Vortrag gemäss abgefasst, wiewohl es einige Mühe kostete, den Zunftmeister Pfrieme dahin zu bringen, dass er nicht den Ungeraden machte; und der grosse Rat, mit seiner martialischen Bürgerwache im Vor- und Hintertreffen, begleitete den Nomophylax bis vor seine wohnung zurück, wo er die Herren Collegen samt und sonders auf den Abend zu einem grossen Concert einlud, welches er ihnen, zu Befestigung der wiederhergestellten Eintracht zum Besten geben wollte.
Der Erzpriester Agatyrsus erliess dem Eseltreiber nicht nur die versprochnen fünf und zwanzig Prügel, sondern schenkte ihm noch obendrein drei schöne Maulesel aus seinem eignen Stalle, mit dem ausdrücklichen Verbot, keine Schadloshaltung aus dem abderitischen Aerario anzunehmen. Des folgenden Tages gab er den sämtlichen Schatten aus dem kleinen und grossen Rat ein prächtiges Gastmahl; und am Abend liess er unter die gemeinen Bürger von allen Zünften eine halbe Drachme auf den Mann austeilen, um dafür auf seine und aller guten Abderiten Gesundheit zu trinken. Diese Freigebigkeit gewann ihm auf einmal wieder aller Herzen; und da die Abderiten ohnehin (wie wir wissen) Leute waren, denen es nichts kostete, von einer Extremität zur andern überzugehen: so ist sich, bei einem so edlen Betragen des bisherigen Oberhaupts der stärkern Partei, nicht zu verwundern, dass die Namen von Eseln und Schatten in kurzem gar nicht mehr gehört wurden. Die Abderiten lachten jetzt selbst über ihre Torheit als einen Anstoss von fiebrischer Raserei, der nun, Gottlob! vorüber sei. Einer ihrer Balladenmänner (deren sie sehr viele und sehr schlechte hatten) eilte was er konnte, die ganze geschichte in ein Gassenlied zu bringen, das sogleich auf allen Strassen gesungen wurde; und der Dramenmacher Tlaps ermangelte nicht, binnen wenigen Wochen sogar eine Komödie daraus zu verfertigen, wozu der Nomophylax eigenhändig die Musik componierte.
Dieses schöne Stück wurde öffentlich mit grossem Beifall aufgeführt, und beide ehmalige Parteien lachten so herzlich darin, als ob die Sache sie gar nichts anginge.
Demokritus, der sich von dem Erzpriester hatte bereden lassen, mit in dies Schauspiel zu gehen, sagte beim Herausgehen: Diese Ähnlichkeit mit den Ateniensern muss man den Abderiten wenigstens eingestehen, dass sie recht treuherzig über ihre eigne Narrenstreiche lachen können. Sie werden zwar nicht weiser darum; aber es ist immer schon viel gewonnen, wenn ein Volk leiden kann, dass ehrliche Leute sich über seine Torheiten lustig machen, und mitlacht, anstatt, wie die Affen, tückisch darüber zu werden.
Es war die letzte abderitische Komödie, in welche Demokritus in seinem Leben ging: denn bald darauf zog er mit Sack und Pack aus der Gegend von Abdera weg, ohne einem Menschen zu sagen, wo er hinginge; und von dieser Zeit an hat man keine weitere Nachrichten von ihm.
Fünftes Buch
oder
die Frösche der Latona
Erstes Kapitel
Erste Quelle des Übels, welches endlich den
Untergang der abderitischen Republik nach sich zog
Politik des Erzpriesters Agatyrsus
Er lässt einen eignen öffentlichen
Froschgraben anlegen
Nähere und entferntere Folgen dieses
neuen Instituts
Die Republik Abdera genoss einige Jahre auf die eben so gefährlichen als – Dank ihrem gutlaunigen Genius! – so glücklich abgelaufnen Bewegungen wegen des Eselsschatten der vollkommensten Ruhe von innen und aussen; und wenn es natürlicherweise möglich wäre, dass Abderiten sich lange wohl befinden könnten: so hätte man, dem Anschein nach, ihrem Wohlstande die längste Dauer versprechen sollen. Aber, zu ihrem Unglück, arbeitete eine ihnen allen verborgene Ursache – ein geheimer Feind, der desto gefährlicher war, weil sie ihn in ihrem eignen Busen
Die Abderiten verehrten (wie wir wissen) seit undenklichen zeiten die Latona als ihre Schutzgöttin.
So viel sich auch immer mit gutem Fug gegen den Latonendienst einwenden lässt: so war es nun einmal ihre von Vorältern auf sie geerbte volkes- und Staatsreligion; und sie waren in diesem Stücke nicht schlimmer dran, als alle übrigen griechischen Völkerschaften. Ob sie, wie die Atenienser, Minerven, oder Juno, wie die von Samos, oder Dianen, wie die Ephesier, oder die Grazien, wie die Orchomenier, oder ob sie Latonen verehrten, darauf kam's nicht an: eine Religion mussten sie haben, und in Ermangelung einer bessern war eine jede besser als gar keine.
Aber der Latonendienst hätte auch ohne den geheiligten Froschgraben bestehen können. Wozu hatten sie nötig, den einfältigen Glauben der alten Tejer, ihrer Vorältern, durch einen so gefährlichen Zusatz aufzustutzen? Wozu die Frösche der Latona, da sie die Latona selbst hatten? – Oder, wenn sie ja ein sichtbares Denkmal jener wundervollen Verwandlung der lycischen Bauern zur Nahrung ihres abderitischen Glaubens bedurften: hätten ein Halbdutzend ausgestopfte Froschhäute, mit einer schönen goldnen Inschrift, in einer Kapelle des Latonentempels aufgestellt, mit einem brokatnen Tuch umschleiert, und alle Jahr mit gehörigen Feierlichkeiten dem volk vorgezeigt, ihrer Einbildungskraft nicht die nämlichen Dienste getan?
Demokritus, ihr guter Mitbürger, aber zum Unglück ein Mann, dem man nichts glauben konnte, weil er in dem bösen Rufe stand, dass er selbst nichts glaube, hatte, während er sich unter ihnen aufhielt, bei gelegenheit zuweilen ein Wort davon fallen lassen: dass man des Guten, zumal wo Frösche mit im Spiele wären, leicht zu viel tun könne; und da seine Ohren, nach einer zwanzigjährigen Abwesenheit, an das liebliche Brekekekek Koax Koax, das ihm zu Abdera bei Nacht und Tag um die Ohren schnarrte, nicht so gewöhnt waren, als die etwas dicken Ohren seiner Landesleute: so hatte er ihnen einigemal nachdrückliche Vorstellungen gegen ihre Deisibatrachie (wie er es nannte) getan,