werden, eh der Senat einen Schluss darüber fasst, darauf können Sie sich auch verlassen!
Der Oberpriester verschlang seinen Unwillen über den ganz unerwarteten schlechten Erfolg seines Besuchs so gut er konnte, machte seinen Bückling, und zog sich zurück, mit der Versicherung, dass er vollkommen überzeugt sei, dass der Senat nichts in Sachen weiter verfügen werde, ohne mit den Priestern des Latonentempels vorher einverstanden zu sein. Der Archon versicherte ihm dagegen zurück, dass ihm die Rechte des Latonentempels so heilig seien, als die Rechte des Senats und das Beste der Stadt Abdera; und somit schieden sie, nach Gestalt der Sachen, noch ziemlich höflich von einander.
Der – hat mir warm gemacht, sagte der Archon zum Ratsherrn Meidias, indem er sich mit seinem Schnupftuch die Stirne wischte.
Sie haben sich aber auch tapfer gehalten, versetzte der Ratsherr. Das Pfäffchen wird Gift und Galle kochen; aber seine Blitze sind nur von Bärenlappen. Man braucht nur sich auf seine Distinctionen und Syllogismen nicht einzulassen, so ist er geschlagen, und weiss weder wo aus noch wo ein.
Ja, wenn der Nomophylax nicht hinter ihm stäke, erwiderte der Archon. Ich wollte, dass ich mich nicht so weit herausgelassen hätte. Aber was das auch für eine Zumutung ist, das dicke Buch zu lesen, woran sich der hohläugige alte Kerl blind geschrieben hat! Wer hätte nicht ungeduldig werden sollen?
Sorgen Sie für nichts, Herr Archon! Wir haben die Akademie für uns, und in wenig Tagen sollen auch die Lacher in ganz Abdera auf unsrer Seite sein. Ich will Liedchen und Gassenhauer unter das Volk streuen. Der Balladenmacher Lelex soll mir die geschichte der lycischen Froschbauern in eine Ballade bringen, über die sich die Leute krank lachen sollen. Man muss die Herren mit ihren Fröschen lächerlich machen. Auf eine feine Art, versteht sich; aber Schlag auf Schlag, Gassenhauer auf Gassenhauer! Sie sollen sehen, wie das Mittel anschlagen wird.
Ich will es herzlich wünschen, sagte der Archon; denn Sie können sich kaum vorstellen, wie mir die verwetterten Frösche diesen Sommer über meinen Garten zugerichtet haben! Ich kann den Jammer gar nicht mehr ansehen – Es fehlt uns nichts, als dass nächstens ein trocknes Jahr käme, und uns noch eine Armee von Feldmäusen und Maulwürfen über den Hals schickte!
Fürs erste wollen wir uns die Frösche vom leib schaffen, versetzte Meidias: für die Mäuse, die noch kommen sollen, wirds dann auch Mittel geben!
Aber was, zum Henker, soll ich mit dem dicken buch machen, das mir der Oberpriester zurückgelassen hat? sagte der Archon – Sie werden mir doch nicht zumuten wollen, dass ichs lesen soll?
Da sei Jason und Medea für, Herr Archon, versetzte Meidias. geben Sie mir's. Ich will's meinem Vetter Korax bringen, dem ohne Zweifel die Ausfertigung des Gutachtens von der Akademie aufgetragen werden wird. Er wird guten Gebrauch davon machen, dafür bin ich Ihnen Bürge. Es mag schönes Zeug drin stehen – sagte der Archon. Wenn's sonst zu nichts zu gebrauchen ist, erwiderte der Ratsherr, so machen wir's zu Pulver, und geben's den Ratten ein, die, nach Ew. Gnaden Weissagung, noch kommen sollen. Es muss ein herrliches Rattenpulver geben!
Sechstes Kapitel
Was der Oberpriester Stilbon tat, als er wieder nach
haus gekommen war
Das erste was der Oberpriester Stilbon tat, als er wieder in seiner Zelle angelangt war, war, dass er sich hinsetzte, und sein Werk von den Altertümern des Latonentempels vor die Hand nahm, in der Absicht, das Kapitel von den Fröschen, welches das grösste Kapitel in dem ganzen buch war, wieder zu durchlesen; und zwar (wie er sich wenigstens schmeichelte) mit aller Unparteilichkeit eines Richters, der kein ander Interesse bei der Sache hat, als die Entdeckung der Wahrheit. Denn so überzeugt er auch von den Resultaten seiner Untersuchungen war, so hielt er doch für billig und nötig, eh er sich weiter einliesse, sein ganzes System und die Beweise desselben noch einmal Punct vor Punct zu prüfen; um es, wenn er's auch bei dieser neuen und scharfen Untersuchung wahr befände, desto zuversichtlicher gegen alle Anfechtungen des Witzes und der Modephilosophie seiner Zeit behaupten zu können.
Armer Stilbon! wenn du (wie ich lieber glauben als nicht glauben will) aufrichtig warst, was für ein betrügliches Ding ist es um eines Menschen Vernunft! und was für eine glatte verführerische Schlange ist die grosse Erzzauberin Eigenliebe!
Stilbon durchlas sein Kapitel von den Fröschen mit aller Unparteilichkeit, deren er fähig war; prüfte jeden Satz, jeden Beweis, jeden Syllogismus mit der Kaltblütigkeit eines Arcesilas, und – fand: "dass man entweder dem allgemeinen Menschensinn entsagen, oder von seinem System überzeugt werden müsse."
Das kann nicht möglich sein, sagt ihr? – Um Verzeihung, das kann sehr möglich sein; denn es ist geschehen, und geschieht noch immer alle Tage. Nichts ist natürlicher. Der gute Mann liebte sein System wie sein eigen Fleisch und Blut. Er hatte es aus sich selbst gezeugt. Es war ihm statt Weib und Kind, statt aller Güter, Ehren und Freuden der Welt, auf die er bei seinem Eintritt in den Latonentempel Verzicht getan hatte; es war ihm über Alles. Als er sich hinsetzte, es von neuem zu prüfen, war er bereits so vollkommen von der Wahrheit und Schönheit desselben überzeugt,