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und ihnen öfters bald im Scherz, bald im Ernst vorhergesagt, dass, wenn sie nicht in zeiten Vorkehrung täten, ihre quakenden Mitbürger sie endlich aus Abdera hinausquaken würden. Die Vornehmern konnten über diesen Punct sehr gut Scherz vertragen; denn sie wollten wenigstens nicht dafür angesehen sein, als ob sie mehr von den Fröschen der Latona glaubten, als Demokritus selbst. Aber das Übel war, dass er sie weder durch Schimpf noch Ernst dahin bringen konnte, die Sache aus einem vernünftigen Gesichtspuncte zu beherzigen. Scherzte er darüber, so scherzten sie mit; sprach er ernstaft, so lachten sie über ihn, dass er über so was ernstaft sein könne. Und so blieb es denn, Einwendens ungeachtet, wie in allen Dingen, so auch hierinnen zu Abdera immerbeim alten Brauch.

Indessen wollte man doch zu Demokritus zeiten eine gewisse Lauigkeit in Absicht auf die Frösche unter der edlen abderitischen Jugend wahrgenommen haben. Gewiss ist, dass der Priester Strobylus öfters grosse Klaglieder darüber anstimmte, dass die meisten guten Häuser die Froschgräben, die sie von Alters her in ihren Gärten unterhalten hätten, unvermerkt eingehen liessen; und dass der gemeine Mann beinahe der einzige sei, der in diesem Stücke noch fest an dem löblichen alten Brauch hange, und seine Ehrfurcht für den geheiligten Teich auch durch freiwillige Gaben zu Tage lege.

Wer sollte nun bei so bewandten Sachen vermutet haben, dass gerade unter allen Abderiten derjenige, auf den am wenigsten ein Verdacht, dass er an der Deisibatrachie krank sei, fallen könntekurz, dass der Erzpriester Agatyrsus der Mann war, der, bald nach Endigung der Fehde zwischen den Eseln und Schatten, dem erkalteten Eifer der Abderiten für die Frösche wieder ein neues Leben gab?

Gleichwohl ist es unmöglich, ihn von diesem seltsamen Widerspruch zwischen seiner inneren Überzeugung und seinem äusserlichen Betragen freizusprechen; und wenn wir nicht bereits von seiner Art zu denken unterrichtet wären, würde das Letztere kaum zu erklären sein. Aber wir kennen diesen Priester als einen ehrgeizigen Mann. Er hatte sich während der letzten Unruhen an der Spitze einer mächtigen Partie gesehen, und hatte keine Lust, dieses Vergnügen gegen ein geringeres Aequivalent zu vertauschen, als einen fortdaurenden Einfluss auf die ganze nun wieder beruhigte Republikeine Sache, die er nunmehr durch kein gewissers Mittel erhalten konnte, als durch eine grosse Popularität, und durch eine gefälligkeit gegen die Vorurteile des volkes, die ihn um so weniger kostete, da er (wie so viele seines gleichen) die Religion bloss als eine politische Maschine ansah, und im grund äusserst gleichgültig darüber war, ob es Frösche oder Eulen oder Hammelsfelle seien, was ihm die freieste und sicherste Befriedigung seiner Lieblingsleidenschaften gewährte.

Diesemnach also, und um sich auf die wohlfeilste Art bei dem volk im Ansehen und Einfluss zu erhalten, verbannte er bald nach Endigung des Schattenkriegs nicht nur die Störche, über welche die Froschpfleger Klage geführt hatten, aus allen Gerichten und Gebieten des Jasontempels; sondern trieb die gefälligkeit gegen seine neuen Freunde so weit, dass er mitten auf einer Esplanade (die einer seiner Vorfahren zu einem öffentlichen Spazierplatz gewidmet hatte) einen Canal graben liess, und sich zu Besetzung desselben auf eine sehr verbindliche Art einige Fässer mit Froschlaich aus dem geheiligten Teiche von dem Oberpriester Strobylus ausbat; welche ihm denn auch, nach einem der Latona gebrachten feierlichen Opfer in Begleitung des ganzen abderitischen Pöbels mit grosser Feierlichkeit zugeführet wurden.

Von diesem Tage an war Agatyrsus der Abgott des volkes, und ein Froschgraben, zu rechter Zeit angelegt, verschaffte ihm, was er sonst mit aller Politik, Wohlredenheit und Freigebigkeit nie erlangt haben würde. Er herrschte, ohne die Ratsstube jemals zu betreten, so unumschränkt in Abdera als ein König; und weil er den Ratsherren und Zunftmeistern alle Wochen zwei- oder dreimal zu essen gab, und ihnen seine Befehle nie anders als in vollen Bechern von Chierwein insinuierte: so hatte niemand etwas gegen einen so liebenswürdigen Tyrannen einzuwenden. Die Herren glaubten nichts destoweniger auf dem rataus ihre eigne Meinung zu sagen, wenn ihre Vota gleich nur der Widerhall der Schlüsse waren, welche Tages zuvor im Speisesaal des Erzpriesters abgefasst wurden.

Agatyrsus war der erste, der sich, unter guten Freunden, über seinen neuen Froschgraben lustig machte. Aber das Volk hörte nichts davon. Und da sein Beispiel auf die edlen von Abdera mehr wirkte, als seine Scherze: so hätte man den Wetteifer sehen sollen, womit sie, um ebenfalls Proben von ihrer Popularität abzulegen, entweder die vertrockneten Froschgräben in ihren Gärten wieder herstellten, oder neue anlegten, wo noch keine gewesen waren. Wie in Abdera alle Torheiten ansteckend waren, so blieb auch von dieser niemand frei. Anfangs war es nur Mode, eine Sache die zum guten Ton gehörte. Ein Bürger von einigem Vermögen würde sichs zur Schande gerechnet haben, hierin hinter seinem vornehmern Nachbar zurückzubleiben. Aber unvermerkt wurde es ein unvermeidliches Requisitum eines guten Bürgers; und wer nicht wenigstens eine kleine Froschgrube innerhalb seiner vier Pfähle aufweisen konnte, würde für einen Feind Latonens und für einen Verräter am vaterland ausgeschrien worden sein.

Bei einem so warmen Eifer der Privatpersonen ist leicht zu erachten, dass der Senat, die Zünfte und übrigen Collegien nicht die letzten waren, der Latona gleichmässige Beweise ihrer Devotion zu geben. Jede Zunft liess sich ihren eignen Froschzwinger graben. Auf jedem öffentlichen Platz der Stadt, ja gar vor dem rataus selbst (wo die Kräuter- und Eierweiber ohnehin Lerms genug machten), wurden grosse mit Schilf und Rasen eingefasste Bassins