einen Brief von mir mit dem Weiteren. Es ist nötig, dass nichts gepflückt werde, ehe es reif ist. Und vierzehn Tage auf oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst du sagen: dass sie für ihren Sohn beten soll, und dass ich sie um Vergebung bitte wegen alles Verdrusses, den ich ihr gemacht habe. Das war nun mein Schicksal, die zu betrüben, denen ich Freude schuldig war. lebe' wohl, mein Teuerster! Allen Segen des himmels über dich! lebe' wohl!" Was in dieser Zeit in Lottens Seele vorging, wie ihre Gesinnungen gegen ihren Mann, gegen ihren unglücklichen Freund gewesen, getrauen wir uns kaum mit Worten auszudrücken, ob wir uns gleich davon, nach der Kenntnis ihres Charakters, wohl einen stillen Begriff machen können, und eine schöne weibliche Seele sich in die ihrige denken und mit ihr empfinden kann.
So viel ist gewiss, sie war fest bei sich entschlossen, alles zu tun, um Wertern zu entfernen, und wenn sie zauderte, so war es eine herzliche, freundschaftliche Schonung, weil sie wusste, wie viel es ihm kosten, ja dass es ihm beinahe unmöglich sein würde. Doch ward sie in dieser Zeit mehr gedrängt, Ernst zu machen; es schwieg ihr Mann ganz über dies Verhältnis, wie sie auch immer darüber geschwiegen hatte, und um so mehr war ihr angelegen, ihm durch die Tat zu beweisen, wie ihre Gesinnungen der seinigen wert seien.
An demselben Tage, als Werter den zuletzt eingeschalteten Brief an seinen Freund geschrieben, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er abends zu Lotten und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung zu bringen, die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurecht gemacht hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Tür und die Erscheinung eines aufgeputzten Baumes mit Wachslichtern, Zukkerwerk und Äpfeln in paradiesische Entzückung setzte. – "Sie sollen," sagte Lotte, indem sie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg, "Sie sollen auch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind; ein Wachsstöckchen und noch was." – "Und was heissen Sie geschickt sein?" rief er aus; "wie soll ich sein? wie kann ich sein? beste Lotte!" – "Donnerstag abend", sagte sie, "ist Weihnachtsabend, da kommen die Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch – aber nicht eher." – Werter stutzte. – "Ich bitte Sie," fuhr sie fort, "es ist nun einmal so, ich bitte Sie um meiner Ruhe willen, es kann nicht, es kann nicht so bleiben." – Er wendete seine Augen von ihr und ging in der stube auf und ab und murmelte das "Es kann nicht so bleiben!" zwischen den Zähnen. – Lotte, die den schrecklichen Zustand fühlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten, suchte durch allerlei fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens. – "Nein, Lotte," rief er aus, "ich werde Sie nicht wiedersehen!" – "Warum das?" versetzte sie, "Werter, Sie können, Sie müssen uns wiedersehen, nur mässigen Sie sich. O warum mussten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden leidenschaft für alles, was Sie einmal anfassen, geboren werden! Ich bitte Sie," fuhr sie fort, indem sie ihn bei der Hand nahm, "mässigen Sie sich! Ihr Geist, Ihre Wissenschaften, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltige Ergetzungen dar! Sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurige anhänglichkeit von einem geschöpf, das nichts tun kann als Sie bedauern." – Er knirrte mit den Zähnen und sah sie düster an. – Sie hielt seine Hand. "Nur einen Augenblick ruhigen Sinn, Werter!" sagte sie. "Fühlen Sie nicht, dass Sie sich betriegen, sich mit Willen zugrunde richten! Warum denn mich, Werter? just mich, das Eigentum eines andern? just das? Ich fürchte, ich fürchte, es ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizend macht." – Er zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit einem starren, unwilligen blick ansah. "Weise!" rief er, "sehr weise! hat vielleicht Albert diese Anmerkung gemacht? Politisch! sehr politisch!" – "Es kann sie jeder machen." versetzte sie drauf. "Und sollte denn in der weiten Welt kein Mädchen sein, das die Wünsche Ihres Herzens erfüllte? Gewinnen Sie's über sich, suchen Sie darnach, und ich schwöre Ihnen, Sie werden sie finden; denn schon lange ängstigt mich, für Sie und uns, die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit her selbst gebannt haben. Gewinnen Sie es über sich, eine Reise wird Sie, muss Sie zerstreuen! Suchen Sie, finden Sie einen werten Gegenstand Ihrer Liebe, und kehren Sie zurück, und lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft geniessen."
"Das könnte man", sagte er mit einem kalten lachen, "drucken lassen und allen Hofmeistern empfehlen. Liebe Lotte! lassen Sie mir noch ein klein wenig Ruh, es wird alles werden!" – "Nur das, Werter, dass