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Wenn Sie mir jemals die Ehre erweisen, mich zu besuchen, antwortete der Philosoph mit der ungezwungensten Höflichkeit, so sollen Sie erfahren, wie es mit der schönen Gulleru gegangen ist. Jetzt muss ich diesem Herrn mein Versprechen halten. Die Gestalt der schönen Gulleru also –
(Der schönen Gulleru, wiederholten die Abderitinnen und lachten von neuem; aber ohne dass Demokritus sich diesmal unterbrechen liess.)
– flösste zu ihrem Unglück den Jünglingen ihres Landes die stärkste leidenschaft ein. Dies scheint zu beweisen, dass man sie schön gefunden habe; und ohne Zweifel lag der Grund, weswegen man sie schön fand, in allem dem, warum man sie nicht für hässlich hielt. Diese Aetiopier fanden also einen Unterschied zwischen dem was ihnen schön und was ihnen nicht schön vorkam; und wenn zehn verschiedene Aetiopier in ihrem Urteil von dieser Helena übereinstimmten, so kam es vermutlich daher, weil sie einerlei Begriff von Schönheit und Hässlichkeit hatten.
"Dies folgt nicht; (sagte der abderitische Gelehrte;) konnte nicht unter zehn jeder etwas anderes an ihr liebenswürdig finden?"
Der Fall ist nicht unmöglich; aber er beweist nichts gegen mich. Gesetzt, der eine hätte ihre kleinen Augen, ein anderer ihre schwellenden Lippen, ein dritter ihre grossen Ohren bewundernswürdig würdig gefunden: so setzt auch dies immer eine Vergleichung zwischen ihr und andern ätiopischen Schönen voraus. Die übrigen hatten Augen, Ohren und Lippen, so wohl wie Gulleru. Wenn man also die ihrigen schöner fand, so musste man ein gewisses Modell der Schönheit haben, mit welchem man z. E. ihre Augen und andre Augen verglich; und dies ist alles, was ich mit meinem Ideal sagen wollte.
"Indessen (erwiderte der Gelehrte,) werden Sie doch nicht behaupten wollen, dass diese Gulleru schlechterdings die schönste unter allen schwarzen Mädchen vor ihr, neben ihr, und nach ihr gewesen sei? ich meine, die Schönste in Vergleichung mit dem Modelle, wovon Sie sagten."
Ich wüsste nicht, warum ich dies behaupten sollte, versetzte Demokritus.
"Es konnte also eine geben, die z. E. noch kleinere Augen, noch dickere Lippen, noch grössere Ohren hatte?"
Möglicher Weise, so viel ich weiss.
"Und in Absicht dieser letzteren gilt ohne Zweifel die nämliche Voraussetzung, und so ins Unendliche. Die Aetiopier hatten also kein Modell der Schönheit; man müsste denn sagen, dass sich unendlich kleine Augen, unendlich dicke Lippen, unendlich grosse Ohren denken lassen?"
Wie subtil die abderitischen Gelehrten sind! dachte Demokritus. Wenn ich eingestund, sagte er, dass es ein schwarzes Mädchen geben könne, welche kleinere Augen oder dickere Lippen hätte als Gulleru, so sagte ich damit noch nicht, dass dieses schwarze Mädchen den Aetiopiern darum schöner hätte vorkommen müssen als Gulleru. Das Schöne hat notwendig ein bestimmtes Mass, und was über solches ausschweift, entfernt sich eben so davon, wie das, was unter ihm bleibt. Wer wird daraus, dass die Griechen in der Grösse der Augen und in der Kleinheit des Mundes ein Stück der vollkommenen Schönheit setzen, den Schluss ziehen: eine Frau, deren Augapfel einen Daumen im Durchschnitt hielten, oder deren Mund so klein wäre, dass man Mühe hätte, einen Strohhalm hineinzubringen, müsste von den Griechen für desto schöner gehalten werden?
Der Abderite war geschlagen, wie man sieht; und er fühlte es. Aber ein abderitischer Gelehrter hätte sich eher erdrosseln lassen, als so was einzugestehen. Waren nicht Philinnen und Lysandren, und ein kurzer dicker Ratsherr da, an deren Meinung von seinem Verstand ihm gelegen war? Und wie wenig kostete es ihm, Abderiten und Abderitinnen auf seine Seite zu bringen? – In der Tat wusste er nicht sogleich, was er sagen sollte. Aber in fester Zuversicht, dass ihm wohl noch was einfallen werde, antwortete er indessen durch ein höhnisches Lächeln; welches zugleich andeutete, dass er die Gründe seines Gegners verachte, und dass er im Begriff sei, den entscheidenden Streich zu führen. "ist es möglich, rief er endlich in einem Ton, als ob dies die Antwort auf die letzte Rede des Demokritus sei17, können Sie die Liebe zum Paradoxen so weit treiben, im Angesicht dieser Schönen zu behaupten, dass ein geschöpf, wie Sie uns diese Gulleru beschrieben haben, eine Venus sei?"
Sie haben vergessen, versetzte Demokrit sehr gelassen, dass die Rede nicht von mir und diesen Schönen, sondern von Aetiopiern war. Ich behauptete nichts; ich erzählte nur was ich gesehen hatte. Ich beschrieb Ihnen eine Schönheit nach ätiopischem Geschmack. Es ist nicht meine Schuld, wenn die griechische Hässlichkeit in Aetiopien Schönheit ist. Auch sehe ich nicht, was mich berechtigen könnte, zwischen den Griechen und Aetiopiern zu entscheiden. Ich vermute, es könnte sein, dass beide Recht hätten.
Ein lautes Gelächter, dergleichen man aufschlägt, wenn jemand etwas unbegreiflich Ungereimtes gesagt hat, wieherte dem Philosophen aus allen anwesenden Hälsen entgegen.
"Lass hören, lass doch hören, rief der dicke Ratsherr, indem er seinen Wanst mit beiden Händen hielt, was unser Landsmann sagen kann, um zu beweisen, dass beide Recht haben! Ich höre für mein Leben gerne so was behaupten. Wofür hätte man auch sonst euch gelehrte Herren? – Die Erde ist rund; der Schnee ist schwarz; der Mond ist zehnmal so gross als der ganze Peloponnesus; Achilles kann keine Schnecke im Laufen einholen – Nicht wahr, Herr Antistrepsiades