; sie würden sonst in Gefahr gewesen sein, bei dieser gelegenheit völlig taub zu werden. Aber man war solcher Artigkeiten auf dem rataus zu Abdera schon gewohnt, und liess also die beiden mächtigen Schreier, gleich zwei eifersüchtigen Bullen, einander so lange anbrüllen, bis sie – vor Heiserkeit nicht mehr schreien konnten.
Da es von diesem Augenblick an nicht mehr der Mühe wert war, ihnen zuzuhören, so fragte der Archon den Stadtschreiber: wieviel die Uhr sei? – und auf die Versicherung, dass die Mittagsessenszeit herannahe, wurde unverzüglich zur Umfrage geschritten.
Hier beliebe man sich zu erinnern, dass es auf dem rataus zu Abdera bei Abfassung eines Schlusses niemals darum zu tun war, die Gründe, welche für oder wider eine Meinung vorgetragen worden waren, kaltblütig gegen einander abzuwägen, und sich auf die Seite desjenigen zu neigen, der die besten gegeben hatte: sondern man schlug sich entweder zu dem, der am längsten und lautsten geschrien hatte, oder zu dem, dessen Partei man hielt. Nun pflegte zwar die Partei des Archon in currenten Sachen fast immer die stärkere zu sein; aber diesesmal, da es (mit dem Präsidenten der Akademie zu reden) eine so schlüpfrige Sache betraf, würde Onokradias schwerlich die Oberhand erhalten haben, wenn Stentor seine Lungenflügel nicht so ausserordentlich angegriffen hätte. Es wurde also mit 28 Stimmen gegen 22 beschlossen: dass der Akademie ein Gutachten abgefodert werden sollte, durch was für Mittel und Wege der übermässigen Vermehrung der Frösche in und um Abdera (jedoch der schuldigen Ehrfurcht für Latonen und den Rechten ihres Tempels in alle Wege unbeschadet) Einhalt getan werden könnte?
Die Clausel hatte der Ratsherr Meidias ausdrükklich einrücken lassen, um die Partei des Nomophylax entweder zu gewinnen oder ihr wenigstens keinen Vorwand zu lassen, dessen sie sich bedienen könnte, das Volk gegen die Majorität aufzuwiegeln. Aber der Nomophylax und sein Anhang versicherten, dass sie nicht so einfältig wären, sich durch Clauseln eine Nase drehen zu lassen. Sie protestierten gegen den Schluss ad Protocollum, liessen sich davon Extractum in forma probante erteilen, und begaben sich unverzüglich in Procession zu dem Oberpriester Stilbon, um ihn von diesem unerhörten Eingriffe in die Rechte der Batrachotrophen und des Latonentempels Nachricht zu geben, und die Massnehmungen abzureden, welche zu Aufrechtaltung ihres Ansehens schleunigst ergriffen werden müssten.
Viertes Kapitel
Charakter und Lebensart des Oberpriesters Stilbon
Verhandlung zwischen den Latonenpriestern und
den Ratsherren von der Minorität
Stilbon sieht die Sache aus einem eignen
Gesichtspunct an, und geht, dem Archon selbst
Vorstellungen zu machen
Merkwürdige Unterredung zwischen den
Zurückgebliebnen
Der Oberpriester Stilbon war bereits der dritte, der dem ehrwürdigen Strobylus (dessen Asche im Frieden ruhe!) in dieser Würde gefolgt war. In den Charakteren dieser beiden Männer war, den Eifer für die Sache ihres Ordens ausgenommen, sonst wenig ähnliches. Stilbon hatte von Jugend an die Einsamkeit geliebt, und sich in den unzugangbarsten Gegenden des Latonenhains, oder in den abgelegensten Winkeln ihres Tempels mit Speculationen beschäftigt, die desto mehr Reiz für seinen Geist hatten, je weiter sie sich über die Grenzen der menschlichen Erkenntnis zu erheben schienen; oder, richtiger zu reden, je weniger sich der mindeste praktische Gebrauch zum Vorteil des menschlichen Lebens davon machen liess. Gleich einer unermüdeten Spinne sass er im Mittelpunct seiner Gedanken- und Wortgewebe; ewig beschäftigt, den kleinen Vorrat von Ideen, den er in dem engen Bezirke des Latonentempels und bei einer so abgeschiedenen Lebensart hatte erwerben können, in so klare und dünne Fäden auszuspinnen, dass er alle die unzählbaren leeren Zellen seines Gehirns über und über damit austapezieren konnte.
Ausser diesen metaphysischen Speculationen hatte er sich am meisten mit den Altertümern von Abdera, Tracien und Griechenland, und besonders mit der geschichte aller festen Länder, Inseln und Halbinseln, die (nach uralten Traditionen) einst da gewesen, aber seit undenklichen zeiten nicht mehr da waren, zu tun gemacht. Der ehrliche Mann wusste kein Wort davon, was zu seiner eignen Zeit in der Welt vorging, und noch weniger, was 50 Jahre vor seiner Zeit darin vorgegangen; sogar die Stadt Abdera, an deren einem Ende er lebte, war ihm wenig bekannter als Memphis oder Persepolis. dafür aber war er desto einheimischer in dem alten Pelasgerlande, wusste genau, wie jedes Volk, jede Stadt und jeder kleine Flecken geheissen, ehe sie ihren gegenwärtigen Namen führten; wusste, wer jeden in Ruinen liegenden Tempel gebauet hatte, und zählte die Successionen aller der Könige an den Fingern her, die vor der Überschwemmung Deukalions unter den Toren ihrer kleinen Städte sassen, und jedem Recht sprachen, der – sichs nicht selbst zu verschaffen im stand war. Die berühmte Insel Atlantis war ihm so bekannt, als ob er alle ihre herrlichen Paläste, Tempel, Marktplätze, Gymnasien, Amphiteater u.s.w. mit eignen Augen gesehen hätte; und er würde untröstbar gewesen sein, wenn ihm jemand in seinem dicken buch von den Wanderungen der Insel Delos, oder in irgend einem andern von den dicken Büchern, die er über eben so interessante Materien hatte ausgehen lassen, die kleinste Unrichtigkeit hätte zeigen können.
Mit allen diesen Kenntnissen war Stilbon freilich ein sehr gelehrter, aber auch, ungeachtet derselben, ein sehr beschränkter, und in allen Sachen, die das praktische Leben betrafen, höchsteinfältiger Mann. Seine Begriffe von den menschlichen Dingen waren fast alle unbrauchbar, weil sie selten oder nie auf die Fälle passten, wo er sie anwandte. Er urteilte immer schief von dem, was gerade vor ihm stunde, schloss