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ist. Sorgen Sie dafür, dass Abschriften davon gemacht, und jedes Haus mit einem Exemplar versehen werde. Ist dies geschehen, dann wird das Sicherste sein, gar nicht mehr über die Sache zu raisonnieren. Die Akademie mag sonst Gutachten stellen worüber sie immer will. Die ganze natur liegt vor ihr offen. Sie kann reden vom Elephanten bis zur Blattlaus, vom Adler bis zur Wassermotte, vom Walfisch bis zur Schmerle, und von der Zeder bis zum Lykopodion; aber von den Fröschen soll sie schweigen!"

Herr Oberpriester, sagte der Archon, die Götter sollen mich bewahren, dass ich mir jemals einfallen lasse zu untersuchen, was es mit ihren Fröschen für eine Bewandtnis hat. Ich bin Archon, um alles in Abdera zu lassen wie ich es gefunden habe. Indessen liegt am Tage, dass wir uns vor lauter Fröschen nicht mehr rühren können; und diesem Unwesen muss gesteuert werden. Denn schlimmer darfs nicht mit uns werden, das sehen Sie selbst. Unsre Vorältern begnügten sich, den geheiligten Teich zu unterhalten, und wer seinen eignen Froschgraben haben wollte, dem stunde's frei. Dabei hätte man's lassen sollen. Da es aber nun einmal so weit mit uns gekommen ist, dass wir nächstens in Gefahr sind, lebendig oder tot von Fröschen gegessen zu werden: so werden uns Ew. Ehrwürden doch wohl nicht zumuten wollen, dass wirs darauf ankommen lassen sollen? Denn wenn einer von Fröschen gegessen würde, so möchte's ihm wohl ein schlechter Trost sein, zu denken, dass es keine gemeine Frösche seien. Kurz und gut, Herr Oberpriester! die Akademie soll ihr Gutachten stellen, weil ihr's vom Senat aufgetragen worden ist, undmit aller achtung, die ich Ew. Ehrwürden schuldig bin, ich werde Ihr Buch nicht lesen; und es soll mir ein für allemal ausgemacht werden, ob die Frösche um der Abderiten willen, oder die Abderiten um der Frösche willen da sind. Denn sobald die Republik durch die Frösche in Gefahr gesetzt wird, sehen Sie, so wird eine Staatssache daraus, und da haben die Priester der Latona nichts drein zu reden, wie Sie wissen. Denn Not hat kein Gesetz, undmit einem Wort Herr Oberpriester, wir wollen uns nicht von Ihren Fröschen essen lassen. Sollten Sie aber wider Verhoffen darauf bestehen: so täte mir es leid, wenn ich Ihnen sagen müsste, dass der Latonentempel nicht der einzige in Abdera ist, und das goldne Vliess, dessen Verwahrung die Götter meiner Familie anvertraut haben, könnte vielleicht eine bisher noch unerkannte Tugend äussern, und Abdera auf einmal vonaller Not befreien. Mehr will ich nicht sagen. Aber merken Sie sich das, Herr Oberpriester! Der Krug geht so lange zum wasser, bis er bricht.

Der gute Oberpriester wusste nicht, ob er wache oder träume, da er den Archon, den er immer für einen wohldenkenden und exemplarischen Regenten gehalten hatte, eine solche Sprache führen hörte. Er stunde eine Weile da, ohne ein Wort hervorbringen zu können; nicht weil er nichts zu sagen wusste, sondern weil er soviel zu sagen hatte, dass er nicht wusste, wo er anfangen sollte. Das hätte ich nimmermehr für möglich gehalten, fing er endlich an, dass ich die Zeit erleben sollte, wo der Oberpriester der Latona aus dem mund eines Archons hören müsste, was ich gehört habe!

Dem Archon fing bei diesen Worten an unheimlich zu werden. Denn, weil er selbst nicht mehr so eigentlich wusste, was er dem Oberpriester gesagt hatte, so wurde ihm bange, dass er mehr gesagt haben möchte, als sich geziemte. Er sah mit einiger Verlegenheit nach der Kabinettüre, als ob er seinen geheimen Rat Meidias gerne zu hülfe gerufen hätte. Da er sich aber diesmal allein helfen musste, so zupfte er sich wechselsweise bald an der Nase, bald am Bart, hustete, räusperte sich, und erwiderte endlich dem Oberpriester mit aller Würde, die er sich in der Eile geben konnte: Ich weiss nicht wie ich das nehmen soll, was Sie mir da sagten. Aber das weiss ich, wenn Sie was gehört zu haben glauben, das Sie nicht hätten hören sollen, so müssen Sie mich ganz unrecht verstanden haben. Sie sind ein sehr gelehrter Mann, und ich trage alle mögliche achtung für Ihre person und Ihr Amt

Sie wollen also mein Buch lesen? fragte Stilbon.

"Das eben nichtaberwenn Sie darauf bestehenwenn Sie glauben, dass es schlechterdings –"

Man soll das Gute niemand aufdringen, sagte der Priester mit einer Empfindlichkeit, über die er nicht Meister war. Ich will es Ihnen da lassen. Lesen Sie es oder nicht! Desto schlimmer für Sie, wenn Ihnen gleichgültig ist, ob Sie richtig oder unrichtig denken

Herr Oberpriester, fiel ihm der Archon, der endlich auch warm zu werden anfing, ins Wort, Sie sind ein empfindlicher Mann, wie ich sehe. Ich verdenk' es Ihnen zwar nicht, dass Ihnen die Frösche am Herzen liegen, denn dafür sind Sie Oberpriester. Sie sollten aber auch bedenken, dass ich Archon über Abdera und nicht über einen Froschteich bin. Bleiben Sie in Ihrem Tempel, und regieren Sie dort wie Sie wollen und können; auf dem rataus lassen Sie uns regieren. Die Akademie soll ihr Gutachten über die Frösche stellen, dafür geb' ich Ihnen mein Wort- und es soll Ihnen communiciert