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ist mir doch immer unbegreiflich vorgekommen, dass ein so gelehrter Mann in Geschäftssachen so einfältig sein kann wie ein kleines Kind.

Es ist unglücklich für den Latonentempel, sagte ein andrer Priester

Und für den ganzen Staat, setzte ein dritter hinzu.

Das weiss ich eben nicht, sprach der Nomophylax mit einem spitzfündigen Naserümpfen; wir wollen aber bei der Sache bleiben. Die Herren scheinen mir sämtlich der Meinung zu sein, dass die Zehnmänner zusammenberufen werden müssten – –

Um so mehr, sagte einer der Ratsherrenweil wir gewiss sind, die Majora gegen den Archon zu machen.

Wenn wir uns nicht besser helfen können, fuhr der Nomophylax fort, so bin ichs zufrieden. Aber sollten wir in einer Sache, wobei Latona und ihre Priesterschaft auf unsrer Seite sind, uns nicht noch besser helfen können? Machen wir nicht beinahe die Hälfte des Rats aus? Wir sind bloss mit sechs Stimmen majorisiert worden; und wenn wir fest zusammenhalten – –

Das wollen wir, schrien die Ratsherren aus voller Kehle.

"Ich habe einen Gedanken, meine Herren; aber ich muss ihn reifer werden lassen. Erkiesen Sie zwei oder drei aus Ihrem Mittel, mit denen ich mich diesen Abend auf meinem Gartenhause näher von der Sache besprechen könne. Es wird sich inzwischen zeigen, wie weit es der Oberpriester mit dem Archon Onokradias gebracht haben wird."

Ich wette meinen Kopf gegen eine Melone, sagte der Priester Charox, er wird aus arg ärger machen.

Desto besser, sagte der Nomophylax.

Fünftes Kapitel

Was zwischen dem Oberpriester und dem Archon

vorgefalleneines der lehrreichsten Kapitel in

dieser ganzen geschichte

Während dass dies in dem Vorsaal des Oberpriesters verhandelt wurde, hatte sich dieser in eigner person zum Archon erhoben, und über eine Sache, woran dem Archon viel gelegen sei, Audienz verlangt.

O, das wird ganz gewiss die Frösche betreffen, sagte der Ratsherr Meidias, der eben allein bei dem Archon war, und ihm berichtet hatte, dass man den Nomophylax mit seinem ganzen Anhang nach dem Latonentempel gehen gesehen habe.

Dass doch der Henkerverzeih mir es Latona! alle Frösche hätte, rief Onokradias ungeduldig; da wird mir der sauertöpfische Pfaffe die Ohren so voll Warums und Darums schwatzen, dass ich am Ende nicht wissen werde, wo mir der Kopfsteht! Helfen Sie mir, ich bitte Sie, von dem gespenstmässigen alten Kerl!

Meidias lachte über die Verlogenheit des Archons. hören Sie ihm immer an, sagte er; aber halten Sie fest über Ihrem Ansehen, und an dem Grundsatze, dass Not kein Gesetz hat. Wir können uns doch wahrlich nicht von Fröschen auffressen lassen; und wenn's so fortgehen sollte wie bisher, so möchte uns Latona eben sowohl allzumal in Frösche verwandeln. Es wäre immer noch das Glücklichste, was uns widerfahren könnte, wenn uns nicht bald auf andre Weise geholfen wird. Allenfalls kann's auch nicht schaden, wenn Ew. Gnaden dem Priester zu verstehen geben, dass Jason auch einen Tempel zu Abdera hat, und dass Götter nur in so fern Götter sind als sie Gutes tun.

Schön, schön, sagte der Archon. Wenn ich nur alles so behalten könnte, wie Sie mir's da gesagt haben! Aber ich will mich schon zusammennehmen. Lasst den Priester nur anrücken! gehen Sie indessen in mein Cabinet, Meidias. Sie werden eine feine Anzahl kleiner Stücke vom Parrhasius darin finden, die man nicht überall siehtAber sagen Sie meiner Frau nichts davon! Sie verstehen mich doch?

Meidias schlich sich in das Cabinet; der Archon stellte sich in Positur, und Stilbon wurde vorgelassen.

"Gnädiger Herr Archon, sagte er, ich komme Ew. Gnaden einen guten Rat zu geben, weil ich eine grosse Meinung von Dero Weisheit hege, und gerne Unheil verhüten möchte."

Ich danke Ihnen für beides, Herr Oberpriester! Ein guter Rat findet, wie Sie wissen, eine gute Statt. Was haben Sie anzubringen?

"Der Senat, fuhr Stilbon fort, hat sich, wie ich höre, in Sachen, die Frösche der Latona betreffend, eines übereilten Schlusses schuldig gemacht"

Herr Oberpriester! – –

"Ich sage nicht, dass sie es aus bösem Willen getan. Die Menschen sündigen bloss, weil sie unwissend sind. Hier bringe ich Ew. Gnaden ein Buch, woraus Sie sich belehren können, was es mit unsern Fröschen für eine Bewandtnis hat. Es hat mir viele Mühe und Nachtwachen gekostet. Sie können daraus lernen, dass die Akademie, die von gestern her ist, kein Recht haben kann über Frösche zu erkennen, die so alt sind, als die Gotteit der Latona. Die Frösche zu Abdera sind, wie wir alle wissen sollten, ganz ein ander Ding als die Frösche anderer Orte in der Welt. Sie gehören der Latona an. Sie sind niemals aussterbende Zeugen und lebendige Documente ihrer Gotteit. Es ist Unsinn, zu sagen, dass ihrer zu viel sein könnten, und ein Sacrilegium, von Mitteln zu reden, wodurch ihre Anzahl vermindert werden soll."

Ein Sacrilegium, Herr Oberpriester?

"Ich verdiente nicht Oberpriester zu sein, wenn ich zu solchen Dingen schweigen wollte. Denn wenn wir einmal zugelassen hätten, dass die Anzahl der Latonenfrösche vermindert werden dürfe: so möchten unsre noch schlimmern Nachkommen wohl gar so weit verfallen, sie gänzlich ausrotten zu wollen. Wie gesagt, in diesem buch werden Ew. Gnaden alles finden, was von der Sache zu glauben