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zu diesem Ende angelegt; und das Policeicollegium, dem hauptsächlich die Verschönerung der Stadt in seine Pflichten gegeben war, kam endlich gar auf den Einfall, durch die Alleen, womit Abdera ringsumgeben war, zu beiden Seiten schmale Canäle ziehen, und mit Fröschen besetzen zu lassen. Das Project wurde vor Rat gebracht, und passierte ohne Widerspruch; wiewohl man sich genötigt sah, um diese Canäle und die übrigen öffentlichen Froschteiche mit dem benötigten wasser zu versehen, den Fluss Nestus beinahe gänzlich abgraben zu lassen. Weder die Kosten, die durch alle diese Operationen dem Aerario aufgeladen wurden, noch der vielfältige Nachteil, der aus dem Abgraben des Flusses entstund, wurden in die mindeste Betrachtung gezogen; und als ein junger Ratsherr nur im Vorbeigehn erwähnte, dass der Nestus nahe am Eintrocknen wäredesto besser, rief einer von den Froschpflegern; so haben wir einen grossen Froschgraben mehr, ohne dass es der Republik einen heller kostet.

Wer sich bei diesemfreilich nur in Abdera möglichen Entusiasmus für die Verschönerung der Stadt durch Froschgräben am besten befand, waren die Priester des Latonentempels. Denn, ungeachtet sie den Laich aus dem heiligen Teiche sehr wohlfeil, nämlich den abderitischen Cyatus (der ungefähr ein Nössel unsers Masses betragen mochte) nur für zwo Drachmen verkauften: so wollte doch jemand berechnet haben, dass sie in den ersten zwei bis drei Jahren, da die Schwärmerei am wirksamsten war, über fünftausend Dariken damit gewonnen hätten. Die Summe scheint uns bei allem dem zu hoch angesetzt; wiewohl nicht zu leugnen ist, dass sie sich für den Laich, den sie der Republik ablieferten, das Duplum aus der Baucasse bezahlen liessen.

übrigens dachte in ganz Abdera niemand an die Folgen dieser schönen Anstalten. Die Folgen kamen, wie gewöhnlich, von sich selbst. Aber weil sie nicht auf einmal da stunden, so währte es nicht nur eine geraume Zeit, bis man sie bemerkte; sondern, da sie endlich auffallend genug wurden, um nicht länger, sogar von Abderiten, übersehen zu werden: so konnten diese doch, trotz ihrem bekannten Scharfsinn, die Quelle derselben nicht ausfindig machen. Die abderitischen Ärzte zerbrachen sich die Köpfe, um zu erraten, woher es käme, dass Schnuppen, Flüsse und Hautkrankheiten aller Arten von Jahr zu Jahr so mächtig überhand nahmen, und so hartnäckig wurden, dass sie aller ihrer Kunst und aller Niesewurz von Anticyra Trotz boten. Kurz, Abdera mit der ganzen Gegend umher war beinahe in einen allgemeinen unabsehbaren Froschteich verwandelt, eh es einem ihrer Philosophen einfiel, die Frage aufzuwerfen: ob eine grenzenlose Vermehrung der Froschmenge einem Staat nicht vielleicht mehr Schaden tun könnte, als die Vorteile, die man sich davon verspreche, jemals wieder gut zu machen vermöchten?

Zweites Kapitel

Charakter des Philosophen Korax

Nachrichten von der Akademie der Wissenschaften

zu Abdera

Korax wirft in derselben eine verfängliche Frage, in

Betreff der Latonenfrösche, und sich selbst zum

Haupt der Gegenfröschler auf

Betragen der Latonenpriester gegen diese Secte,

und wie sie bewogen wurden, selbige für

unschädlich anzusehen

Der merkwürdige Kopf, der zuerst die Wahrnehmung machte, dass die Menge der Frösche in Abdera in der Tat übermässig sei, und mit der Anzahl und dem Bedürfnis der zweibeinigten unbefiederten Einwohner ganz und gar in keinem Verhältnis stehe, nannte sich Korax. Es war ein junger Mann von gutem haus, der sich etliche Jahre zu Aten aufgehalten, und in der Akademie (wie die von Plato gestiftete Philosophenschule bekanntermassen genennt wurde) gewisse Grundsätze eingesogen hatte, die den Fröschen der Latona nicht allzugünstig waren. Die Wahrheit zu sagen, Latona selbst hatte durch seinen Aufentalt zu Aten so viel bei ihm verloren, dass es kein Wunder war, wenn er ihre Frösche nicht mit aller der Ehrfurcht ansehen konnte, die von einem rechtdenkenden Abderiten gefodert wurde. "Eine jede schöne Frau ist eine Göttin, pflegte er zu sagen: wenigstens eine Göttin der Herzen; und Latona war unstreitig eine sehr schöne Frau; aber was geht das die Frösche, unddie Sache bloss menschlich und im Lichte der Vernunft betrachtetwas gehen am Ende die Frösche Latonen an? Und gesetzt auch, die Göttin für die ich übrigens so viel Ehrfurcht hege, als einer schönen Frau und einer Göttin gebührtgesetzt, sie habe die Frösche vor allem andern Geziefer und Ungeziefer der Welt in ihren besonderen Schutz genommen: folgt denn daraus, dass man der Frösche nie zuviel haben könne?"

Korax war, als er so zu raisonnieren anfing, ein Mitglied der Akademie, welche in Abdera zur Nachahmung der ateniensischen gestiftet worden war. Denn die Abderiten waren, wie wir wissen, schon von langem her darauf gestellt, alles wie die Atenienser haben zu wollen. Diese Akademie war ein kleiner in Spaziergänge ausgehauener Wald, ganz nahe bei der Stadt; und da sie unter dem Schutz des Senats stunde, und auf Kosten des Aerariums angelegt worden war: so hatten die Herren von der Polizeicommission nicht ermangelt, sie reichlich mit Froschgräben zu versehen. Die Glieder der Akademie fanden sich zwar nicht selten durch den eintönigen Chorgesang dieser quakenden Philomelen in ihren tiefsinnigen Betrachtungen gestört. Allein, da dies an jedem andern Orte in und um die Stadt Abdera eben so wohl der Fall gewesen wäre: so hatten sie sich immer in Geduld darein ergeben; oder, richtiger zu reden, man war des Froschgesangs in Abdera so gewohnt, dass man nicht mehr davon hörte, als die Einwohner von Katadupa von dem grossen Nilfall, in dessen Nachbarschaft sie leben, oder als die Anwohner