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? – Nicht wahr, Herr Demokritus? – Sie sehen, dass ich auch ein wenig in Ihren Mysterien eingeweiht bin. Ha, Ha, Ha!"

Die sämtlichen Abderiten und Abderitinnen erleichterten sympatetischer Weise ihre Lungen abermals, und Herr Antistrepsiades, der einen Anschlag auf die Abendmahlzeit des jovialischen Ratsherrn gemacht hatte, unterstützte gefällig das allgemeine Gelächter mit lautem Händeklatschen.

Fünftes Kapitel

Unerwartete Auflösung des Knotens, mit einigen

neuen Beispielen von abderitischem Witz

Demokritus war in der Laune, sich mit seinen Abderiten und den Abderiten mit sich Kurzweile zu machen. Zu weise, ihnen irgend eine von ihren National- oder Individualunarten übel zu nehmen, konnte' er es sehr wohl leiden, dass sie ihn für einen überklugen Mann ansahen, der seinen abderitischen Mutterwitz auf seiner langen Wanderschaft verdünstet hatte, und nun zu nichts gut wäre, als ihnen mit seinen Einfällen und Grillen etwas zu lachen zu geben. Er fuhr also, nachdem sich das Gelächter über den witzigen Einfall des dicken Ratsherrn endlich gelegt hatte, mit seinem gewöhnlichen Phlegma fort, wo ihn der kleine jovialische Mann unterbrochen hatte.

Sagte ich nicht, wenn die griechische Hässlichkeit in Aetiopien Schönheit sei, so könnte wohl sein, dass beide Teile Recht hätten?

"Ja, ja, das sagten Sie, und ein Mann steht für sein Wort."

Wenn ich es gesagt habe, so muss ich's wohl behaupten; das versteht sich, Herr Antistrepsiades?

"Wenn Sie können."

Bin ich etwa nicht auch ein Abderit? Und zudem brauch ich hier nur die Hälfte meines Satzes zu beweisen, um das Ganze bewiesen zu haben: denn dass die Griechen Recht haben, darf nicht erst bewiesen werden; dies ist eine Sache, die in allen griechische Köpfen schon längst ausgemacht ist. Aber dass die Aetiopier auch Recht haben, da liegt die Schwierigkeit! Wenn ich mit Sophismen fechten, oder mich begnügen wollte, meine Gegner stumm zu machen, ohne sie zu überzeugen; so würde' ich, als Anwalt der ätiopischen Venus, die ganze Streitfrage dem inneren Gefühl zu entscheiden überlassen. Warum, würde' ich sagen, nennen die Menschen diese oder jene Figur, diese oder jene Farbe, schön? Weil sie ihnen gefällt. Gut; aber warum gefällt sie ihnen? Weil sie ihnen angenehm ist. Und warum ist sie ihnen angenehm? – O mein Herr, würde ich sagen, Sie müssen endlich aufhören zu fragen, oderich höre auf zu antworten. Ein Ding ist uns angenehm, weil eseinen Eindruck auf uns macht, der uns angenehm ist. Ich fordre alle Ihre Grübler heraus, einen bessern Grund anzugeben. Nun würde' es lächerlich sein, einem Menschen abstreiten zu wollen, dass ihm angenehm sei, was ihm angenehm ist; oder ihm zu beweisen, er habe Unrecht, sich wohlgefallen zu lassen, was einen gefallenden Eindruck auf ihn macht. Wenn also die Figur einer Gulleru seinen Augen wohl tut, so gefällt sie ihm, und wenn sie ihm gefällt, so nennt er sie schön, oder es müsste nur kein solches Wort in seiner Sprache sein.

"Und wennund wenn ein Wahnwitziger Pferdäpfel für Pfirschen ässe?" sagte Antistrepsiades.

"Pferdäpfel für Pfirschen! – gut gesagt, bei meiner Ehre! gut gesagt, rief der Ratsherr. Knacken Sie das auf, Herr Demokritus?" –

"Fi, Fi, doch, Demokritus, lispelte die schöne Myris, indem sie die Hand vor die Nase hielt; wer wird auch von Pferdäpfeln reden? Schonen Sie wenigstens unsrer Nasen!"

Jedermann sieht, dass sich die schöne Myris mit diesem Verweise an den witzigen Antistrepsiades hätte wenden sollen, der die Pferdäpfel zuerst aufgetragen hatte, und an den Ratsherrn, der dem Demokritus gar zumutete sie aufzuknacken. Aber es war nun einmal darauf abgesehen, den Demokritus lächerlich zu machen; der Instinct vertrat bei den sämtlichen Anwesenden hierin die Stelle einer Verabredung, und Myris konnte diese schöne gelegenheit zu einem Stich, der die Lacher auf ihre Seite brachte, unmöglich entwischen lassen. Denn gerade der Umstand, dass Demokrit, der ohnehin an den Pferdäpfeln des Antistrepsiades genug zu schlucken hatte, noch obendrein einen Verweis deswegen erhielt, kam den Abderiten und Abderitinnen so lustig vor, dass sie alle zugleich zu lachen anfingen, und sich völlig so gebärdeten, als ob der Philosoph nun aufs Haupt geschlagen sei und gar nicht wieder aufstehen könne.

Zu viel ist zu viel. Der gute Demokritus hatte zwar in zwanzig Jahren viel erwandert: aber seitdem er aus Abdera gegangen war, war ihm kein zwotes Abdera aufgestossen; und nun, da er wieder drin war, zweifelte er zuweilen auf einen oder zwei Augenblicke, ob er irgendwo sei? Wie war es möglich, mit solchen Leuten fertig zu werden?

"Nun, Vetter? – sagte der Ratsherr, kannst du die Pferdäpfel des Antistrepsiades nicht hinunter kriegen? Ha, ha, ha!"

Dieser Einfall war zu abderitisch, um die Zärtlichkeit der sämtlichen gebogenen, stumpfen, viereckigen und spitzigen Nasen in der Gesellschaft nicht zu überwältigen.

Die Damen kicherten ein zirpendes Hi, hi, hi, in das dumpfe donnernde Ha, ha, ha, der Mannspersonen.

Sie haben gewonnen, rief Demokritus; und zum Zeichen dass ich mein Gewehr mit guter Art strecke, sollen Sie sehen, ob ich die Ehre verdiene, Ihr Landsmann und Vetter zu sein. Und nun fing er an, mit einer Geschicklichkeit, worin ihm kein Abderite