehen seien.

Das gemeine Volk hingegen hat von diesen Fröschen immer eben so gesprochen und geglaubt, als ob sie die nämlichen wären, an denen das bekannte Wunder geschehen sei.

Und IchStilbon, von Jupiters und Latonens Gnaden, zur Zeit Oberpriester von Abdera, habe nach reiflicher Erwägung der Sache befunden, dass dieser Glaube des volkes sich auf unumstössliche Gründe stützt; und hier ist mein Beweis! –" Der geneigte Leser würde sich wahrscheinlicherweise schlecht erbaut finden, wenn wir ihm diesen Beweis, so weitläuftig als er in besagtem Buch des Oberpriesters Stilbon vorgetragen ist, zu lesen geben wollten; zumal da wir alle von dem Ungrund desselben zum voraus wenigstens eben so vollkommen überzeugt sind, als es der gute Stilbon von dessen Gründlichkeit war. Wir begnügen uns also nur mit zwei Worten zu sagen: dass sich sein ganzes System über die mehrbesagten Frösche um eine heutigs Tages sehr gemeine, damals aber (in Abdera wenigstens) ganz neue, und (nach Stilbons ausdrücklicher Versicherung) von ihm selbst erfundene Hypotese drehte; nämlich um die Lehre: "dass alle Zeugung nichts anders als Entwicklung ursprünglicher Keime sei. –" Stilbon fand diese Entdekkung, als er sie zuerst machte, so schön, und wusste sie mit so vielen dialektischen und moralischen Gründen (denn die Physik war seine Sache nicht) zu unterstützen, dass sie ihm mit jedem Tage wahrscheinlicher vorkam.

Endlich glaubte er sie auf den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit gebracht zu haben. Da nun von dieser zur Gewissheit nur noch ein leichter Sprung zu tun ist: was Wunder, dass ihm eine so sinnreiche, so subtile, so wahrscheinliche Hypoteseeine Hypotese, die er selbst erfunden, mit so vieler Mühe ausgearbeitet, mit allen seinen übrigen Ideen in Verbindung gesetzt, und zur Grundlage eines neuen durchaus raisonnierten Systems über die Latonenfrösche gemacht hatte, – zuletzt eben so gewiss, anschaulich und unzweifelhaft vorkam, als irgend ein Lehrsatz im Euklides?

"Als die milischen bauern verwandelt wurden, (sagte Stilbon,) führten sie die Keime aller bauern und Nichtbauren, die von damals an bis auf diesen Tag, und von diesem Tage bis ans Ende der Tage nach dem ordentlichen Lauf der natur von ihnen entspringen konnten und sollten, in eben soviel ineinandergeschobenen Keimen bei sich; und in dem Augenblick, da besagte milische bauern zu Fröschen wurden, wurden auch die sämtlichen Menschenkeime, die jeder bei sich führte, in Froschkeime verwandelt. Denn (sagt er) entweder wurden diese Keime vernichtet, oder sie wurden ranificiert, oder sie wurden gelassen wie sie waren. Das erste ist unmöglich, weil aus Etwas eben so wenig Nichts, als aus Nichts Etwas werden kann. Das dritte lässt sich auch nicht denken; denn wären die besagten Keime Menschenkeime geblieben, so müssten die milischen Αν ρωποβατραχοι oder Menschenfrösche wirkliche Menschen gezeugt haben, welches wider die historische Wahrheit, und an sich selbst in alle Wege ungereimt ist. Es bleibt also nur das zweite übrig, nämlich: sie sind ranificiert, d.i. in Froschkeime verwandelt worden; und man kann also mit vollkommner Richtigkeit sagen: dass die Frösche, die sich auf diesen Tag in dem geheiligten Teiche befinden, und alle übrigen, deren Abstammung von denselben erweislich ist, folglich die sämtlichen Frösche in Abdera, eben diejenigen sind, welche von Latonen in Frösche verwandelt worden; nämlich in so fern sie damals in den froschwerdenden Bauern im Keim vorhanden waren, und zugleich uno eodemque actu mit ihnen verwandelt wurden."

Dies nun ein für allemal als erwiesene Wahrheit angenommen, schien dem ehrlichen Stilbon nichts sonnenklarer (wie er zu sagen pflegte) als die Folgerungen, die gleichsam von selbst daraus abflossen. "So wie, zum Beispiel, eine vom Strahl getroffne Eiche, als eine Res sacra, als dem Donnerer Zeus angehörig und geheiligt, mit schaudernder Ehrfurcht angesehen wird: eben so müssen, sagte er, die von Latonen oder Jupitern verwandelten Menschenfrösche, nebst allen ihren im Keim mitverwandelten Abkömmlingen bis ins tausendste und zehntausendste Glied, als eine Art wundervoller