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immer richtig aus falschen Vordersätzen, wunderte sich immer über die natürlichsten Ereignisse, und erwartete immer einen glücklichen Erfolg von Mitteln, die seine Absichten notwendig vereiteln mussten. Sein Kopf war und blieb, so lang er lebte, ein Sammelplatz aller populären Vorurteile. Das blödeste alte Mütterchen in Abdera war nicht leichtgläubiger als er; und, so ungereimt es vielen unsrer Leser scheinen wird, so gewiss ist es, dass er vielleicht der einzige Mann in Abdera war, der in vollem Ernst an die Frösche der Latona glaubte.

Bei allem dem wurde der Oberpriester Stilbon durchgehends für einen wohlgesinnten und friedliebenden Mann gehaltenund in so ferne man ihm die negativen Tugenden, die eine notwendige Folge seiner Lebensart, seines Standes und seiner Neigung zum speculativen Leben waren, für voll anrechnete: so konnte er allerdings für weiser und besser gelten, als irgend einer seiner Mitabderiten. Diese letzteren hielten ihn für einen Mann ohne Leidenschaften, weil sie sahen, dass nichts von allem, was die Begierden andrer Leute zu reizen pflegt, Gewalt über ihn hatte. Aber sie dachten nicht daran, dass er auf alle diese Dinge keinen Wert legte: entweder, weil er sie nicht kannte; oder, weil er durch eine lange Gewohnheit, bloss in Speculationen zu leben, sich Untüchtigkeit und Abneigung zu allem, was andre Gewohnheiten voraussetzt, zugezogen hatte.

Indessen hatte der gute Stilbon, wiewohl ohne es selbst zu wissen, eine leidenschaft, welche ganz allein hinreichend war, soviel Unheil in Abdera anzustiften, als alle übrigen, die er nicht hatte und das war die leidenschaft für seine Meinungen. Selbst aufs vollkommenste von ihrer Wahrheit überzeugt, konnte er nicht begreifen, wie ein Mensch, wenn er auch nichts als seine blossen fünf Sinne und den allgemeinsten Menschenverstand hätte, über irgend etwas eine andre Vorstellungsart haben könne, als er. Wenn sich also dieser Fall zutrug, so wusste er sich die Möglichkeit desselben nicht anders zu erklären, als durch die Alternative: dass ein solcher Mensch entweder nicht bei Sinnenoder dass er ein boshafter, vorsetzlicher und verstockter Feind der Wahrheit, und also ein ganz verabscheuenswürdiger Mensch sein müsse. Durch diese Denkart war der Oberpriester Stilbon, mit aller seiner Gelehrsamkeit und mit allen seinen negativen Tugenden, ein gefährlicher Mann in Abdera; und würde es noch ungleich mehr gewesen sein, wenn seine Indolenz und sein entschiedener Hang zur Einsamkeit nicht alles, was um ihn her geschah, so weit von ihm entfernt hätte, dass es ihm selten bedeutend genug vorkam, um die mindeste Kenntnis davon zu nehmen.

Ich habe nie gehört, dass man Ursache haben könnte, sich über eine allzugrosse Menge der Frösche zu beklagen, sagte Stilbon ganz gelassen, als der Nomophylax mit seinem Vortrag zu Ende war.

Davon soll jetzt die Rede nicht sein, Herr Oberpriester, versetzte jener. Der Senat ist über diesen Punct so ziemlich einer Meinung, und, ich denke, die ganze Stadt dazu. Aber dass der Akademie aufgetragen worden, die Mittel und Wege, wodurch der übermässigen Froschmenge am füglichsten abgeholfen werden könne, vorzuschlagen: das ist es, was wir niemals zugeben können.

Hat der Senat der Akademie einen solchen Auftrag getan? fragte Stilbon.

"Sie hören ja, rief Hypsiboas etwas ungeduldig; das ist es ja eben, was ich Ihnen sagte, und warum wir da sind."

So hat der Senat einen Schritt getan, wobei ihn seine gewöhnliche Weisheit gänzlich verlassen hat, erwiderte der Priester eben so kaltblütig wie zuvor. Haben Sie den Ratschluss bei sich?

"Hier ist eine Abschrift davon!"

Hm, hm, sagte Stilbon und schüttelte den Kopf, nachdem er ihn sehr bedächtlich ein- oder zweimal überlesen hatte; hier sind ja beinahe so viel Absurditäten als Worte! Primo: muss erst erwiesen werden, dass zu viel Frösche in Abdera sind; oder vielmehr, dies kann in Ewigkeit nicht erwiesen werden. Denn, um bestimmen zu können, was zu viel ist, muss man erst wissen, was genug ist; und dies ist gerade, was wir unmöglich wissen können, es wäre denn, dass der delphische Apollo, oder seine Mutter Latona selbst, uns durch ein Orakel darüber verständigen wollte. Die Sache ist sonnenklar. Denn da die Frösche unmittelbar unter dem Schutz und Einfluss der Göttin stehen: so ist es ungereimt zu sagen, dass ihrer jemals mehr seien, als der Göttin beliebt; und also braucht die Sache nicht nur gar keiner Untersuchung, sondern sie lässt auch keine Untersuchung zu. Secundo: gesetzt, dass der Frösche wirklich zu viel wären, so ist es doch ungereimt, von Mitteln und Wegen zu reden, wodurch ihre Anzahl vermindert werden könnte. Denn es gibt keine solche Mittel und Wege, wenigstens keine, die in unsrer Willkür stehen, welches eben so viel ist, als ob es gar keine gebe. Tertio: ist es ungereimt, der Akademie einen solchen Auftrag zu machen. Denn die Akademie hat nicht nur kein Recht, über Gegenstände von dieser Wichtigkeit zu erkennen, sondern sie besteht auch, wie ich höre, grösstenteils aus Witzlingen und seichten Köpfen, die von solchen Dingen gar nichts verstehen; und zum klaren Beweis, dass sie nichts davon verstehen, sollen sie, wie ich höre, sogar albern genug sein, darüber zu scherzen und zu spotten. Ich traue diesen armen Leuten zu, dass es aus Unverstand geschieht. Denn, hätten sie mein Buch von den Altertümern des Latonentempels mit Bedacht gelesen: so müssten